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Reportage: Die Stimme der Latinos trägt Cowboy-Hut

Reportage : Die Stimme der Latinos trägt Cowboy-Hut

"Los Tigres del Norte" heißt die Band, die Millionen Einwanderern in den USA aus der Seele spricht – besser als irgendein Politiker.

"Los Tigres del Norte" heißt die Band, die Millionen Einwanderern in den USA aus der Seele spricht — besser als irgendein Politiker.

Kommt Jorge Hernández richtig in Fahrt, winkelt er gern das eine Bein an und steht nur auf dem anderen, wie die Flamingos draußen in den Sümpfen am Golf von Mexiko. Man sieht, wie ihn der Schalk packt, wie er grinsend mit seinem Akkordeon den Balanceakt in die Länge zieht. Dann lüftet der Sänger seinen Cowboyhut und hält ihn mit großer Geste über den Kopf, was die Hutträger im Publikum inspiriert, dasselbe zu tun.

Zwei Stunden nach Mitternacht, die Arena dampft. Überall tanzen Pärchen, obwohl es eng ist wie in der sprichwörtlichen Sardinenbüchse. Auf der Bühne singen und spielen vier Brüder, Jorge, Hernán, Eduardo und Luis Hernández, und ein Cousin namens Oscar Lara — Los Tigres del Norte, "die Tiger des Nordens". Ein Rezensent hat die Gruppe einmal als Kreuzung zwischen den Rolling Stones und Willie Nelson beschrieben, halb Rock 'n' Roll, halb Country. Was wichtiger ist: Die Tigres sind die Stimme der Latinos, prägnanter, unverwechselbarer als die irgendeines Politikers, der für die Einwanderer aus Lateinamerika spricht.

Ein Jubelschrei lässt die Hallenwände zittern, als Jorge Hernández, "El Jefe" ("Der Chef") ankündigt, ein Lied, das so etwas ist wie ihre Erkennungsfanfare. "Tres Veces Mojado": Gemeint ist ein Mensch, der dreimal nass wird. Eigentlich ist Mojado abwertender Slang, ein Wort, mit dem Tea-Party-Freunde jene Immigranten bedenken, die ohne gültige Papiere über den Rio Grande kommen. Die Tigres singen es mit dem Respekt von Leuten, die genau wissen, was für eine abenteuerliche Reise ein dreimal Durchnässter hinter sich hat. Wer aus El Salvador in Richtung Houston aufbricht, muss drei Flüsse durchqueren, den Paz, den Suchiate, den Rio Grande. Vielleicht nicht schwimmend, wie der Text suggeriert, eher in einem Boot.

"Die Vereinigten Staaten von Mittelamerika"

Aber das ist egal, es geht um die Symbolik einer Fahrt, bei der man alles riskiert. Irgendwann flimmern Kurzfilmszenen über die Leinwand hinter der Bühne. Eine Pistole unterm Kopfkissen eines Teenagers. Die nächste Szene zeigt eine Beerdigung — der Junge bezahlte den Krieg zweier Banden mit seinem Leben. Es sind die Verhältnisse, denen Mojados zu entfliehen versuchen.

"Wir sind in Houston", hatte Jorge Hernández zur Begrüßung in den dunklen Saal gerufen. "Wir sind aber auch in Mexiko! In El Salvador! In Honduras! In Guatemala! In Nicaragua!" Nach jedem Ländernamen brach Jubel los. Dann fasste es der Jefe in einem euphorischen Satz zusammen: Hier seien heute die Vereinigten Staaten von Mittelamerika versammelt. Rund 5000 Zuschauer passen in den Nachtclub von den Ausmaßen einer Arena. Drinnen Bierpfützen und knarrende Dielen, draußen Industriebaracken, Lagerhallen, der Lärm einer vielspurigen Autobahn.

Hier im Norden ist Houston, ohnehin keine schöne Stadt, noch ein bisschen hässlicher als anderswo. Im Saal eine Silhouette von Stetsons, breitkrempigen Cowboyhüten, kaum ein männlicher Besucher, der unbehütet zum Konzert erscheint. Die meisten tragen Hemden mit großen Karos, die Mädchen und Frauen fast durchweg Schuhe mit mindestens zehn Zentimeter hohen Absätzen. Und denkbar kurze Röcke. Kündigt El Jefe einen Titel an, reckt sich ihm ein Wald von Stetsons entgegen, als wäre es eine Szene aus einem texanischen Klischeebilderbuch. Und das Publikum singt mit, oft andächtig, melancholisch, wehmütig. Es gibt praktisch keine Zeile, die hier nicht jeder auswendig kann.

Der Durchschnittsamerikaner kennt die Band nicht

Emma Robles hat ihre beiden Kinder der Obhut einer Tante überlassen, sie braucht das Konzert, sie will feiern. Bevor Präsident Barack Obama im November ein Einwanderungsdekret beschloss, faktisch einen Abschiebestopp, lebte die Hotelzimmerfrau ein Leben in ständiger Verunsicherung. Vor 25 Jahren als Zweijährige von ihren Eltern über den Rio Grande geschmuggelt, musste sie jederzeit mit der Deportation rechnen, im Extremfall mit der Trennung von ihren Kindern, die, in Houston geboren, US-Staatsbürger sind. Das ist vorbei. Emma Robles will einen Führerschein beantragen, einen Test zum Erlangen der Hochschulreife absolvieren, sich um besser bezahlte Stellen bewerben. "Wenigstens bist du dieses Etikett los, auf dem 'illegal' steht."

Neben Gitarren, Schlagzeug und Saxofon prägen vor allem Akkordeons den Klang der Tigres. Manche Melodien lassen an Polka denken, was kein Zufall ist, denn einst waren es zugewanderte Bergleute aus Böhmen und Deutschland, die den Norteno, den Musikstil im Norden Mexikos, stark beeinflussten. Bei aller Tragik des Erzählten — die Balladen der Tigres klingen bisweilen so nüchtern, als wären sie für die TV-Nachrichten aufgeschrieben. Vor einem Jahr marschierte die Band an der Spitze eines Demonstrationszuges zum Kapitol in Washington, um Druck für eine Einwanderungsreform zu machen. In Houston spielte sie einmal vor 67.000 Zuschauern. Doch der Durchschnittsamerikaner, sofern er nicht aus Lateinamerika stammt, hat in aller Regel noch nie etwas von ihr gehört.

"Somos Mas Americanos", kündigt Hernández den nächsten Song an. Es ist die Hymne des Selbstwertgefühls, eines Sich-Luft-Machens angesichts des harten Malocherlebens, das die meisten an diesem Abend Versammelten führen, in Schlachthöfen, auf Baustellen, in Fastfood-Imbissen. "Sie haben mir 1000 Mal zugerufen, dass ich zurückgehen soll in mein eigenes Land, weil hier kein Platz für mich ist. Dabei sind wir amerikanischer als die Kinder der Angelsachsen, denn in unseren Adern fließt indianisches Blut."

Oder "La Jaula de Oro", "Der goldene Käfig", die Parabel eines mexikanischen Migranten, der sich eine neue Existenz aufgebaut hat, dem es finanziell gut geht, und der sich zurücksehnt in seine alte Heimat. Schließlich "Mis Dos Patrias", das Lied von den zwei Vaterländern. "Nennt mich nicht einen Verräter, ich liebe beide. In dem einen habe ich meine Toten zurückgelassen, in dem anderen kamen meine Kinder zur Welt."

(RP)