Die Republik der Alten

Die Republik der Alten

Die Bevölkerung schrumpft unaufhaltsam. Auch in NRW müssen sich die Kommunen auf die demografische Entwicklung einstellen, die zudem gravierende Folgen für den Arbeitsmarkt hat.

Berlin/Düsseldorf Deutschland schafft sich zwar nicht ab, wie es Thilo Sarrazin mit seinem gleichlautenden Buchtitel glauben machen will. Das Land wird jedoch gewaltig schrumpfen. 2060 werden dem Demografiebericht der Bundesregierung zufolge nur noch zwischen 65 und 70 Millionen Menschen im Bundesgebiet leben. Das wären bis zu 17 Millionen weniger als heute. In 50 Jahren wird es außerdem genauso viele 80-Jährige wie unter 20-Jährige geben. Jeder Dritte wird mindestens 65 sein.

Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge wird Deutschland sogar seinen Status als bevölkerungsreichstes Land in Europa verlieren. Frankreich, das noch 65,4 Millionen Einwohner hat, wird bis 2060 auf 73,6 Millionen Menschen anwachsen. Großbritanniens Bevölkerung wird sich um zehn Millionen auf über 70 Millionen vergrößern. Bei den Nachbarn gelinge die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie eben besser, sagen Experten. In den meisten Ländern der Europäischen Union zeigt die Bevölkerungskurve jedoch wie in Deutschland nach unten.

Besonders stark betroffen vom Bevölkerungsrückgang sind die neuen Bundesländer, wo in 50 Jahren voraussichtlich ein Drittel weniger Menschen leben als heute. In NRW wird die Einwohnerzahl von derzeit knapp 18 Millionen bis zum Jahr 2030 auf weniger als 17 Millionen sinken, sagt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung voraus. Mit einer Bevölkerungszunahme können demnach nur die vier kreisfreien Städte Bonn, Düsseldorf, Köln und Münster rechnen.

Die Zahl der über 80-Jährigen werde in NRW bis 2030 um 49 Prozent zunehmen, heißt es weiter. Allerdings werde diese Entwicklung regional höchst unterschiedlich verlaufen. Während in Gelsenkirchen die Zahl der über 80-Jährigen um rund 19 Prozent steigen wird, werden es im Rhein-Erft-Kreis bis zu 91 Prozent sein.

"Unsere Bevölkerungsprognose zeigt sehr deutlich, wo die deutschen Kommunen ihre Planungen überdenken müssen", sagte Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, bei der Vorstellung der Daten. Zu den Herausforderungen gehörten der steigende Bedarf an Pflegekräften, die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf und die Pflegeinfrastruktur mit Tages- und Kurzzeitpflege sowie vollstationärer Pflege.

"Wir sind gefordert, unser gesellschaftliches Fundament umzubauen", sagt Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU). Die Bundesregierung werde im Frühjahr 2012 eine Demografiestrategie vorlegen. Darin sollen konkrete Vorschläge für Bund, Länder, Kommunen, Wirtschaft und Gewerkschaften enthalten sein.

Gravierend sind die Folgen der Bevölkerungsentwicklung für den Arbeitsmarkt: Der Rückgang der Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter setzte zwar bereits vor zehn Jahren ein, konnte aber durch mehr Frauen und ältere Beschäftigte ausgeglichen werden. Im Jahr 2030 aber wird die Zahl von derzeit rund 59 Millionen erwerbsfähigen Menschen auf noch knapp 44 Millionen zurückgegangen sein. Künftig sollen deshalb noch mehr Frauen beim beruflichen Wiedereinstieg unterstützt und das Potenzial qualifizierter Zuwanderer besser genutzt werden.

"Bekannte Zahlen und Prognosen zu wiederholen, reicht nicht", kritisiert jedoch der Demografie-Beauftragte der SPD-Fraktion, Franz Müntefering. "Im Bericht der Regierung herrscht Computer-Akribie vor. Herzblut findet man da nicht", sagte Müntefering unserer Zeitung. Er schlägt die Bildung einer "Demografie-Kommission auf Zeit" vor, um ein "abgestimmtes Vorgehen von Bund, Ländern und Kommunen" voranzutreiben.

(RP)
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