Analyse: Die neue Angst vor der Atombombe

Analyse : Die neue Angst vor der Atombombe

Die Zahl der Nuklearwaffen sinkt zwar weltweit, doch einzelne Staaten rüsten auf. Darauf weist das Friedensforschungsinstitut Sipri in seinem Jahresbericht hin und warnt: Ein Einsatz ist wahrscheinlicher geworden.

Eine Karikatur der 60er Jahre zeigt eine Atombombe in einer Konferenzrunde mit den Staatsmännern der damaligen Zeit. "Meine Herren, der Friede bin ich!", steht in der Sprechblase. Doch diese eindimensionale Zeit des Kalten Krieges, in der sich zwei hochgerüstete Machtblöcke im Gleichgewicht des Schreckens in dem Bewusstsein gegenüberstanden, dass der, der als erster schießt, als zweiter stirbt, hat sich in ein unheimliches, schwer kalkulierbares Geflecht aufgelöst. Das geht aus dem Jahrbuch 2015 hervor, das jetzt das renommierte Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri (Stockholm International Peace Research Institute) vorgelegt hat. Dessen besorgniserregendes Fazit: Alle Atommächte modernisieren zurzeit ihre Arsenale; darunter sind unberechenbare Staaten wie Nord-Korea oder Pakistan. Die Gefahr eines nuklearen Kriegs - so die Schlussfolgerung - ist heute so groß wie nie.

Dabei schien das nukleare Gespenst nach Ende des Ost-West-Konflikts gebannt. Die Nato zog geschätzt 5000 Nuklearwaffen aus Westdeutschland ab und verschrottete ihre Kurz- und Mittelstreckenraketen; Russland begann ebenfalls damit, sein Atomarsenal zu reduzieren. US-Präsident Barack Obama beschrieb im April 2009 gar vor 30 000 begeisterten Menschen in Prag die Vision einer atomwaffenfreien Welt - es blieb ein Traum. Heute arbeiten alle neun Atommächte an Neuentwicklungen, berichteten die unabhängigen Stockholmer Forscher anlässlich der Präsentation ihres neuen Jahrbuchs.

Die Gesamtzahl der Sprengköpfe ging zwar im Vergleich zu 2014 von weltweit 16 350 auf 15 850 erneut zurück. Aber die Zahl einsatzbereiter Waffen stieg von 4000 auf 4300. Und Länder wie China, Indien und Pakistan haben nuklear aufgerüstet. 1800 dieser Waffen würden "in besonders hoher Einsatzbereitschaft" gehalten. Sorge bereitet Sipri die abnehmende Transparenz: "Die USA haben aufgehört, detaillierte Informationen über die russischen und chinesischen Atomstreitkräfte zu veröffentlichen. China bleibt undurchsichtig, Indien und Pakistan sagen nichts zu Zustand und Größe ihrer Arsenale." Israel schweige ohnehin über seine nuklearen Fähigkeiten.

Es vergeht kaum ein Tag, dass Moskauer Staatsmedien nicht die Schlagkraft des russischen Arsenals rühmen und über erfolgreiche Tests neuer Raketen berichten. Die Nato bestätigte unserer Zeitung, dass Russland sein nukleares Potenzial modernisiert. "Moskau hat selbst angekündigt, Kurzstreckenraketen von Typ ,Iskander' in die Exklave Kaliningrad zu verlegen", sagte ein Sprecher in Brüssel. Kaliningrad, früher Königsberg, liegt an der Ostsee zwischen Polen und Litauen. Damit lägen Hauptstädte wie Berlin, Warschau und Prag in der Reichweite dieser atomaren Flugkörper. Zudem drohe Moskau dem Westen mit der Stationierung von Bombern auf der annektierten Halbinsel Krim.

Wohin zielen diese Sprengköpfe? Darauf gibt es keine offizielle Antwort, nur Angaben aus dem Kalten Krieg: Alte Militärdokumente aus Polen, Tschechien und der DDR beweisen, dass das östliche Militärbündnis bei einem Angriff nicht nur Panzer und Soldaten eingesetzt, sondern sofort auch atomar losgeschlagen hätte. In Papieren, die die DDR-Streitkräfte nicht mehr rechtzeitig vernichten konnten, ist die Rede davon, dass fast 500 nukleare Gefechtsköpfe auf westdeutschem Boden explodieren sollten. Diese Pläne wurden erst ab 1986 unter dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow geändert.

Umgekehrt sind von den einst 5000 Nato-Sprengköpfen in Deutschland mutmaßlich noch zwischen 17 und 22 übrig geblieben. Dies schließen Experten unter anderem aus den Inspektionsterminen der speziellen US-Sicherheitstruppe für Nuklearwaffen, die seit einigen Jahren auch den US-Stützpunkt Ramstein/Pfalz nicht mehr aufsucht. Vor dem Umbau des Flugplatzes waren 130 Atomwaffen abgezogen worden. Sie sind offenbar in den USA geblieben.

So ist das Mosel-Örtchen Büchel bei Cochem Deutschlands letzter Nuklearwaffenstandort. Im Fliegerhorst Büchel lagern unter strenger Geheimhaltung und Bewachung vermutlich noch um die 20 Bomben vom Typ B-61 - letzter Rest des "atomaren Schutzschirms" der Vereinigten Staaten für Deutschland. Die 3,60 Meter langen Fallschirm-Bomben würden von "Tornado"-Jets des Jagdbombergeschwaders 33 eingesetzt.

Die Bundesrepublik hat zwar aus politischen Gründen auf den Besitz von Atomwaffen verzichtet, darf sie aber im Rahmen der sogenannten nuklearen Teilhabe der Nato im Verteidigungsfall trotzdem einsetzen. Dafür waren auf Bundeswehr-Flugplätzen und in Raketenbasen wie in Nörvenich oder Arsbeck (Kreis Heinsberg) in zusätzlich gesicherten Bereichen amerikanische Nuklearwaffen eingelagert. Sie wurden von US-Soldaten bewacht, die Übergabe an die Alliierten durfte allein der US-Präsident anordnen. Für Büchel gilt dieses Verfahren noch heute. Im Rahmen der Teilhabe sind je etwa 20 weitere nukleare Sprengkörper auf den Nato-Flughäfen Kleine Brogel (Belgien) und Volkel (Niederlande) stationiert.

Die Nuklearwaffen der Nato und Russlands bereiten dem Sipri-Institut noch die geringeren Sorgen. Nordkorea sieht sich seit 2012 offiziell als Atommacht und droht damit unverhohlen. Beunruhigend finden Beobachter die enge Zusammenarbeit mit dem Mullah-Regime in Teheran, das ebenfalls nach der Bombe strebt. Geheimdienstquellen gehen von bis zu acht nordkoreanischen Plutoniumbomben aus, was sich mit den Sipri-Erkenntnissen deckt.

Misstrauen ist ein häufiges Motiv beim Streben nach starker Atombewaffnung: Indien, Pakistan und China beäugen sich kritisch, ebenso Israel, Saudi Arabien und der Iran. Gelingt Teheran der Bau der Bombe, dürfte das ein neues Wettrüsten im arabischen Raum anstoßen. Werden sich Südkorea und Japan auch in Zukunft von ihrem Verbündeten USA ausreichend vor Nordkorea und China geschützt fühlen oder selbst nuklear nachrüsten? Was wäre, wenn islamistische Terroristen in den Besitz von Atomwaffen zum Beispiel eines kollabierenden Staates Pakistan gerieten? Abwehrmaßnahmen wie ein land- und seegestützter Raketenschutzschirm der Nato sind zwar im Aufbau, aber extrem teuer und politisch umstritten.

Der Sipri-Experte Shannon Kili brachte es bei der Vorstellung des Berichts in Stockholm auf den Punkt: Die aktuelle Entwicklung zeige, dass keine Atommacht bereit sei, "in absehbarer Zukunft auf ihr nukleares Potenzial zu verzichten".

(RP)
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