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Interview: Martin Kobler: "Die Kongo-Mission kostet Deutschland 100 Millionen Dollar"

Interview: Martin Kobler : "Die Kongo-Mission kostet Deutschland 100 Millionen Dollar"

Der Chef der Blauhelm-Mission im Kongo glaubt an die Chance, einen 20-jährigen Krieg zu beenden. Er fordert mehr deutsches Engagement.

Der Diplomat Martin Kobler (61) war einst Büroleiter des damaligen Bundesaußenministers Joschka Fischer. Seit Mitte 2013 ist er UN-Sonderbeauftragter für die Demokratische Republik Kongo und Chef der dort eingesetzten Blauhelmtruppe Monusco. Wir sprachen mit Kobler am Rande eines Besuchs bei der Gerda-Henkel-Stiftung in Düsseldorf, deren Kuratorium er ab dem 1. Januar 2015 angehören wird.

Herr Kobler, seit 20 Jahren herrscht Krieg im Kongo, seit 15 Jahren sind UN-Blauhelme dort. Was veranlasst Sie zu glauben, dass dieses Land jemals befriedet werden kann?

Kobler Ich bin zuversichtlich, weil wir seit Anfang 2013 endlich die nötigen Voraussetzungen dafür haben. Zum einen haben die Blauhelme nun ein offensives Mandat, das heißt, sie können bewaffnete Gruppen, die die Bevölkerung terrorisieren, aktiv bekämpfen. So ist es uns vor einem Jahr gelungen, die M23-Rebellen zu besiegen. Ferner haben elf Nachbarstaaten sich in einem Abkommen dazu verpflichtet, sich nicht mehr direkt oder indirekt in den Konflikt einzumischen. Und schließlich gibt es einen breiten internationalen Konsens, Druck auf alle Beteiligten auszuüben, um endlich Frieden zu schaffen im Kongo.

Der Blauhelm-Einsatz kostet 1,4 Milliarden Dollar im Jahr - mit überschaubarem Erfolg. Besteht nicht die Gefahr, dass die internationale Gemeinschaft die Geduld verliert?

Kobler Die Geduld ist eigentlich schon am Ende! Man kann diese hohen Kosten - Deutschland steuert übrigens 100 Millionen Dollar bei - nicht in alle Ewigkeit rechtfertigen. Der UN-Generalsekretär muss bis Jahresende einen Bericht über die Lage im Kongo vorlegen und gleichzeitig ein Ausstiegsszenario skizzieren. Wir werden in absehbarer Zeit damit beginnen müssen, die Truppenstärke allmählich herunterzufahren. Die Zeit drängt also.

Droht im Kongo damit ein überstürzter Truppenabzug wie aus dem Irak - mit ähnlichen Folgen?

Kobler Das darf uns nicht passieren. Es ist richtig, wir wollen raus aus dem Kongo. Aber das kann man nur verantworten, sobald die Armee dort selbst für Sicherheit sorgen kann. Wir haben deswegen ein Trainingsprogramm für die kongolesischen Streitkräfte gestartet. Der Kongo ist eigentlich ein reiches Land mit enormen Ressourcen. Aber ohne Sicherheit ist keine soziale und wirtschaftliche Entwicklung möglich. Deswegen dürfen wir jetzt nicht kleckern, sondern müssen klotzen.

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Sie sind der einzige deutsche Leiter einer UN-Mission. Wünschen Sie sich mehr deutsches Engagement?

Kobler Ja, ich finde, wir müssten da mehr tun. Und ich werbe in Berlin auch aktiv für eine stärkere deutsche Rolle bei internationalen Kriseneinsätzen - einschließlich der militärischen Beteiligung. Aber mir ist schon klar, dass gerade die Entsendung von Soldaten einen breiten Konsens in der Gesellschaft voraussetzt. Und der ist nicht leicht zu erreichen, weil wir Deutschen uns daran gewöhnt haben, dass wir solche Dinge lieber anderen überlassen.

Immerhin haben Bundespräsident Gauck und mehrere Bundesminister zuletzt öffentlich gefordert, Deutschland müsse künftig auch militärisch stärker Verantwortung übernehmen. Eine außenpolitische Wende?

Kobler Ich denke schon. Die Einsicht setzt sich allmählich durch, dass man sich aus vielen Konflikten eben nicht heraushalten kann, wenn man nicht will, dass die Folgen uns irgendwann erreichen, zum Beispiel über Flüchtlingsströme. Im Kongo handelt es sich zwar eher um einen implodierenden Konflikt, der nur wenig nach außen abstrahlt. Aber es gibt natürlich auch eine humanitäre Komponente, die mich persönlich ganz besonders motiviert: Im Kongo sind in 20 Jahren fünf bis sechs Millionen Menschen umgekommen. Da kann man doch nicht einfach danebenstehen!

M. BEERMANN FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(RP)