1. Politik

Mächtige von morgen: Die interessantesten Talente des Bundestages

Mächtige von morgen : Die interessantesten Talente des Bundestages

Sie sind der breiten Öffentlichkeit kaum oder gar nicht bekannt. Dennoch sollte man sich ihre Namen merken, weil sie mit ihrem Potenzial in Zukunft in Berlin ganz oben mitmischen könnten. Ein Blick auf fünf möglicherweise Mächtige von morgen.

Stefan Liebich (41), Linke

Ein Internetseiten-Wortspiel als Programm: "Berlinliebich". Kein Wunder, dass der gebürtige Greifswalder Stefan Liebich die Hauptstadt schätzen gelernt hat: Dort brachte er es in 15 Jahren Landespolitik zum Fraktionsvorsitzenden und bewies damit seine Fähigkeit, innerparteiliche Fliehkräfte zusammenzubinden. Dort gewann er für den Bundestag erneut einen Direktwahlkreis und zeigte seine persönliche Mehrheitsfähigkeit. Und dort ist er nun angetreten, die Linke auch im Bund regierungsfähig zu machen.

Wenn es um Gründe geht, warum Rot-Rot-Grün aus offizieller SPD-Sicht auf Bundesebene nicht funktionieren kann, dann steht die Außenpolitik weit vorn — und die formuliert für die Linke nun Liebich im Auswärtigen Ausschuss. Bemerkenswert, wie er dafür warb, erstmals einem bewaffneten Auslandseinsatz der Bundeswehr (zum Schutz der Vernichtung syrischen Giftgases) zuzustimmen.

Unumwunden räumt er ein, die DDR in seiner Jugend viel zu "rosarot" gesehen zu haben. Viele Ostdeutsche stimmen seiner Erklärung zu, damals mit dem Gefühl gelebt zu haben, im besseren deutschen Staat zu sein. Ohne ideologische Scheuklappen hat er keine Probleme damit, selbst bestimmte Leistungen von bei den Linken verhassten Politikern wie Dirk Niebel (FDP) gut zu finden. Diesen Pragmatismus bringt er auch innerparteilich in Strukturen, etwa durch das reform-orientierte Forum Demokratischer Sozialismus. Wenn es 2017 spannend wird, steckt auch Liebich dahinter.
Gregor Mayntz

Luise Amtsberg (29), Grüne

Als Spitzenkandidat landesweit auf den Plakaten im Bundestagswahlkampf präsent zu sein — die meisten Politiker erreichen das nie oder nur nach vielen Jahren. Luise Amtsberg bei der Grünen-Regierungspartei in Schleswig-Holstein schafft das mit 29. Dabei liegen ihr filigrane innerparteiliche Machtspielereien überhaupt nicht. Sie sagt lieber geradeheraus, was sie denkt und wo sie hin will, und schaut dann selbst etwas verwundert, wenn sie deswegen an allen vorbei ganz nach oben geschoben wird.

Amtsberg ist in Ostberlin aufgewachsen, mit Verwandtschaft in Mecklenburg-Vorpommern. Wegen ihres Studiums der Islamwissenschaften, Politik und Theologie ist Kiel zu ihrer neuen Heimat geworden. Mitmachen, die Mitstreiter überzeugen und dann blitzschnell Verantwortung übernehmen: So geht das bei ihr, seit sie als Praktikantin in die Grünen-Geschäftsstelle in Kiel reinschnupperte — und bald als jüngste Frau im Landtag saß. Zur Wiederwahl trat sie nicht wieder an, weil sie erst ihr Studium zu Ende bringen wollte, woraus allerdings kein Karriereknick wurde.

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Gerade noch kellnerte sie in der Kneipe, da war sie auch schon Spitzenkandidatin und widmet sich nun im Bundestag ihrem Herzensanliegen, der Flüchtlings- und Asylpolitik. Sie redet nicht nur darüber, sondern schaut sich die Zustände — ob Grenzanlagen oder Flüchtlingslager — selbst an. Ohne Schnörkel steht sie zu Wissenslücken, lernt aber schnell — und kommt damit auch bei Skeptikern gut an.
Gregor Mayntz

Carsten Linnemann (36), CDU

Er galt schon seit 2009 als großes Nachwuchstalent der CDU, doch so richtig startete er erst zu Beginn dieser, seiner zweiten Legislaturperiode im Bundestag durch: Carsten Linnemann, promovierter Volkswirt, erzielte im Herbst 2013 im Wahlkreis Paderborn mit 59,1 Prozent das beste Erststimmenergebnis in NRW. Unmittelbar danach wurde der Unternehmersohn, der morgen seinen 37. Geburtstag feiert, Vorsitzender der CDU/CSU-Mittelstandsvereinigung. Sie vereinigt 40 000 CDU-nahe Mitglieder, der Vorsitz verleiht dem Jung-Star mehr Gewicht in Berlin.

Das konnte er im ersten Dreivierteljahr der großen Koalition bereits dreifach nutzen: Linnemann setzte im Rentenpaket nicht nur die "Flexi-Rente" durch. Dahinter verbirgt sich der Versuch der Union, ungeachtet der von der SPD durchgesetzten Rente mit 63 noch in dieser Wahlperiode neue Anreize für ein längeres Arbeiten im Alter zu setzen. Nach dem Plan Linnemanns sollen etwa Arbeitgeber solche Mitarbeiter, die bereits das Rentenalter erreicht haben, befristet weiterbeschäftigen können, was bisher verboten ist.

Linnemann erreichte auch fast im Alleingang, dass Unternehmen freiwillige Praktikanten für drei Monate beschäftigen können, ohne ihnen ab 2015 den Mindestlohn zahlen zu müssen. Diese Ausnahme wollte die SPD nur für die Hälfte der Zeit zulassen. Mutig plant Linnemann, die CDU auf dem Parteitag im Dezember gegen den Willen von Parteichefin Angela Merkel auf Steuererleichterungen einzuschwören.
Birgit Marschall

Mahmut Özdemir (27), SPD

Die älteste Partei stellt im Bundestag den jüngsten Abgeordneten: Mit 27 Jahren gilt Mahmut Özdemir bei den Sozialdemokraten als politisches Talent. Dabei gehört der "Duisburger Jung", wie sich Özdemir selbst gerne nennt, schon fast zur Garde der erfahrenen Haudegen. Als er 14 Jahre alt war, machten ihn die Jusos im Duisburger Stadtteil Homberg wegen seines Engagements für einen Skaterpark zum bundesweit jüngsten Vorsitzenden. 2002 war das. Elf Jahre später bekam er mit 43,2 Prozent der Erststimmen ein Direktmandat für den Bundestag.

Nun begreift sich der Jurist Özdemir als Berufspolitiker, will die Anliegen der jungen Generation in den Bundestag einbringen. Für die große Koalition schlägt sein Herz dabei aber nicht unbedingt. Ende September hatte er noch gesagt, bevor die SPD ihre Inhalte verwässere, solle sie lieber eine starke Opposition bilden.
Özdemir ist das Kind türkischer Einwanderer. Seine Eltern kamen vor mehr als 25 Jahren nach Deutschland. Der Vater malochte als Metallarbeiter, die Mutter war in einer Dosenfabrik tätig. Özdemir begreift seine steile Karriere als Ergebnis der Bildung, die er genossen hat. Seine Eltern hätten mit ihm Hausaufgaben gemacht, sagte er einmal, das sei bei ihm richtig gelaufen. Im Bundestag hielt Özdemir seine erste Rede zur Karenzzeit für ausscheidende Regierungsmitglieder.

Hat er Ziele? Außenminister wolle er werden, hatte Özdemir gerufen. Da war er gerade einmal 14.
Jan Drebes

Kartin Albsteiger (30), CSU

Diese Senkrechtstarterin hat auf dem Weg nach oben eine Pause eingelegt. Wer gerade die Führung von 27 000 bayerischen Junge-Union-Mitgliedern übernommen hat und nach zwei Jahren schon wieder abgelöst wird, scheint seine Zukunft hinter sich zu haben. Katrin Albsteiger nicht. Diesen Frühherbst könnte die stellvertretende Vorsitzende der Jungen Union auf Bundesebene werden, und als Bundestagsabgeordnete hat sie ohnehin die Möglichkeit, weiter auf sich aufmerksam zu machen. Ihre Spezialthemen bieten ihr die Chance, sich breit aufzustellen: Europa- und Bildungspolitik.

Der Name Albsteiger bleibt ohnehin verbunden mit einer toughen Frau, die mit einem nonchalanten Lächeln dem CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer munter die Stirn bot. Ob gegen die Frauenquote oder für einen Mitgliederentscheid zu Studiengebühren — sie fand genug Themen, um den Chef zu ärgern. Dabei war Seehofer eigentlich fasziniert vom forschen Auftreten der jungen Frau, die in Augsburg und Australien studierte und für Energieversorger in Bayern arbeitete.

Viele Erfolgreiche haben Rückschläge verkraften müssen, auch Seehofer selbst. Wenn seine Ära demnächst allmählich zu Ende geht, wird ein Stühle-rücken einsetzen — und es wird dabei auf Leute wie Albsteiger ankommen, die mit klarer Überzeugung Politik machen. Wenn sie die Rentenpolitik der Koalition für einen Fehler hält, dann sagt sie das nicht nur, dann stimmt sie als eine von ganz Wenigen auch konsequent dagegen.
Gregor Mayntz

(may-, mar, jd)