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Analyse: Die gefährliche Zeit nach dem IS

Analyse : Die gefährliche Zeit nach dem IS

Vor allem in Syrien stellt sich die Frage, wer dort regieren soll, wenn der Islamische Staat vertrieben ist. Einen autonomen kurdischen Staat lehnt die Türkei ab. Sie steht vor den Trümmern ihrer Syrienpolitik.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) steht im Irak und in Syrien vor ihrem Ende. Das ist zunächst einmal erfreulich, katapultiert jedoch gleichzeitig das kurdische Streben nach einem eigenen Staat auf die Tagesordnung politischer Debatten im Nahen Osten - mit dem Potenzial, die gebeutelte Region in neue, schwere Turbulenzen zu stürzen.

Vor allem in Syrien stellt sich immer drängender die Frage, wer dort regiert, wenn die Dschihadisten vertrieben sind. Die Regierung der Türkei argwöhnt, dass die Allianz der Vereinigten Staaten mit den syrischen Kurden in der Anti-IS-Koalition zur Entstehung eines "kurdischen Korridors" vom Irak bis zum Mittelmeer führen könnte. Das wiederum würde separatistische Bestrebungen der Kurden im eigenen Land wohl anheizen.

Kopfzerbrechen bereitet Ankara auch das für Ende September angekündigte Unabhängigkeitsreferendum in der Autonomen Region Kurdistan des Nordiraks. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat bereits mehrfach erklärt, dass sein Land keinen kurdischen Staat an seiner Grenze dulden werde. "Was auch immer es kostet, wir werden die notwendige Intervention durchführen", sagte er vergangene Woche.

In den vergangenen Tagen hat die Türkei deshalb intensive diplomatische Initiativen gestartet. Nach dem Besuch des iranischen Generalstabschef Mohammed Bagheri vor wenigen Tagen kam US-Verteidigungsminister James Mattis in die türkische Hauptstadt, demnächst wird auch der russische Generalstabschef Waleri Gerasimow erwartet. Der Besuch Bagheris, der erste eines iranischen Militärchefs seit 40 Jahren, kann als Signal verstanden werden, dass die Türkei eine Annäherung an Teheran sucht, obwohl die konkurrierenden Regionalmächte tiefe religiöse und machtpolitische Gräben trennen.

Der schiitische Iran kritisiert zwar wie die sunnitische Türkei das nordirakische Kurden-Referendum und bekämpft die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK, unterstützt aber das syrische Assad-Regime, dessen Sturz die Türkei bisher offiziell anstrebt. Andererseits ist der Iran der erklärte Hauptfeind des Nato-Verbündeten USA im Nahen Osten.

Die Öffnung Ankaras nach Teheran hat Washington daher nicht gerade amüsiert. US-Verteidigungsminister Mattis geißelte den "bösartigen Einfluss Irans" nach seinem Besuch in Ankara, versuchte die Türken aber zu beruhigen, indem er die US-Partnerschaft mit den Kurden lediglich "taktisch" nannte. Doch es ist offensichtlich, dass mit den unterschiedlichen Interessen auch das gegenseitige Vertrauen langsam zu schwinden droht.

Zur gleichen Zeit reiste der türkische Außenminister Mevlüt Çavusoglu nach Bagdad und ins nordirakische Erbil, um dort Gespräche zu führen, bei denen es ebenfalls um eine gemeinsame Front gegen die PKK ging - und darum, das kurdische Referendum zu verhindern. Zwar handelte er sich überall eine Abfuhr ein, doch regierungsnahe türkische Medien sahen bereits eine neue Dreier-Allianz zwischen Ankara, Bagdad und Teheran gegen Washington entstehen.

Tatsächlich beklagt sich die Türkei bereits seit Langem darüber, dass die Nato-Verbündeten ihre Sicherheitsbedenken bezüglich der Kurden nicht ernst nähmen - eine Klage, die auch in einer kürzlichen Bemerkung Çavusoglus zum Ausdruck kam, dass Russland die Türkei besser verstehe als der Westen.

Dabei hätte Ankara allen Grund, auch die Russen scharf anzugehen, weil sie neben den Vereinigten Staaten ebenfalls als De-Facto-Schutzmacht der syrischen Kurden agieren und türkische Angriffe vereiteln. Denn die Kurden sind für Russland genauso wichtig wie für Amerika; nicht um ihrer selbst willen, aber als Puffer zwischen Erdogan und Assad.

Die Türkei sieht sich nun mit zwei Gefahren aus Syrien konfrontiert. Zum einen dem möglichen Kurdenstaat, den Erdogan als "Projekt des Westens, um die Türkei zu schwächen" darstellt. Zum anderen einer Fluchtwelle aus der angrenzenden nordsyrischen Provinz Idlib. Dort hat Ende Juli ein Ableger der Terrororganisation Al Kaida die Macht übernommen. Die USA und ihre kurdischen Verbündeten, aber auch das Assad-Regime und deren russisch-iranische Partner bereiten derzeit einen Angriff auf Idlib vor. In der Provinz sammeln sich Zehntausende dschihadistische Kämpfer, die im Fall der drohenden Niederlage über die Grenze fliehen würden.

Diese drohende Gefahr hat in Ankara mittlerweile einen dramatischen Strategiewechsel eingeleitet. Der Zeitungskolumnist Ibrahim Karigül, der jahrelang wie kein anderer den Sturz des "Tyrannen Assad" propagiert hatte, schrieb im regierungsnahen Kampfblatt "Yeni Safak", jetzt seien die Vereinigten Staaten und ihre Vasallen aus der Kurdenmiliz YPG die größte Bedrohung. Deshalb müsse nun doch mit Syriens Machthaber Baschar al Assad geredet werden.

Über ihre russischen Kontakte sucht die türkische Regierung offenbar Kontakt zum syrischen Herrscher. Doch eine Versöhnung Assads mit dem türkischen Präsidenten, der seinerseits seit dem Jahr 2011 alles dafür getan hat, um den "brutalen Diktator" zu stürzen und die Rebellen aufzurüsten, dürfte selbst nach nahöstlichen Maßstäben ausgeschlossen sein. Assad werde niemals tun, was die Türkei wünsche, stellte der regierungsnahe türkische Politologe Galip Dalay in der Zeitung "Karar" fest: "Wer das glaubt, jagt einem Hirngespinst nach."

Jetzt steht die Türkei vor den Trümmern ihrer Syrienpolitik - und ein Ausweg aus der Misere ist derzeit nicht zu erkennen.

(RP)