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Spitzenduo überzeugt auf dem Parteitag: Die FDP überrascht sich selbst

Spitzenduo überzeugt auf dem Parteitag : Die FDP überrascht sich selbst

Das Spitzenduo Philipp Rösler und Rainer Brüderle überzeugt auf dem FDP-Parteitag. Parteivize Christian Lindner erhält einen Dämpfer und Rebell Wolfgang Kubicki steigt auf. Im Wahljahr setzt die FDP auf Distanz zur Union.

Am späten Samstag konnte es Philipp Rösler noch nicht recht glauben. "Tja, ich bin halt der Chef", sagte der 40-Jährige und lächelte etwas ratlos. Ein Journalist hatte den FDP-Chef gefragt, wie er sich nach den Monaten der innerparteilichen Anfeindungen erklären könne, dass er bei den Wahlen mehr Stimmen bekommen hatte als die Parteilieblinge Christian Lindner und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger.

Doch nicht nur Rösler kam beim Parteitag am Wochenende ins Staunen. Die knapp 700 Delegierten hielten für einige Spitzenliberale Überraschungen parat. So erhielt der von vielen als möglicher Parteichef nach Rösler gehandelte NRW-FDP-Vorsitzende Christian Lindner bei der Wahl zum Vize-Chef nur 77,8 Prozent der Stimmen. "Da wollten einige nicht zu früh einen Messias küren", erklärte ein Delegierter.

Am Samstag hatte sich zunächst Philipp Rösler, erstmals seit seiner Nominierungsrede 2011 in Rostock, wieder in die Herzen der Delegierten gesprochen. Witzig, angriffslustig und souverän präsentierte sich Rösler. Genüsslich knöpfte sich der Chefliberale die Grünen vor, die mit ihrer Politik der Steuererhöhungen und der Verbote den Bürger gängeln würden. "Früher kam der Obrigkeitsstaat mit Pickelmütze, heute kommt er auf Birkenstocksandalen", witzelte Rösler und erntete stürmisches Klatschen. Rösler skizzierte die FDP als Bollwerk gegen die Staatsgläubigen, als Hort der Freiheitskämpfer und Vernünftigen im Land. "Wir machen nicht nur Kuschelpolitik und tanzen im Kirschblütenregen. Wir übernehmen Verantwortung." Geschickt ging Rösler auch auf die Schwierigkeiten seiner Amtszeit ein und räumte "eigene Fehler" ein. "Es gab manche echt doofe Abende." Aber die liberale Grundhaltung bedeute eben auch: "Aufstehen, einmal schütteln, weiterkämpfen." Das kam bei den Delegierten gut an. Dass der so unbekümmert wirkende Parteichef auch zäh sein kann, hatte Rösler in dem Machtkampf mit Fraktionschef Rainer Brüderle bewiesen. Mit 85,7 Prozent wählten die Delegierten Rösler erneut zum Vorsitzenden. Noch im Januar hätte dies kaum einer für möglich gehalten. Selbst ein ausschweifendes Lob für seine Kritiker, etwa Finanzpolitiker Hermann-Otto Solms oder Entwicklungsminister Dirk Niebel, konnte sich Rösler erlauben. Niebel, der Rösler vor wenigen Wochen offen zum Rückzug aufgefordert hatte, fiel bei der Wahl zum Präsidium durch. Überraschend gewann der Kieler Fraktionschef Wolfgang Kubicki die Kampfabstimmung gegen Niebel und Gesundheitsminister Daniel Bahr. In seiner Rede hatte der 61-Jährige seinen früheren Studienfreund, SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, als "arme Sau" tituliert, weil der Thesen vertreten müsse, die er eigentlich ablehne. Mit populären Positionen wie der Forderung nach einer besseren Bezahlung von Frauen und einer Zerschlagung großer Banken, die das Geschäft des Mittelstands gefährdeten, punktete Kubicki. Als Wahlkämpfer können die Liberalen den schillernden Anwalt noch gut gebrauchen.

Viel Applaus auch für Fraktionschef Rainer Brüderle, der als Spitzenkandidat am letzten Tag sprechen durfte. Gewohnt scharfzüngig und kampferprobt griff Brüderle die Opposition an. SPD und Grüne hätten in den vergangenen Jahren nichts dazugelernt, "sie holen sie wieder raus, die Wohlstandsvernichtungswaffen", schimpfte der 67-Jährige mit Blick auf die Steuerpläne. Auch gegen den Koalitionspartner stichelte Brüderle. Die Union habe in der großen Koalition "sozialdemokratischen Speck" angesetzt, so Brüderle. Gut, dass die FDP der Union ein marktwirtschaftliches und bürgerrechtliches "Fitnessprogramm" verordnet habe.

(brö)