Zum Tode von Klaus Töpfer Sein Kopfsprung in den Rhein bleibt unvergessen

Berlin · Der CDU-Politiker Klaus Töpfer war der bislang prägendste Umweltpolitiker Deutschlands. Sein Name stand für das Amt. Doch er hatte auch etliche Misserfolge.

Martin Kessler
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Das war Klaus Töpfer

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Foto: dpa/Uwe Anspach

Der Umweltschutz war sein Leben. Als Klaus Töpfer nach einer schweren Operation aus der Narkose erwachte, versammelte er noch am späten Nachmittag einige Fachleute um sein Krankenbett, um mit ihnen wesentliche Neuerungen beim Gewässerschutz zu besprechen. Die Ärzte waren entsetzt. Der CDU-Politiker konnte frühmorgens druckreif über Probleme der Abfallentsorgung sprechen und noch nach dem fünften Bier am Abend die berechtigten und unberechtigten Interessen der Rhein-Anrainer vom Ursprung bis zur Mündung des Flusses referieren. Er liebte es, noch späte in der Nacht auf Ministerreisen mit den mitfahrenden Journalisten Skat zu spielen. In seinem Fach war der CDU-Politiker und gelernte Volkswirt und Raumplaner ein As. Und er brannte für seine Arbeit. Das Diktum, dass Minister oft von der Materie ihres Ressorts keine Ahnung hätten, traf auf ihn ganz gewiss nicht zu.

Es war deshalb ein geschickter Schachzug des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU), den gerade erst seit zwei Jahren im Amt befindlichen rheinland-pfälzischen Landesminister für Umwelt 1987 zum zweiten Bundesumweltminister der Bundesrepublik zu küren. Sein Vorgänger Walter Wallmann war ein Jahr zuvor als erster Amtsinhaber eingesetzt worden, nachdem die Atomkatastrophe von Tschernobyl die deutsche Bevölkerung schockte und der grünen Konkurrenz im Politikbetrieb Schwung verliehen hatte. Kohl wollte die heikle Stimmung im Land durch die Einrichtung eines eigenen Ministeriums für Umweltschutz und Reaktorsicherheit beruhigen. Mit Wallmann gelang ihm das nur sehr bedingt, zumal der Hesse bald erster CDU-Ministerpräsident seines Bundeslandes wurde. Mit Töpfer landete Kohl dagegen einen Volltreffer.

Der gebürtige Schlesier, der nach Flucht und Vertreibung im nordrhein-westfälischen Höxter aufwuchs und später in der saarländischen Politik Karriere machte, wurde zum Inbegriff des Umweltministers. Dabei kam ihm neben der Fachexpertise auch sein rhetorisches Talent und sein ausgeprägter Hang zur Selbstdarstellung zugute. Früh warnte er vor den Folgen des Klimawandels, predigte unermüdlich die Kreislaufwirtschaft und machte Katastrophen wie den Chemieunfall von Sandoz in Basel zum Ausgangspunkt umfangreicher Maßnahmen des Gewässerschutzes. Vor allem Deutschlands Fluss, der Rhein, hatte es ihm angetan. Es war eines seiner Lebensziele, den wieder für Fische bewohnbar und zum Baden möglich zu machen. Dort gelang ihm auch der PR-Coup seines Lebens. Mit einem Neoprenanzug sprang Töpfer bei Bonn in die Fluten und durchquerte den Strom. Angeblich wollte er beweisen, dass die Wasserqualität des Rheins inzwischen so gut ist, dass man in ihm gesundheitlich ohne Sorgen baden kann. Tatsächlich hatte er die Wette gegen einen SPD-Politiker verloren, der ihm im rheinland-pfälzischen Wahlkampf nachsagte, er würde als Landesminister ohnehin sofort zum Bund wechseln. Man bräuchte ihn deshalb nicht zu wählen. Der Sozialdemokrat hatte recht. Kaum war Töpfer zwei Jahre in Mainz im Amt, wechselte er zur Bundesregierung. Seinem Vorgänger Wallmann wurde dort nachgesagt, er habe von Umweltpolitik so viel Ahnung wie ein „Eskimofischer von der Bananenzucht“.

 Klaus Töpfer springt 1988 in Mainz in den Rhein.

Klaus Töpfer springt 1988 in Mainz in den Rhein.

Foto: dpa/Roland Witschel

Töpfer brachte in seiner Bonner Amtszeit einiges auf den Weg. Er verschärfte die Reaktorsicherheit, begann mit der SPD, den Gewerkschaften und der Energiewirtschaft einen Dialog über die Zukunft der Kernkraft und machte die Erderwärmung zum großen Thema. Sogar die Einführung des Katalysators fiel in seine Amtszeit. Deren Höhepunkt war aber 1992 die erste internationale Klimakonferenz in Rio de Janeiro, zu dessen Star er wurde. Dort anerkannten die Staats- und Regierungschefs der Welt zum ersten Mal, dass der Treibhauseffekt als Folge der Industrialisierung die Erde bedroht.

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Foto: dpa/Uwe Anspach

Den heftigsten Kampf focht er übrigens mit dem Lebensmitteleinzelhandel aus. Er wollte die großen Discounter und Supermärkte dazu bringen, eine Verpackungsgebühr für die Plastikumhüllungen ihrer Produkte zu zahlen. Beinahe wäre er gescheitert. Erst als er drohte, interne Erpressungen durch die Branche zu veröffentlichen, lenkten Aldi, Edeka und Co. ein. Es folgten der „Gelbe Sack“ für Einwegverpackungen und das Recyclingsystem des Grünen Punktes. Den Konflikt mit dem Lebensmitteleinzelhandel hat er nie vergessen. „Diese Branche ist die gefährlichste und mächtigste in Deutschland“, bekannte der CDU-Politiker einmal.

Den Schwung des Anfangs konnte Töpfer in seine spätere Zeit nicht so richtig mitnehmen. Zwar weihte er eine Kläranlage nach der anderen in Ostdeutschland ein, nachdem das vereinigte Deutschland das vergiftete ökologische Erbe der DDR übernommen. Doch in seinen anderen Initiativen – Bodengesetz, Nitratbelastung, Immissionsschutz – kam er kaum weiter. Die FDP und der Wirtschaftsflügel der Union in Kohls erstem Einheitskabinett stoppten die meisten Vorhaben als unternehmerfeindlich. Erst recht kam er beim Klimaschutz nicht voran. Eine Erhöhung der Mineralölsteuer und die Einführung von CO2-Abgaben, die Töpfer vehement betrieb, prallte an den Interessen dieser Gruppen ab. Töpfer wurde zum „Ankündigungsminister“, wie die Opposition von SPD und Grünen höhnte.

Die Höchststrafe folgte für den Chef-Ökologen der Christdemokraten nach dem erneuten Wahlsieg Kohls 1994. Statt seiner zog die damals noch weitgehend unbekannte Angela Merkel ins Umweltressort ein. Den verdienten Politiker speiste der CDU-Patriarch mit dem damals eher unwichtigen und wegen des Berlin-Umzugs auch undankbaren Bundesbauministerium ab. Töpfer, der auch Ambitionen auf höhere Aufgaben in der Politik hatte, sah sich anderweitig um. Noch vor Kohls Wahlniederlage 1998 wechselte er als Exekutivdirektor zum UN-Umweltprogramm Unep nach Nairobi, später nahm er etliche Posten im Bereich der internationalen Umweltpolitik an. Für Ärger sorgte sein Engagement im deutsch-russischen Rohstoff-Forum, wo nie ganz geklärt wurde, ob er womöglich Gelder aus Moskau erhalten hatte. Die Vereinsaktivitäten wurden nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine eingestellt.

Töpfer war einer der Großen in der deutschen Umweltpolitik, vielleicht sogar deren markantester Vertreter. Es ging von ihm etwas Unermüdliches und bei aller Betriebsamkeit etwas Heiteres aus. Töpfers Journalistenkreis traf sich noch Jahrzehnte später, um die Anfänge des neuen Ressorts noch mal in Erinnerung zu rufen. Die Karriere seiner berühmten Nachfolgerin blieb ihm verwehrt. Vielleicht war er doch zu sehr Fachmann und dann erst Politiker. Am Samstag ist er im Alter von 85 Jahren gestorben.

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