Grünen-Parteitag: Wundenlecken und Richtungsdebatten

Grünen-Parteitag : Wundenlecken und Richtungsdebatten

Die Grünen wollen ihren Kurs neu bestimmen und sich öffnen - aber manche zeigen Zweifel. Jürgen Trittin erntet zunächst den meisten Applaus. Der Grünen-Parteitag in Berlin hat begonnen.

Einmal redet sich Cem Özdemir ein wenig in Rage. Es geht um grüne Eigenständigkeit. Eigentlich nichts Neues, wie der Grünen-Chef vor den rund 800 Delegierten des ersten großen Parteitags nach der Wahlniederalge am Freitagabend auch beteuert. Doch im Wahlkampf ketteten sich die Grünen faktisch an die SPD. Damit soll jetzt ein für alle Mal Schluss sein.

Aber wie soll das gehen? Die scheidende Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke hat kurz vorher einen Einblick in ihre wenig optimistische Sicht gegeben. "Ich glaube, dass Öffnung in Richtung Schwarz-Grün und Rot-Rot-Grün leicht dahingesagt ist." Schwierig sei es aber, praktische Konsequenzen daraus zu ziehen.

Özdemir gibt sich zuversichtlich. Früher habe es mal geheißen: "Wir sind nicht links, nicht rechts, wir sind vorne." Da wolle er wieder hin. Die Grünen seien alt genug, um zu wissen, wo sie stünden.

Doch stimmt das? Die Realos sehen ja vor allem einen angeblich zu linken Wahlkampfkurs von Jürgen Trittin als ursächlich für die Wahlschlappe an. Nun ist es Trittin, der als erster Redner die Halle richtig für sich einnimmt. Jüngster Kritik von Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann hält er entgegen: "Ich kann den Eindruck nicht teilen, dass diese Partei aus der Spur geraten sei."

Schwarze und Grüne wissen nun, wo sie nicht übereinstimmen

Doch so ohne weiteres zu neuen Koalitionsmöglichkeiten aufbrechen? Klar, meint Trittin, sei das Problem gewesen, dass die Grünen keine Machtoption gehabt hätten. "Machtoptionen, ob Rot-Rot-Grün oder Schwarz-Grün, fallen nicht vom Himmel, und sie sind nur zum Teil von uns abhängig", erläutert er. "Ich finde dennoch, an unserem Teil sollten wir arbeiten." Deshalb hätten die Grünen ernst mit der Union sondiert - mit dem Ergebnis, dass Schwarze und Grüne nun wüssten, wo sie nicht übereinstimmten.

Trittin lässt auch nicht gelten, dass er für einen wirtschaftsfeindlichen Steuer-Kurs stehen soll. "Hier steht der Schutzpatron der kleinen bayerischen Familienbrauereien", sagt er. Doch bevor er als Bundesumweltminister das Dosenpfand einführen konnte, habe er viel Widerstand etwa des Handels zu überwinden gehabt. "So geht grüne Eigenständigkeit."

Die Ökologie wollen die Grünen wieder zu ihrem Kern machen, sagt die Spitze. Auch da kann Trittin sich nicht zurückhalten. "Ich bin ein in der Wolle gewaschener Ökologe."

Die Gründer-Generation zieht sich aus der ersten Reihe zurück

Die Grünen wirken anfangs eher erschöpft in dem halb unter der Erde liegenden Velodrom in Berlin. Während Özdemir am Samstag im Amt bestätigt werden will, dürfte Trittin nur noch einfacher Abgeordneter bleiben. Von den Delegierten bekommt er deutlich mehr Beifall. Noch-Parteichefin Claudia Roth steht auf und herzt den gestürzten Großstrategen. Beide Vertreter der Gründer-Generation ziehen sich aus der ersten Reihe zurück.

Özdemir zögert ein wenig, doch erhebt sich dann auch, bevor Katrin Göring-Eckardt auch noch eine bilderreiche Dankesrede an ihren Mit-Spitzenkandidaten Trittin hinterherschiebt: "Dir ist in den letzten Jahren viel Gutes und vor allem viel Grünes gelungen."

An Mahnungen, sich nun nicht zu zerlegen, herrscht kein Mangel.
"Es ist Zeit, zusammenzurücken", mahnt etwa die Wirtschaftsexpertin Kerstin Andreae. Sie war beim Versuch gescheitert, anstelle von Göring-Eckardt Fraktionschefin zu werden. Doch ob es genug grüne Geschlossenheit in den nächsten Jahren gibt und ausreichend Überzeugungskraft im nächsten Wahlkampf, das muss sich erst noch erweisen.

Wenigstens eines ist sicher bei den Grünen. Für Claudia Roth wird es ein bewegendes Parteitagswochenende - und sie wird ihre Rührung wahrscheinlich auf offener Bühne mit den Delegierten teilen. Leidenschaftlich, fast omnipräsent und polarisierend hat sie an der Spitze Politik gemacht. Jetzt betont Roth eine andere Seite und sagt mit Blick auf ihre Nominierung zur Bundestagsvizepräsidentin: "Ich habe Lust am Repräsentieren."

Hier geht es zur Bilderstrecke: So lief der Bundesparteitag der Grünen 2013

(dpa)
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