Bundespräsident wird zum Pointengeber: Wulff - der Witz der Session

Bundespräsident wird zum Pointengeber: Wulff - der Witz der Session

Der Bundespräsident wird bei den Büttenrednern in diesem Jahr zum Pointengeber. In den Karnevalshochburgen ziert er die Wagen der Rosenmontagszüge. Auf den Sitzungen widmen ihm die Jecken lange Passagen ihrer Programme.

Christian Wulff liefert den Büttenrednern eine Steilvorlage nach der anderen. Privatkredit, kostenlose Urlaube und Einladungen. Kaum ein Karnevalszug, kaum eine Sitzung kommt in dieser Session am Bundespräsidenten vorbei. "Wenn wir Wulff nicht aufnehmen würden, hätten wir unseren Job verfehlt", sagt der Kölner Kabarettist Bernd Stelter und erklärt: "Wulff hat viele Freunde. Und gegen diese Hannover-Mischpoke ist der kölsche Klüngel ein Gesprächskreis gläubiger Chorknaben mit karitativem Charakter."

Wieso sich die Jecken ausgerechnet auf Christian Wulff stürzen, ist schnell erklärt. "Es war schwierig dieses Jahr", sagt Stelter. "Was hatten wir denn? Die Euro-Krise ist nicht Comedy-fähig. Über Kapitän Schettino habe ich zwar nachgedacht, aber das geht nicht." Also doch Wulff. "Seine Pannen und Fehlgriffe gehen doch irgendwie jeden etwas an", meint Stelter, in dessen Karnevalsprogramm Wulff nun eine Hauptrolle spielt: "Der Bundespräsident legt sich mit Bild-Chef Kai Diekmann an. Das ist ein Duell! Der mächtigste Mann des Staates auf der einen Seite. Christian Wulff auf der anderen."

Im Kölner Rosenmontagszug wird Wulff als Pappmaché-Kaninchen auf der Schlachtbank mitfahren. Hinter ihm: ein Beil schwingender Metzger — Sinnbild für die Medien oder wahlweise die Bevölkerung. Sorgen über ein juristisches Nachspiel machen sich die Jecken jedoch nicht. "Wir wollen lachen und halten den Spiegel vor", sagt Sigrid Krebs, Sprecherin des Festkomitees Kölner Karneval. "Aber der Kölner Humor tut niemandem weh." Strafrechtliche Konsequenzen habe es noch nie gegeben.

Auch die Düsseldorfer Narren wollen Wulff aufs Korn nehmen. Wagenbau-Genie Jacques Tilly verrät, dass Wulff bei ihm ein Thema für die Karnevalswagen ist, ebenso wie bei den Mainzer Jecken. Auch in den Büttenreden werde das Thema in allen Variationen vorkommen, sagt Jürgen Dietz, Programmgestalter des Mainzer Carnevals-Vereins (MCV). Sogar in Westfalen setzen die Jecken auf Wulff. Das aktuelle Motto der Herforder lautet: "Märchenhafter Karneval! Rotkäppchen, Guttenberg und der Wulff". Das mag im verstockten Westfalen bereits als gewagter Gag gelten.

Der derzeit bekannteste Kölner Büttenredner Marc Metzger, alias De Blötschkopp, sagt sogar, es gebe kein anderes Thema als Wulff. Bei der Siegburger Prinzenproklamation verkündete er: "Die Gäste in den hinteren Reihen haben ihre Eintrittskarten gekauft. Die hier vorne haben gewulfft."

  • Fotos : Schuh-Protest gegen Bundespräsident Wulff

Auch Jörg Knör, der im vergangen Jahr sein Karnevalsdebut in Düsseldorf feierte, beginnt seine Büttenrede mit einer Wulff-Nummer — samt Neufassung des Musketier-Mottos: "Einer für alle, alles für einen." Dazu widmet er dem Bundespräsidenten einen eigenen Song. Zur Melodie von "Schnaps, das war sein letztes Wort" singt er "Wulff, du hast genug geschnorrt!".

Büttenredner Guido Cantz sieht Parallelen zwischen Wulff und Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg: "Beide hatten Probleme mit Bürogeräten. Guttenberg ist am Kopierer gescheitert, Wulff am Anrufbeantworter." Marc Metzger schlägt in dieselbe Kerbe: Die Kanzlerin habe bereits Guttenberg angerufen und ihm gesagt, da werde demnächst eine Position frei. "Und mit Guttenberg kann nichts passieren, der kann den Kredit ja abschreiben."

Et Rumpelstilzje dichtete jüngst in Mönchengladbach über Christian Wulff: "Ich hab oft überlegt in den letzten Tagen, wie könnt ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Der Christian Wulff sagt in Berlin adé, wird Präsident in Köln beim FC, kann sich in Müngersdorf voll entfalten, mit günstigen Krediten den Poldi halten und in Berlin tritt ein altbekannter Adelsmann, Carolines Welfenprinz, seine Nachfolge an."

Büttenredner Stefan van den Erdweg, alias De Erdnuss, erklärte auf Sitzungen in Solingen und Kamp-Lintfort den Unterschied zwischen der TV-Sendung "Wer wird Millionär?" und Christian Wulff: "Bei ,Wer wird Millionär?' werden erst die Fragen gestellt und dann die Millionen gezahlt."

Das Karnevalsduo Et Zweijestirn singt nach der Melodie von "Heidewitzka, Herr Kapitän" bei der Sitzung der Düsseldorfer Prinzengarde Blau-Weiß: "Heidewitzka, Herr Präsident, den Tag des Rücktritts hast du längst verpennt. Man darf ja viel über dich sagen, aber wehe, man stellt dir mal echte Fragen. Im Eiertanz bist du ganz groß, Skandal am Hals — und den Job bist du bald los." Bis es soweit ist, lauschen wir noch ein wenig Bernd Stelter, der den Song von Tim Bendzko umtextete: "Muss nur noch kurz den Wulff retten — und dann meine Mailbox checken."

Hier geht es zur Infostrecke: Wenn Herr Wulff den Zeigefinger hebt

(RP/jre/rm)
Mehr von RP ONLINE