Wladimir Putin, Alexis Tsipras - Angela Merkel im Stresstest

Ein Gipfel jagt den nächsten : Krisenherde überall — Merkel im Stresstest

Man kann sich derzeit Sorgen machen um die Kanzlerin. Ein bisschen mutet es an, als fliege ihr derzeit die Welt um die Ohren. Seit Mittwoch jettet sie von einem Krisengipfel zum nächsten, zeitgleich provozieren sie Verbündete aufs Äußerste. Wie hält sie das nur aus?

Die Belastbarkeit der Kanzlerin ist legendär. In den Wochen der Finanz- und Eurokrisen hat sie sich einen Ruf als stressresistentes Arbeitstier erworben. EU-Gipfel bis tief in die Nacht, nach anderthalb Stunden schon zurück auf der Regierungsbank, zeitweise 140 Stunden Arbeit in der Woche. Hinzu kommen Zeitverschiebung bei Reisen, Jetlag, bsiweilen maximaler Druck.

Der Verlauf dieser Tage im Februar 2015 erinnert fatal an den im Sommer 2012, als die Eurozone am Abgrund stand, die EU zum Spekulationsobjekt der Börsen wurde. Mit einem gravierenden Unterschied: Diesmal kämpft Merkel an zwei Fronten. Zum einen steht die EU nach dem Umbruch in Griechenland vor einer weiteren Zerreißprobe, zum anderen geht es an der ukrainisch-russischen Grenze um Krieg und Frieden.

Das Tempo ist atemberaubend

Für Merkel geht es vielleicht um noch mehr als sonst. Ihr spektakulärer Vorstoß an der Seite des französischen Präsidenten Francois Hollande gilt als letzte Chance, eine weitere Eskalation der Kämpfe in der Ukraine und einen Zusammenbruch des Landes zu verhindern. Die sonst so vorsichtige Merkel legt dafür ihren ganzen Einfluss in die Waagschale. Sie spielt mit hohem persönlichem Einsatz.

Die Frequenz der Termine und Krisensitzungen ist atemberaubend. Mittwoch: überraschender Besuch in Kiew. Donnerstag: fünfstündige Verhandlungen mit Putin. Samstag: Sicherheitskonferenz in München und neue Verwerfungen. Sonntag: Abreise nach Washington, Montag: Termin im Weißen Haus.

Angriffe in München

Umso härter müssen sie am Wochenende in München die teils unverschämten Angriffe amerikanischer Senatoren auf der Sicherheitskonferenz in München getroffen haben. Unter anderem hatten die konservativen Hardliner ihre diplomatischen Bemühungen im Kreml mit der Appeasement-Politik gegenüber Hitler verglichen.

Noch härter dürfte sie ein Vorwurf mit DDR-Bezug getroffen haben. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet hielt ihr Senator Lindsay Graham vor: "Ich hoffe, dass sich Merkel an all die Opfer erinnert, die viele Menschen eingegangen sind für das, was wir heute in Deutschland haben. Wir dürfen der ukrainischen Demokratie nicht den Rücken zuwenden, aber das ist genau das, was Sie hier machen." Empörung in der deutschen Delegation. US-Außenminister John Kerry bemühte sich, die Wogen zu glätten.

Am Montag sieht sie müde aus

Wenige Stunden später, als die Kanzlerin Montagfrüh in Washington aus dem Regierungsjet steigt, sieht sie müde aus. Ringe haben sich unter die Augen gegraben. Die anstrengenden Stunden der vergangenen Tage haben offensichtlich Spuren hinterlassen.

Doch für Erholung bleibt auch in den nächsten Tagen keine Zeit. Die Bewältigung der Krisen erfordert Kondition wie für einen Marathon. Es zählt in diesen Stunden vermutlich zu den größten Tugenden Merkels, dass sie erstaunlich wenig Zeit zum Regenerieren braucht und selbst unter größtem Druck einen kühlen Kopf behält. Den braucht sie auch. Denn das Tempo der vergangenen Tage bleibt unverändert hoch. Eine Sitzung mit existenziellen Fragen jagt die nächste. Das offenbart allein ein flüchtiger Blick auf das Stress- Programm der kommenden Tage.

Montag: Krisensitzung mit US-Präsident Barack Obama. Die Frage von Waffenlieferungen in die Ukraine könnte das westliche Bündnis spalten. Kanzlerin Merkel kämpft um eine diplomatische Lösung.

Dienstag: Lange geplant, jetzt eher eine Randerscheinung: In Ottawa trifft Merkel mit dem kanadischen Premierminister Stephen Harper zusammen. Am Abend jettet sie wieder zurück nach Berlin.

Mittwoch: Am Morgen will Merkel eine Sitzung des Bundeskabinetts leiten, am Mittag an der Trauerfeier für den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker im Berliner Dom teilnehmen.

Nicht offiziell im Terminplan der Kanzlerin, aber am Wochenende festgeschrieben ist die Reise nach Minsk, Weißrussland. Beim Vierergipfel mit Hollande, Kremlchef Putin und dem ukrainischen Präsidenten Poroschenko soll eine Friedenslösung für die Ukraine gefunden werden. Ausgang ungewiss.

Donnerstag: In Brüssel tagt der Europäische Rat mit den Regierungschefs. Auch hier steht ein brisantes Treffen auf dem Programm: Erstmals wird Merkel auf den neuen griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras treffen. Auch in den Verhandlungen mit den Griechen geht es in diesen Tagen ums Ganze: Tsipras hat in seiner Regierungserklärung die Abkehr vom Sparkurs bekräftigt. Die Zukunft der Europäischen Gemeinschaft steht auf dem Spiel.

Schon die vergangenen Tage waren extrem. Wie sehr, dokumentiert unsere Bilderstrecke der Marathon-Kanzlerin.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Angela Merkel unterwegs im Krisenmodus - stressige Tage für die Kanzlerin

(pst)
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