Wissenschaftler fordern ernsthaften Artenschutz „Würden nur zwei Mückenarten aussterben, gäbe es keine Schokolade mehr“

Berlin · In der kommenden Woche startet in Montreal der Weltnaturgipfel. Das Treffen ist nicht so bekannt wie die internationalen Klimaschutzkonferenzen. Dabei sind die Probleme, die dort besprochen werden, genauso kritisch wie der Klimawandel, mahnen Forscher. Denn es geht um nicht weniger als drohende Kriege und leere Supermarktregale – auch bei uns.

 Eine Biene sitzt in einem Krokus. Der Schutz von Bienen ist nur ein kleiner Teil notwendiger Maßnahmen.

Eine Biene sitzt in einem Krokus. Der Schutz von Bienen ist nur ein kleiner Teil notwendiger Maßnahmen.

Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Bernhard Misof ist einer der bekanntesten Biologen in Deutschland und er sagt Sätze wie diese: „Ein Supermarkt wäre zu zwei Dritteln leer, wenn das Insektensterben so weitergeht, weil viele Produkte direkt auf die Arbeit kleinster Lebewesen zurückgehen.“ Und er ergänzt das Beispiel Mücken: „Würden nur zwei Mückenarten als ausschließliche Bestäuber von Kakaopflanzen in den Anbaugebieten stark dezimiert oder aussterben, gäbe es keine Schokolade mehr.“

Artensterben und der Verlust biologischer Vielfalt betreffen uns alle und die Katastrophe ist längst im Gange. Das ist die Kernbotschaft des renommierten Forschers und Leiters des Forschungsmuseums Koenig in Bonn. Misof und viele andere Wissenschaftler wollen das Bewusstsein dafür stärken, dass jetzt schnell etwas zum Schutz der Biodiversität getan werden muss. „Viele Menschen denken, dass es nicht so schlimm wäre, wenn einige Arten aussterben. Doch jede Art erfüllt eine wichtige Funktion in den Ökosystemen, die bei zu vielen Lücken kollabieren werden oder ihre Funktionen für uns nicht mehr erfüllen können“, so Misof. Das Artensterben habe massive Konsequenzen für uns alle und gefährde in vielen Regionen bereits den Ackerbau und damit unsere zukünftige Grundversorgung. „Das kann zu Kriegen führen. Der Schutz von Biodiversität ist also auch eine Investition in Sicherheit weltweit“, mahnt Misof.

Am kommenden Mittwoch beginnt nun der 15. Weltnaturgipfel in Montreal. Die internationale Konferenz ist längst nicht so bekannt wie die UN-Klimakonferenzen. Staaten schicken höchstens Fachminister dorthin, Regierungschefs kommen nicht. Dabei drängen die Organisatoren, Wissenschaftler und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen nun auf ähnlich wegweisende Beschlüsse wie dem 1,5-Grad-Ziel beim einstigen Pariser Klimagipfel. Eines der Hauptziele der Konferenz ist es, mindestens 30 Prozent der weltweiten Landes-und Meeresflächen bis 2030 unter Schutz zu stellen.

Deutsche Wissenschaftler wie Bernhard Misof, der auch Generaldirektor des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels ist, forderten jüngst in einer „Frankfurter Erklärung“ einen grundlegenden Wandel im Wirtschaftssystem. Ziel sei es, eine Form des Wirtschaftens zu etablieren, die im Einklang mit der Natur stehe und die Kosten des Artenverlusts abbilde.

Jetzt appelliert Misof an Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD): „Seit den 1960er Jahren sind die Probleme des Artensterbens bekannt. Seitdem ist so gut wie nichts passiert.“ Es gebe weltweit keine abgestimmten Bekenntnisse, um Biodiversität zu schützen. „Würde die Bundesregierung den Kampf gegen das Artensterben wirklich ernst nehmen, müsste Bundeskanzler Olaf Scholz zur bevorstehenden Konferenz nach Montreal reisen“, so Misof. Doch kein einziger Staatschef werde dort zugegen sein. „Nach den frustrierenden Ergebnissen der Klimaschutzkonferenz von Ägypten ist das ein sehr bitterer Ausblick“, kritisiert der Forscher.

Das Artensterben gefährde das Überleben der Menschen auf der Erde. Bis heute habe es keine Staatsregierung ausreichend verstanden, wie groß und wie dringend das Problem sei.

„Jeder kann einen Beitrag dazu leisten, die Artenvielfalt zu schützen. Das geht, indem man beispielsweise möglichst auf Flugreisen verzichtet oder den Fleischkonsum einschränkt“, sagt Misof. „Denn die Erderwärmung durch Treibhausgase befeuert das Artensterben. Und 80 Prozent der Regenwaldabholzung in Brasilien dient der Sojaproduktion für Rinderfutter in Europa.“

Ursprünglich hätte der 15. Weltnaturgipfel - der auch unter dem Kürzel „COP-15“ läuft - schon 2020 in China stattfinden sollen, wurde dann aber wegen der anhaltenden pandemischen Lage dort verschoben und zerteilt. Der erste Verhandlungsteil fand im vergangenen Oktober hauptsächlich online in Kunming statt, der zweite nun in Montreal, allerdings weiter unter chinesischem Vorsitz. Zwischendurch gab es zahlreiche Vorbereitungstreffen auf verschiedenen Ebenen und an verschiedenen Orten.

Die Vorzeichen für Montreal sind durchwachsen: Schon im Vorfeld habe es „gewisse Spannungen“, vor allem politisch-diplomatischer Natur zwischen der chinesischen Präsidentschaft und Teilnehmerstaaten gegeben, sagt Florian Titze vom WWF Deutschland. Eine vorbereitende Resolution für das Treffen wurde beispielsweise von der UN-Vollversammlung nicht wie eigentlich üblich im Konsens verabschiedet. Außerdem lud die chinesische Präsidentschaft keine Staats- und Regierungschefs zu dem Gipfel ein - deswegen werden nun auch - zumindest offiziell - erstmal keine erwartet.

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