Plagiatsaffäre um Ministerin Schavan: Wird in Deutschland zu viel promoviert?

Plagiatsaffäre um Ministerin Schavan : Wird in Deutschland zu viel promoviert?

Mehr als 200.000 Menschen arbeiten an einer Doktorarbeit; 25.000 Titel werden jedes Jahr neu vergeben. Kritiker klagen, dass eine Qualitätssicherung kaum möglich ist – und sich deshalb Plagiate häufen. Der Fall Schavan befeuert diese Debatte zusätzlich.

Mehr als 200.000 Menschen arbeiten an einer Doktorarbeit; 25.000 Titel werden jedes Jahr neu vergeben. Kritiker klagen, dass eine Qualitätssicherung kaum möglich ist — und sich deshalb Plagiate häufen. Der Fall Schavan befeuert diese Debatte zusätzlich.

Wenn das Thema diesen flapsigen Einstieg zulassen würde, müsste man die Einrichtung einer staatlichen Kontrollbehörde für Doktorarbeiten fordern. Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 25.000 Menschen promoviert und liefern damit unendlich viel Arbeit für Plagiatsjäger, die dem Missbrauch des Titels entgegenarbeiten. Doch diese Idee entspringt einer falschen Sichtweise. Ebenso wie die Annahme, dass Doktortitel inflationär vergeben werden.

Die Zahl der erfolgreich beendeten Promotionen hat eine gewisse Konstanz. Der Anteil der promovierten Politiker im Bundestag ist mit 22 Prozent sogar niedriger als noch in den 1960er und 70er Jahren, hat das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung der Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ermittelt.

In Frankreich zählt der Name der Universität

Demnach sind in Deutschland Doktoren in der politischen Elite im europäischen Vergleich eher durchschnittlich vertreten, während unter den Spitzenkräften der Wirtschaft mehr Manager das Kürzel "Dr." tragen als irgendwo sonst in Europa. In Frankreich oder Großbritannien zählt der akademische Abschluss weniger — stattdessen der Name der besuchten Universität.

In Deutschland arbeiten rund 200 000 Menschen am Erwerb eines Doktortitels. An ihre schriftliche Arbeit gibt es nur eine Anforderung: neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die auf eigener Leistung beruhen. Was darunter zu verstehen ist, fällt seit altersher in die Autonomie der Universitäten, womit auch die Zuständigkeit für die Verhinderung von Plagiaten unmissverständlich geregelt ist. Es ist die ureigene Aufgabe der Wissenschaft festzulegen, was die Forschung voranbringt.

Erfahrungsgemäß folgen Hochschullehrer dabei zwei Wegen: Entweder suchen sie ein Thema, das mit relativer Sicherheit erfolgreich bearbeitet werden kann, weil es mit ähnlichen Fragestellungen auch schon gute Ergebnisse gab. Oder sie sind in der (selteneren) Situation, dass ein guter Absolvent auch eine anspruchsvolle Aufgabe mit einem neuen, eigenen Ansatz lösen wird.

Beide Wege sind richtig, weil Forschung nicht nur aus genialen Ideen besteht, sondern genauso von Fleißarbeit profitiert. Nicht aus jeder Doktorarbeit kann eine neue Denkschule hervorgehen, dafür ist das Gerüst der Wissenschaft schon zu fest ausgeprägt.

Stipendien und Drittmittel

Der Staat, die Wirtschaft oder andere Gönner können den Prozess mindestens beeinflussen — und ihn manchmal sogar steuern: indem sie bestimmte Begabungen (mit Stipendien) oder Fragestellungen (mit Drittmitteln) finanziell fördern. So sind 70 Prozent der Kandidaten während der Promotion an Universitäten oder anderen Forschungseinrichtungen angestellt, berichtet das Statistische Bundesamt.

Dieser Job ist meistens mit einer Lehrtätigkeit verbunden. Tutorien oder die Betreuung von Praktika und Hausarbeiten rauben den Nachwuchsforschern die Zeit, bilden aber oft das Rückgrat der Lehre an den chronisch unterfinanzierten Universitäten.

27 000 Doktoranden (14 Prozent) wählen einen anderen Weg. Sie promovieren und absolvieren gleichzeitig einen Job in der freien Wirtschaft oder bei Behörden und Schulen — das ist bei Juristen und Wirtschafts-, Sprach- und Kulturwissenschaftlern verbreitet, nicht aber bei Naturwissenschaftlern und Ingenieuren.

Doch Finanzierung ist kein Garant für inhaltliche Qualität. Ob ein Thema eine Doktorarbeit trägt oder am Ende nur für eine bessere Hausarbeit reicht, liegt in der Entscheidung des betreuenden Professors. Er muss erkennen, ob etwas Altes lediglich in neuem Gewand wiedergekäut wird. Er entscheidet, wie stark der Kandidat arbeiten muss, weil er festlegt, ab wann der Inhalt einer Doktorarbeit ausreicht. Der Professor ist Stärke und Schwäche des Systems.

Vorschlägen des Doktorvaters

Nur in Ausnahmefällen folgt der Promotionsausschuss nicht den Vorschlägen des Doktorvaters. Auch bei Verteidigung der Arbeit vor der versammelten Professorenschaft kann höchstens die Note etwas schlechter werden, aber der Titel wird nicht versagt. Das korrigierende Kollektiv ist an den meisten Universitäten theoretisch vorhanden, aber praktisch nur schwach ausgeprägt.

Statistisch gesehen betreut jeder der etwa 30 000 promotionsberechtigten Hochschullehrer gleichzeitig sechs Doktoranden — doch schwanken die Zahlen erheblich: bei den Ingenieuren kommen im Schnitt 15 auf einen Professor, in der Kunstwissenschaft nur einer.

Bei einer guten Betreuung trifft der Professor seine Schützlinge in regelmäßigen Seminaren. An guten Universitäten müssen Doktoranden Zwischenergebnisse und Argumentationswege vor Kommilitonen vorstellen und diskutieren. Ausnahmen gibt es dazu allerdings in der Medizin, wo die Promotionsdauer deutlich geringer ist als in den meisten anderen Wissenschaften. Laut Statistischem Bundesamt schreibt jeder fünfte "Dr. med." seine Dissertation, noch bevor er das Studium überhaupt beendet hat.

Schlecht betreute Doktoranden

Doch schlecht betreute Doktoranden protestieren nur selten gegen die Bedingungen. Der Abbruch eines Promotionsversuchs nach einigen Jahren Arbeit ist nicht nur eine persönliche Niederlage, sondern auch das Todesurteil einer Bewerbung und damit häufig der direkte Weg in die Arbeitslosigkeit. Alternativen fehlen. Das wissen auch die Professoren, die manchmal zu spät erkennen, dass der von ihnen Ausgewählte sich schwertut, die Anforderungen mit der nötigen Eigenleistung zu erfüllen. Abbruchquoten bei Promotionsversuchen werden in Deutschland nicht offiziell erhoben.

Dabei soll der Doktortitel im ursprünglichen Sinne nicht den Besitzer schmücken, sondern seine Fähigkeit zum wissenschaftlichen Arbeiten dokumentieren. Die Doktorarbeit steht nicht am Ende der Hochschullaufbahn, sondern öffnet die Tür zu einer wissenschaftlichen Karriere. Dort gelten andere Gesetze der Kontrolle.

Wenn die Zusammenfassung der Arbeit in einer wissenschaftlichen Zeitschrift erscheint und einem großen Publikum dargeboten wird, sind Blender und Plagiatoren schnell entlarvt. Gute Arbeiten werden von renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht und von anderen Forschern zitiert — schlechte Arbeiten verstauben in der Bibliothek. Doch auch das gehört zur Wahrheit: Dieser Unterschied spielt für manchen Autor einer Doktorarbeit überhaupt keine Rolle.

(RP/csi)
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