Wie der Terror in Deutschland eingeschätzt wurde: Wikileaks veröffentlicht US-Dokumente aus RAF-Zeit

Wie der Terror in Deutschland eingeschätzt wurde : Wikileaks veröffentlicht US-Dokumente aus RAF-Zeit

Der Terrorismus der Rote Armee Fraktion (RAF) und der Deutsche Herbst 1977 haben nicht nur die Deutschen zu jener Zeit in Atem gehalten. Auch die US-Regierung schaute auf die blutigen Ereignisse in der Bundesrepublik. Die Enthüllungsplattform Wikileaks hat nun Dokumente veröffentlicht, die zeigen, wie die US-Botschaften in der Bundesrepublik die Lage einschätzten.

Mit dem Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback begann die RAF 1977 die Bundesrepublik mit einer Serie von blutigen Terrorakten zu überziehen. Bis heute ist nicht klar, wer die tödlichen Schüsse auf Buback und seine Begleiter abgegeben hat. Die Ereignisse dieser Zeit aber haben sich tief ins Gedächtnis der Deutschen eingebrannt. Wie sehr sie damals die Öffentlichkeit erschütterten und wie die USA dies einordneten, ist nun aus den Wikileaks-Dokumenten zu erfahren.

So geht aus einem Schreiben der US-Botschaft in Bonn an das US-Außenministerium vom 23. September 1977 hervor, dass Deutschland sich des Vorwurfs erwehren müsse, dass die Demokratie des Landes in Gefahr sei. "Manche Beobachter sehen eine signifikante Neonazi-Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland und ziehen apokalyptische Schlüsse aus den aktuellen Erfahrungen Deutschlands mit Terrorismus. Sie deuten an, dass dies ein Zeichen für eine kranke Gesellschaft sei und dass wir die Rückkehr zu einer paralysierten Weimarer Republik erleben", schreibt die US-Botschaft darin. Sie fügt aber auch hinzu, dass sie dies für Sensationsmache hält. Schließlich handelte es sich bei der RAF um Linksterroristen. "Wir glauben, die Bundesrepublik Deutschland ist grundlegend gesund und dass die deutsche Demokratie eine anhaltende Entwicklung ist."

"Tiefer psychologischer Schock"

Die Dokumente sind aber auch Zeugnisse der Unsicherheit, die zu jener Zeit in der Bundesrepublik herrschte. Am 8. November 1977 etwa schrieb die US-Botschaft Frankfurt an das US-Außenministerium, dass der Mord an Bankenchef Jürgen Ponto am 30. Juli 1977, die Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer und die Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" einen "schwächenden Effekt" auf Geschäfts- und Bankenaktivitäten hätten. So hätten die Leiter einiger amerikanischer Unternehmen ihre Besuche in Deutschland wegen Sicherheitsbedenken abgesagt. Auch innerhalb der Polizei habe ein Gefühl der Frustration und niedriger Moral geherrscht - bis zur gelungenen Befreiung der "Landshut"-Passagiere, wie aus dem gleichen Dokument hervorgeht.

In einem weiteren Dokument vom 15. April 1977 der US-Botschaft Bonn wird beschrieben, dass der Mord an Buback und der Anschlag auf die deutsche Botschaft in Stockholm ein "tiefer psychologischer Schock für die deutsche Öffentlichkeit" gewesen sei. Die jüngere deutsche Geschichte, vor allem die Erfahrungen aus der Nazi-Zeit, hätten sich so in die deutsche Psyche eingebrannt, dass sie weiter eine Rolle spielten im deutschen Verhalten.

Allerdings wird in gleichem Dokument auch die politische Situation beschrieben. "Die westdeutsche Reaktion ist ein Zeichen dafür, dass die Gesellschaft extrem empfindlich für politische Gewalt bleibt, aber es scheint nicht so, dass dies stark genug ist, um die politischen Parteien aus ihrem Rollenverhalten herauszuholen", heißt es darin. Beschrieben wird dabei, dass die Opposition in einer Bundestagssitzung strengere Terrorgesetze forderte und härtere Strafen für Unterstützer von Terroristen, die Bundesregierung dies aber ablehnte mit Verweis darauf, dass die bestehenden Gesetze ausreichten, um das Problem zu lösen. Dies war noch zu Beginn des Deutschen Herbstes.

Lob für Schmidt, Fragen nach Stammheim-Selbstmord

Lob für sein Krisenmanagement bekam der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD), nachdem die Geiselnahme der "Landshut" glücklich beendet werden konnte. So schrieb die US-Botschaft Bonn am 4. November 1977, dass Schmidts persönliche Haltung in der Sache bemerkenswert gut gewesen sei in der Krise, die mit der Entführung Schleyers begann und mit der "Landshut"-Entführung und dem Selbstmord der Stammheimer RAF-Terroristen endete. "Bei jedem Treffen war ich beeindruckt von seiner ruhigen Zuversicht, seiner Aufmerksamkeit und seinem Interesse", heißt es darin. Er sei sehr bestimmt aufgetreten und voller Energie gewesen. "Diese Krise bekräftigte Schmidts Rolle als Manager und Führer", heißt es weiter in dem Dokument.

Zugleich wird aber auch erwähnt, dass Schmidt tiefes Bedauern für die menschlichen Schicksale hatte, die mit den Bluttaten der RAF zusammenhingen und etwa großes Mitgefühl für die Familie Schleyer hatte. Sein Zigarettenkonsum in dieser Zeit sei stark angestiegen, aber nach außen hin habe er keinerlei Nerven gezeigt.

Fragen stellte die US-Botschaft Stuttgart allerdings am 18. Oktober 1977 nach dem Selbstmord der RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen im Gefängnis Stuttgart-Stammheim. "Dies wirft natürlich Fragen auf über die Kontrolle der Kontaktsperre für die Terroristen und ihre Beziehungen zur Außenwelt. Wie erfuhren sie von den Nachrichten? Wie koordinierten sie ihre Aktionen? Wie wurden die Pistolen versteckt? Und wie streng hat das Personal die Gefangenen in der kritischen Phase bewacht."

Hier geht es zur Infostrecke: Chronik der RAF-Attentate

(das)
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