Analyse: Wie viel Rentner tatsächlich erhalten

Analyse : Wie viel Rentner tatsächlich erhalten

Die Hälfte der Renten liegt unter 700 Euro. Eine wachsende Zahl Ruheständler arbeitet – aus Sicht der Sozialverbände eine gefährliche Entwicklung. Allerdings sind die Haushaltseinkommen der Senioren auskömmlich.

Die Hälfte der Renten liegt unter 700 Euro. Eine wachsende Zahl Ruheständler arbeitet — aus Sicht der Sozialverbände eine gefährliche Entwicklung. Allerdings sind die Haushaltseinkommen der Senioren auskömmlich.

Der CDU-Sozialexperte Peter Weiß gehört zu der Sorte Politiker, die sich richtig aufregen können. Gestern war es mal wieder so weit: "Es wird vor Lügen, Halbwahrheiten und der Unterschlagung von Fakten nicht zurückgeschreckt, wenn es darum geht, ein Zerrbild von grassierender sozialer Not und akuter Altersarmut in Deutschland zu zeichnen", erklärte er.

Unter 700 Euro

Anlass seiner Wut war eine Meldung der "Bild"-Zeitung, die anhand der Rentenstatistik nachgewiesen hatte, dass knapp die Hälfte der Renten in Deutschland unter 700 Euro liegt. Das ist die Summe, die mittellosen Senioren als Grundsicherung für Lebenshaltung, Wohn- und Heizkosten zur Verfügung steht.

Das klingt dramatisch. Zumal sich auch immer mehr Rentner in Deutschland einen Mini-Job suchen. Derzeit sind es nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit 812.000. Das entspricht etwa vier Prozent der Rentner im Land. Rund 128.000 von ihnen waren sogar älter als 74 Jahre. Auch die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Rentner hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdreifacht — auf 171.000.

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"Wenn so viele Rentner einen Job ausüben, um ihre Alterseinkünfte aufzubessern, dann ist dies ein klarer Beleg dafür, dass die Altersarmut weiter wächst", sagte Sozialverbands-Chefin Ulrike Mascher und ergänzte: "Man erkennt, dass das Absenken des Rentenniveaus nicht spurlos an der Lebenswirklichkeit der Rentner vorbeigeht." Sie hätten seit 2004 einen Kaufkraftverlust von neun Prozent hinnehmen müssen.

100 Euro Rente im Monat

Die Zahl der über 65-Jährigen, die derzeit tatsächlich auf Grundsicherung angewiesen sind, liegt allerdings mit rund 2,5 Prozent auf niedrigem Niveau. Zum Vergleich: Jedes siebte Kind lebt in einer Familie, die auf Hartz-IV angewiesen ist. "Man muss das Haushaltseinkommen insgesamt betrachten", sagte Otto Wulff, Chef der Senioren Union. "Es gibt Frauen, die haben nur 100 Euro Rente im Monat, verfügen aber durch die Einkommen ihrer Ehemänner über eine wesentlich höhere Summe." Dies liege daran, dass die Frauen in der heutigen Rentner-Generation überwiegend nicht erwerbstätig gewesen seien.

Dem Alterssicherungsbericht der Bundesregierung zufolge liegt das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen bei Senioren-Ehepaaren in Deutschland bei 2433 Euro pro Monat, alleinstehende Männer haben im Durchschnitt 1560 Euro und alleinstehende Frauen 1292 Euro zur Verfügung. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die ehemaligen Beamten mit ihren Pensionen das Einkommensniveau der Senioren insgesamt erhöhen.

Die Beträge zeigen dennoch, dass die Mehrheit der Rentner über die gesetzliche Rentenversicherung hinaus eine Altersvorsorge besitzt. So verfügt gut die Hälfte der Senioren über Einkommen aus einer betrieblichen oder privaten Vorsorge. Diese Einkommen machen dem Alterssicherungsbericht zufolge knapp zehn Prozent der Senioren-Einkommen aus.

Selbstständige, Hausfrauen und Beamte

Auch die Deutsche Rentenversicherung relativiert die niedrigen Altersbezüge: "Das häufige Vorkommen von Renten unter 700 Euro beruht zu einem erheblichen Anteil darauf, dass Versicherte nur kurze Zeit in die Rentenversicherung eingezahlt haben", erklärte ein Sprecher. Hierzu zählten etwa Selbstständige, Hausfrauen und Beamte, die nur kurz rentenversicherungs-pflichtig gewesen seien. Witwen mit kleinen Renten verfügen in der Regel noch über eine Hinterbliebenenversorgung, so dass sie nicht allein von ihrer eigenen Rente leben müssen.

Von Altersarmut überdurchschnittlich stark betroffen sind Frauen und Selbstständige. Bei Selbstständigen ist das Problem besonders groß: Der Anteil der Grundsicherungsempfänger ist unter ehemals Selbstständigen gegenüber ehemals Beschäftigten etwa doppelt so hoch. Angesichts einer steigenden Zahl von Ich-AGs, Mini-Unternehmen und Scheinselbstständigen wächst auch die Gefahr der Altersarmut. Die Regierung erwägt eine verpflichtende Altersvorsorge für Selbstständige. Bislang konnten sich Union und FDP aber nicht auf ein gemeinsames Konzept einigen.

Obwohl das Rentenniveau künftig weiter sinken wird, geht die Bundesregierung davon aus, dass sich das Gesamtversorgungsniveau der Rentner in den nächsten Jahren verbessern wird. So wird beispielsweise die Zahl der Alten mit Zusatzvorsorge weiter steigen. 70 Prozent der Arbeitnehmer im Alter von 25 bis 64 Jahre zahlen derzeit in eine betriebliche Vorsorge oder einen Riester-Vertrag ein.

1050 Euro pro Monat

In die optimistische Rechnung der Regierung ist allerdings auch schon eingepreist, dass die Renten von Geringverdienern künftig höher bewertet werden sollen. Ein politischer Kompromiss dazu ist in dieser Wahlperiode nicht gelungen.

Vonseiten der Parteien liegt eine Reihe an Renten-Konzepten auf dem Tisch, die das Ziel haben, künftige Altersarmut zu vermeiden. Die Union verfolgt das Prinzip: Wer ein Leben lang fleißig war, gearbeitet, Kinder erzogen oder Angehörige gepflegt hat, soll im Alter nicht auf Grundsicherung angewiesen sein. Von diesem Modell könnten vor allem Frauen profitieren.

Die SPD setzt mit ihrem Konzept der Solidarrente eher auf die klassisch männliche Biografie. Profitieren soll, wer 30 Beitragsjahre und 40 Versicherungsjahre nachweisen kann. Die Grünen planen mit ihrer Garantierente wiederum eine Art bedingungsloses Grundeinkommen im Alter: Wer 30 Versicherungsjahre vorweisen kann, soll 850 Euro pro Monat erhalten. Versicherungsjahre bekommt man auch in Zeiten der Arbeitslosigkeit gutgeschrieben.

Die Linken setzen noch einen drauf und fordern, das kein Rentner weniger als 1050 Euro pro Monat erhält. Die Liberalen wollen keine Geringverdiener-Rente, sondern nur flexible Übergänge in den Ruhestand.

(qua)
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