Lage nach den Energiepreisschocks Wie stabil sind die Energiepreise in Deutschland?

Berlin · Russlands Krieg gegen die Ukraine hat die deutsche Energieversorgung massiv auf die Probe gestellt und Energiepreise in die Höhe getrieben. Zu Beginn des dritten Kriegsjahres entspannen sich die Versorgungslage und die Strompreise wieder. Doch nicht alles kommt bei allen Verbrauchern an. Und es gibt einen neuen Faktor, der Gas wieder teuer machen könnte.

 Die Strompreise sind fast wieder auf Vorkrisenniveau gesunken, doch nicht bei allen kommen die gesunkenen Preise bereits an.

Die Strompreise sind fast wieder auf Vorkrisenniveau gesunken, doch nicht bei allen kommen die gesunkenen Preise bereits an.

Foto: dpa/Lino Mirgeler

Fast ist die große Sorge vor Ausfällen bei der Energieversorgung in Deutschland wieder vergessen. Nach Ausbruch des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine im Februar 2022 schienen Gasknappheit und Stromausfälle noch realistische Szenarien zu sein. Inzwischen gibt das Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) Entwarnung und bezeichnet die deutsche Stromversorgung als eine der sichersten der Welt. Die Strompreise sind wieder deutlich gesunken. Dagegen wird Gas teurer, da die Mehrwertsteuer seit 1. April wieder auf 19 Prozent steigt. Was all das bedeutet:

Wie ist es um die Energieversorgung aktuell bestellt?

Im dritten Jahr nach Ausbruch des russischen Krieges hält das BMWK fest: Die Energieversorgung sei gesichert. Auch die Stromnachfrage könne jederzeit durch verfügbare Erzeugungsleistung gedeckt werden. Zusätzliche Sicherheit bietet der grenzüberschreitende Stromhandel in der Europäischen Union, von dem Deutschland profitiert. Hinzu kommt, dass es einen doppelten Boden durch weitere Kraftwerke gibt, die bei Bedarf hochgefahren werden und zusätzlichen Strom liefern können. Dazu dienten bisher auch sieben Braunkohlemeiler, die zum 1. April jedoch endgültig vom Netz gingen. Konkret sind das fünf Blöcke von RWE im Rheinischen Revier (Neurath C, D und E, Niederaußem E und F) und zwei Blöcke des Betreibers LEAG in Brandenburg (Jänschwalde E und F).

Warum wurde die Kohlereserve jetzt abgeschaltet?

Die Stilllegung dieser Braunkohlemeiler ist lange geplant, sie wurde allerdings nach Kriegsausbruch verschoben. Von Anfang an sollte die Stilllegung aber nur einmalig aufgeschoben werden bzw. sie hatte eine klare zeitliche Befristung. Laut Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) habe sich die Krisenvorsorge ausgezahlt. „Unsere Energieversorgung ist heute unabhängiger als vor der Krise. Die Versorgungssicherheit erreicht durchgehend ein sehr hohes Niveau“, sagte Habeck auf Nachfrage, und weiter: „Mehrere Kohlekraftwerke, die während der letzten zwei Jahre vorsorglich noch am Netz waren, sind daher nun überflüssig und können endgültig vom Netz.“ Auch die Wirtschaftsweise Veronika Grimm rechnet damit, dass die Versorgungssicherheit durch die Stilllegung der Kraftwerke nicht gefährdet sein dürfte. „Die Kraftwerke haben etwa 1,5 Prozent der Stromerzeugung geleistet in diesem Jahr. Wir haben noch ausreichend Kapazitäten installiert und sind im europäischen Strommarkt eingebunden“, sagte die Ökonomin. Die Chefin des Energieverbands BDEW, Kerstin Andreae, nennt noch ein weiteres Argument: „Ein Weiterbetrieb wäre nicht nur aus klimapolitischen Gründen bedenklich, sondern würde an manchen Standorten auch die Nachnutzung des Standorts für andere zukunftsgerichtete Investitionen behindern.“

Wie haben sich die Strompreise entwickelt?

Die nach Kriegsausbruch stark gestiegenen Strompreise haben sich wieder auf Vorkrisenniveau eingependelt – allerdings gilt das nur bei Abschluss neuer Lieferverträge. Das BMWK geht bei Neuverträgen für Privatkunden aktuell von einem Strompreis von rund 30 Cent/Kilowattstunde Strom aus. Der Durchschnittspreis für Neuverträge kleiner bis mittlerer Industriebetriebe liege bei 17,6 Cent/Kilowattstunde und damit laut Ministerium so niedrig wie zuletzt im Jahr 2017. Stromintensive Großverbraucher würden durch die ausgeweitete Strompreiskompensation weitergehend entlastet. Bei Bestandskunden können sich die kriegsbedingt gestiegenen Preise aber noch immer auswirken und die Preisschocks können gerade in der Wirtschaft noch immer nachwirken.

Ist diese Entwicklung stabil?

Die Wirtschaftsweise Grimm warnt vor einer Verknappung des Stromangebots in Europa und fordert mehr realistische Kommunikation von der Bundesregierung. „Selbst wenn man hier in Deutschland keine Atomkraftwerke möchte, wäre es wichtig, andere europäische Länder nicht zu blockieren“, forderte Grimm. Man profitiere in Deutschland massiv davon, wenn andere Länder nicht in Engpässe hineinliefen. „Eine Verknappung der Stromversorgung in Zentraleuropa erhöht die Preise für alle und senkt die Wettbewerbsfähigkeit“, sagte Grimm. Und sie forderte, in der Kommunikation realistisch zu werden. „Die Stromkosten werden absehbar nicht deutlich sinken. Nun kann die Bundesregierung natürlich durch Subventionen einzelne oder alle Verbraucher entlasten. Irgendjemand muss aber für die Kosten aufkommen, im Zweifelsfall die heutigen oder die zukünftigen Steuerzahler“, so die Ökonomin.

Machen die Erneuerbaren Energien den Strom günstiger?

Der Anteil der Erneuerbaren Energien am Stromverbrauch liegt inzwischen bei über 50 Prozent. Wirtschaftsminister Habeck sieht darin eine durchweg positive Entwicklung. „Durch den deutlichen Zuwachs erneuerbarer Energien stammt unser Strom mittlerweile mehrheitlich aus sauberen, klimafreundlichen Quellen, und die CO2-Emissionen im Energiesektor sind 2023 um 20 Prozent zurückgegangen“, so der Grünen-Politiker. BDEW-Chefin Andreae sieht in den Erneuerbaren durch ihre günstigen Entstehungskosten grundsätzlich das Potenzial, die Stromkosten für Verbraucher dauerhaft zu senken. Aber: „Neben den Stromgestehungskosten müssen jedoch auch Investitionskosten für Erneuerbaren Erzeugungsanlagen sowie elementare Systemkosten etwa für Stromspeicher, Flexibilitätsoptionen oder klimaneutrale Back-Up-Kapazitäten Beachtung finden“, sagte Andreae. Hinzu kämen deutlich höhere Investitionskosten durch den notwendigen Netzausbau und -umbau sowie Kosten für das Engpassmanagement. „Die Politik ist gefordert, durch Senkung der staatlich induzierten Strompreisbestandteile sowie einen Zuschuss zu den Netzentgelten den Strompreis wettbewerbsfähig zu halten“, forderte die Energieexpertin.

Und was sagt die Opposition?

In der Opposition sieht man die Erneuerbaren Energien nicht selbstverständlich als Garant für günstige Preise. „Die einfache Formel ,Je mehr Erneuerbare, desto billiger‘ greift nicht mehr“, sagte der CDU-Energiepolitiker Mark Helfrich. „Der EE-Ausbau selbst ist deutlich teurer geworden als in der Vergangenheit.“ Auch Helfrich verweist darauf, dass jetzt „Hunderte Milliarden Euro an Folgeinvestitionen“ in Stromnetze, Speicher und neue Kraftwerke fällig würden. „Diese werden in den nächsten Jahrzehnten als Netzentgelte auf die Stromkunden gewälzt und sorgen für dauerhaft hohe Strompreise. Die Bundesregierung muss jetzt endlich beginnen, Kosten im System zu reduzieren, zum Beispiel durch den Schwenk weg von sündhaftteurer Erdverkabelung hin zu Freileitungen im Höchstspannungsbereich“, forderte der CDU-Politiker.

Was bedeutet die Rückkehr zu 19 Prozent Mehrwertsteuer bei Gas und Wärme?

 dpatopbilder - 22.11.2023, Nordrhein-Westfalen, Bergheim: Dampf steigt vor der Sonne aus dem RWE Braunkohlekraftwerk Niederaußem. Das Kraftwerk Niederaußem ist ein von RWE Power mit Braunkohle betriebenes Grundlastkraftwerk. Ein Teil der Blöcke des Kraftwerkes wurden stillgelegt. Foto: Oliver Berg/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

dpatopbilder - 22.11.2023, Nordrhein-Westfalen, Bergheim: Dampf steigt vor der Sonne aus dem RWE Braunkohlekraftwerk Niederaußem. Das Kraftwerk Niederaußem ist ein von RWE Power mit Braunkohle betriebenes Grundlastkraftwerk. Ein Teil der Blöcke des Kraftwerkes wurden stillgelegt. Foto: Oliver Berg/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Foto: dpa/Oliver Berg

Um die hohen Energiepreise abzufedern, hatte die Bundesregierung ab Oktober 2022 die Mehrwertsteuer auf Erdgaslieferungen und Fernwärme auf sieben Prozent gesenkt. Diese Reduzierung lief Ende März aus. Seit 1. April fallen nun also wieder 19 Prozent Mehrwertsteuer an. Das wird sich auch im Endpreis niederschlagen. Es gibt allerdings auch preisdämpfende Faktoren, etwa sind die Einkaufspreise für Gasversorger wieder gesunken. Was am Ende bei den Verbrauchern ankommt, lässt sich daher noch nicht genau absehen.

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