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Eine Partei verändert ihr Gesicht: Wie spießig sind die Grünen?

Eine Partei verändert ihr Gesicht : Wie spießig sind die Grünen?

Der Wahlsieg der Grünen in Baden-Württemberg war kein Betriebsunfall, wie der Erfolg in Stuttgart zeigt. Die Partei ist tief ins bürgerliche Lager eingedrungen. Und sie verändert ihr Gesicht.

Für TV-Satire vom Schlage der "Heute-Show" ist die zähe Kandidatenkür der Grünen Quell schenkelklopfender Belustigung. Die Grünen selbst scheinen durch die basisdemokratische Selbstquälerei mit 15 größtenteils namen- wie chancenlosen Kandidaten jedoch souverän hindurchzukommen — und von wieder wachsender Beliebtheit getragen zu werden. Wären gestern Bundestagswahlen gewesen, hätten die Grünen den FDP-Ausnahmeerfolg von 2009 locker getoppt. Stuttgarts OB-Wahlsieger Fritz Kuhn erklärt das Geheimnis des Erfolges: "Wir sind tief ins Bürgertum eingedrungen." Sind die einstigen Ökopazifisten dabei selbst zu Spießern geworden? Oder stehen sie für die junge Avantgarde — die Hipster?

Wenn die Grünen sich dazu bekennen, bürgerlich zu sein, dauert es nicht lange, bis Fritz Kuhn vom "Hirschgeweih" redet. Schon vor zehn Jahren war die Trophäe, die in bürgerlichen, heimatverbundenen Haushalten "über dem Sofa" hänge, für ihn eine Art negative Grünen-Definition. Merke: Für die nicht! Obwohl der Prozentsatz der Haushalte mit Hirschgeweihen über dem Sofa nicht bekannt ist, benutzte Kuhn das Schreckgespenst nun erneut als Gegenbild. Bürgerliche Grüne, ja, aber nicht in Form jener Spießer mit Hirschgeweih überm Sofa.

Wenn die Grünen heute gegründet würden, dürften sie spontan den größten Zulauf von den Hipstern bekommen. So wie die Grünen einfach anders sein wollten, eine Antiparteienpartei, sorgen sich auch die Hipster vor allem darum, möglichst nicht in den Mainstream zu geraten. Sie streben danach, Subkultur zu sein. Ihr Problem: Ihre Erkennungszeichen wie auffällige Frisuren, enge Hosen, Flanellhemden, Hornbrillen oder Tätowierungen machen so schnell die Runde, dass sie selbst am schnellsten vor ihren eigenen Trends davonlaufen müssten. Wenn heute Geweihe über deutschen Sofas zu finden sind, dann als Standard-Tattoos auf den verlängerten Rückgraten jener jungen Generation, die zu einem hohen Prozentsatz grün denkt.

Auf der anderen Seite ist "Spießer" nicht erst seit der Bausparvertrag-Werbung ein attraktiver Lebensentwurf. Gutes Einkommen, kleine Familie, eigenes Zuhause — die Grünen-Gründer hätten sich wohl nicht träumen lassen, dass dieses Sinnbild bürgerlicher Vorstellungen einmal das Milieu ihrer Wähler sein würde. Für das entspannte Leben in den chicen Großstadtvierteln bilden besseres Einkommen und grünes Gefühl eine Wohlfühlsymbiose. Der Wahlsieg für den Grünen Kuhn in Stuttgart anderthalb Jahre nach dem Wahlsieg für den Grünen Wilfried Kretschmann auf Landesebene Baden-Württembergs belegt, dass hier ein grundlegender Wandel in der bürgerlichen Gesellschaft im Gange ist, der nicht als vorübergehendes "Schwächeln" von Union und FDP im bürgerlichen Lager gedeutet werden kann.

Niemand freut sich darüber mehr als die Grünen selbst. Dies sei ein "riesengroßes Signal", das weit über Stuttgart und Baden-Württemberg hinausweise, jubelt Parteichefin Claudia Roth. Parteienforscher wie Frank Brettschneider attestieren den Grünen, nicht mehr nur Stimmen aus dem bürgerlichen Lager zu bekommen, sondern selbst "Bestandteil des bürgerlichen Lagers" geworden zu sein.

Diesen Befund teilt der politische Gegner. Als sich der konservative "Berliner Kreis" innerhalb der Union am Wochenende der Öffentlichkeit präsentierte, gehörte der Verweis auf die Erfolge der Grünen zu den Gründen, warum die Union wieder mehr konservatives Profil zeigen müsse. Die CDU habe bei den letzten Wahlen vor allem dort am meisten verloren, wo sie bislang am stärksten gewesen sei. Weil Konservative sich in dieser Partei nicht mehr ernst genommen fühlten. Nun gehen die christdemokratischen Stammwähler jedoch traditionell nur ins Nichtwählerlager. Eigentlich wäre es kaum denkbar, dass ein Konservativer Gefallen daran finden könnte, sich bei den "Linken" zu Hause zu finden. Und der typische Grünen-Funktionär käme im Traum nicht darauf, seine Partei anders als grundsätzlich "links" wahrzunehmen.

Und doch gehört einer, der sich selbst als konservativ bezeichnet, zu den regionalen Aushängeschildern: Matthias Filbinger, Sohn des früheren CDU-Ministerpräsidenten Hans Filbinger, und natürlich langjähriges CDU-Mitglied, ist aus der Partei aus- und den Grünen beigetreten, weil diese für eine "konservative Zukunft" stünden. Und er fühlt sich nicht allein. Selbst unter den Mittelständlern gebe es jetzt viele, die nicht mehr die CDU, sondern die Grünen wählten. Die Botschaft fällt nicht nur bei Kuhn vor Ort, sondern auch bei Parteichef Cem Özdemir in Berlin auf fruchtbaren Boden. Er heißt die neuen Wähler ausdrücklich bei den Grünen als einer "wertkonservativen Partei" willkommen.

Eigentlich sollten die beiden wertkonservativen Parteien also spielend zu Schwarz-Grün zusammenfinden können. Doch die Grünen-Fraktion rutscht immer mehr nach links, und auch die Sachthemen und Bekenntnisse der Führungsriege rücken weiter und klarer von Schwarz-Grün ab, so wie auf der CDU-Seite selbst Mitglieder der schwarz-grünen "Pizza-Connection" nicht mehr an Schwarz-Grün glauben. Es wird also noch dauern, bis beide Seiten entdecken, dass in den Wohnzimmern der jeweils anderen Seite kaum Hirschgeweihe hängen.

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(may-)