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"Oft die Dümmsten vor der Kamera": Wie die Kepler-Schüler auf die Rede von Bundespräsident Köhler reagierten

"Oft die Dümmsten vor der Kamera" : Wie die Kepler-Schüler auf die Rede von Bundespräsident Köhler reagierten

Berlin (rpo). Die Neuköllner Kepler-Oberschule hatte am Donnerstag hohen Besuch, eigentlich den höchsten, den man sich hierzulande vorstellen kann: Bundespräsident Horst Köhler war vor Ort, um eine seiner "Berliner Reden" zu halten, zum Thema Bildung.

Nur wenige Schüler sind am Donnerstagnachmittag zu sehen, als Bundespräsident Horst Köhler in der Neuköllner Kepler-Oberschule seine "Berliner Rede" zum Thema Bildung hält. 20 Kepler-Schüler, meist Mitarbeiter so genannter Schülerfirmen, dürfen der Rede beiwohnen und noch einige Jugendliche aus anderen Schulen. Die Schülerfirmen sind das Markenzeichen der Hauptschule. So wurde das liebevoll vorbereitete Büfett vom erfolgreichen Cateringservice der Schüler ausgerichtet.

"Er ist sehr nett", sagt die 17-jährige Leila, die gemeinsam mit dem Bundespräsidenten fotografiert wurde. Ganz so nah kommen ihre Mitschüler jedoch nicht an den hohen Besuch heran. Auch die Chefin der Schülerfirma "FotoBox" Filiz hatte noch keine Gelegenheit, ein Foto von Köhler zu machen. Dennoch ist sie begeistert: "Er hat genau das gesagt, was ich dachte, das er sagen sollte", unterstreicht die 17-Jährige, die Tochter türkischer Einwanderer ist. "Zum Beispiel dass es wichtig ist, dass Eltern mit ihren Kindern auch zu Hause Deutsch sprechen."

Die Schülerin hofft, dass der Besuch des Bundespräsidenten die Hauptschule in ein besseres Licht rückt. "Bei den Ausbildungsfirmen heißt es nämlich immer: Die vom Kepler nehmen wir nicht", kritisiert sie. In der 1997 von Altbundespräsident Roman Herzog erstmals gehaltenen und zur Tradition gewordenen "Berliner Rede" des Bundespräsidenten monierte Köhler, dass von den 51 Schülern der Kepler-Schule, die am 4. Juli ihr Abschlusszeugnis bekommen haben, nur einer zu dem Zeitpunkt eine Lehrstelle gefunden habe.

Das Schülerprofil der Kepler-Oberschule ist dem der ebenfalls in Neukölln gelegenen Rütli-Hauptschule ähnlich. Die Rütli-Schule war im Frühjahr durch gewalttätige Auseinandersetzungen bundesweit in die Schlagzeilen geraten. Nach Angaben von Schulrektor Wolfgang Lüdtke liegt der Anteil ausländischer Schüler an der Kepler-Oberschule bei knapp 40 Prozent. Doch insgesamt 70 Prozent der Schüler hätten einen Migrationshintergrund. Gleichzeitig befinde sich die Schule in einem der sozialen Brennpunkte Berlins. Ein Großteil der 220 Schüler kommt laut Lüdtke aus den Hochhaussiedlungen unweit der Bildungsstätte.

Dennoch sind die anwesenden Schüler sehr bemüht, dass der Besuch Köhlers ein Erfolg wird. Drei Tage lang habe etwa der Cateringservice die Häppchen für die Veranstaltung vorbereitet. Die Schüler wollen zeigen, dass viele von ihnen durchaus engagiert sind. "Es sind aber leider oft die Dümmsten, die dann vor den Kameras stehen", ärgert sich die 15-jährige Catering-Mitarbeiterin Mona über diejenigen, die sich immer wieder vor Journalisten bei Reportagen über "Problemschulen" produzierten.

Dass Schüler auf positive Weise aktiv werden und sich beweisen können, dafür wirbt Köhler in seiner Rede. Gleichzeitig fordert er mehr Geld für die Bildung. Eine Forderung, die Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) begrüßt. Köhler habe zu recht mehr Geld für Bildung angemahnt, sagt er. "Wo woanders gespart werden kann, hat er natürlich nicht gesagt", fügt er jedoch hinzu.

Mehr Finanzmittel für ihre Schule wünscht sich auch die 16-jährige Sabrin. "Die Schule hat sehr viel Geld dafür ausgegeben, um die Aula für diesen Besuch in Schuss zu bringen", sagt sie. Sie selbst habe sich als Teil der Schülerfirma "Fix und Fertig" an den Renovierungsarbeiten in der Vorhalle beteiligt. Zur Veranstaltung wurde sie allerdings nicht eingeladen. "Alle Mitglieder der Schulfirmen hätten eingeladen werden sollen", ist sie enttäuscht.

Ebenfalls nicht eingeladen sind etwa zehn Jugendliche, die Anfangs in der Nähe des Schulgebäudes herumlungern. Den Polizisten sind sie offenbar bekannt: Die Beamten sorgen dafür, dass die Gruppe auf der anderen Straßenseite bleibt. "Die meisten interessiert überhaupt nicht, dass der Bundespräsident hier ist", sagt der 17-jährige Emok. "Viele wissen noch nicht einmal, wer das ist." Seinem gleichaltrigen Freund Ali leuchtet der Sinn der "Berliner Rede" an seiner Schule ebenfalls nicht ein: "Die Rede ist doch mehr für Erwachsene", sagt er. "Die Schüler wissen doch gar nicht, worum es geht."

(afp)