Reaktionen auf Wulffs Rede: Wie deutsch ist der Islam?

Reaktionen auf Wulffs Rede : Wie deutsch ist der Islam?

Berlin (RP). Eine Passage der Feiertags-Rede zur deutschen Einheit von Bundespräsident Christian Wulff löste eine breite Diskussion über Muslime in Deutschland und christliche Tradition aus. Kölns Weihbischof Heiner Koch warnt vor einer intellektuell unredlichen, gleichmacherischen Vermengung der Religionen.

Die zentrale Rede des neuen Bundespräsidenten Christian Wulff zur Deutschen Einheit hat sich deshalb nicht schnell verflüchtigt, weil sie in einer Passage aufhorchen ließ, als Wulff den Islam hierzulande gleichsam auf eine Stufe mit Christentum und Judentum stellte und dazu formulierte: "Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland."

Für die einen war das Bekenntnis des Staatsoberhauptes so richtig wie lobenswert und mutig. Anderen dagegen klang die Islam-Passage zu anpasserisch, gefällig, auch als historisch-geistig zu wenig differenziert.

Weihbischof Heiner Koch vom Erzbistum Köln zum Beispiel schwankt zwischen Lob und indirektem Tadel für den Präsidenten. Koch warnte im Gespräch mit unserer Redaktion vor einer intellektuell gleichmacherischen und somit unredlichen Vermengung von Christentum und Islam. Der Bundespräsident habe recht, wenn er die bei uns lebenden muslimischen Bürger als Teil Deutschlands bezeichne.

Jetzt aber, so fuhr der Kölner Geistliche fort, müsse endlich einmal intensiv über die gesellschaftsrelevanten und mit Blick auf die Werte des Grundgesetzes staatstragenden Aussagen der verschiedenen Religionen diskutiert werden: "Wir Christen haben hohen Respekt vor den Muslimen, deren freier Religionsausübung und deren Frömmigkeit, die für uns Christen auch eine Herausforderung darstellen. Aber wir sollten uns in der politischen Debatte davor hüten, alles in einen Topf zu werfen, es dann umzurühren und dabei zu denken: Christentum, Islam, egal, alles gleich."

Man müsse herausarbeiten, wofür jeder Glaube stehe. Es sei unbestritten, dass historisch der Einfluss des Christentums auf Gesellschaft und Kultur in Deutschland erheblich gravierender und prägender sei als derjenige des Islam. Der Bischof zitierte den ehemaligen Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof, der auf dem jüngsten Juristentag noch einmal hervorgehoben habe, dass viele wichtige gesellschaftliche Entwicklungen ohne die Präge- und Ideenkraft der christlichen Kirchen nicht denkbar seien.

Guntram Schneider (SPD), NRW-Minister für Arbeit, Integration und Soziales, sagte, der Bundespräsident habe angesichts der Debatte über Integration eine wichtige Rede gehalten. Leider habe Wulff wenig Neues über die Verpflichtung gesagt, Integrationsbemühungen auf allen Ebenen der Politik und Gesellschaft zu verstärken. Der Islam sei aus Deutschland nicht mehr wegzudenken, vielmehr — neben Christentum und Judentum — Teil unserer Kultur.

Ungeteilte Zustimmung erfuhr der Bundespräsident beispielsweise vom Zentralrat der Muslime. Dessen Vorsitzender Aiman Mazyek würdigte Wulffs Aussagen als klares, deutliches und wichtiges Signal für alle Muslime in Deutschland. Der Bundespräsident habe ein Zeichen dafür gegeben, dass die Muslime hierzulande keine Bürger zweiter Klasse seien.

Merkel mit kräftigem "Sowohl-als-auch"

Die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel wiederum, die derzeit darauf bedacht ist, die Traditionalisten in ihrer Partei zu besänftigen, vielleicht gar zu beeindrucken, sprach wie einst Kanzler Willy Brandt ein "kräftiges Sowohl-als-Auch": Der Islam, so Merkel, sei in Deutschland natürlich willkommen, er müsse sich aber den festgeschriebenen Werten des Grundgesetzes verpflichtet fühlen. Merkel verlangte von den hier lebenden Muslimen nicht weniger als unbedingte Verfassungstreue.

Aygül Özkan (CDU), erste türkischstämmige Ministerin in Deutschland, nannte als niedersächsische Ressortchefin für Soziales und Integration die Rede ihres politischen Entdeckers Wulff ein wichtiges Zeichen dafür, dass sich niemand aufgrund seiner Religionszugehörigkeit ausgegrenzt fühlen müsse.

Özkan, die Wulff als früherer Ministerpräsident in Hannover im Frühjahr dieses Jahres überraschend zur Landesministerin ernannt hatte, fügte hinzu: "Die Menschen sollen sich mit Deutschland identifizieren und unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaft bereichern, ohne ihre Wurzeln verleugnen zu müssen." Grundsätzlich gelte: Die jungen Menschen der dritten und vierten Einwanderer-Generation sollten an Vorbildern sehen, dass es sich lohne, fleißig und engagiert zu sein,

Der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, bezeichnete die Islam-Passage in der Rede des Staatsoberhauptes als sehr mutig. Ihm, Pfeiffer, sei dabei aufgefallen, dass niemand im Bremer Festsaal dem viel diskutierten Satz kräftig applaudiert habe. Der Islam sei Teil unserer Kultur.

Der Wissenschaftler macht sich keine Illusionen über Integrations-Schwierigkeiten gerade bei jungen, männlichen, sich selbst als besonders religiös einstufenden Muslimen. Pfeiffer verwies auf die Studie seines Instituts, wonach diese Gruppe junger, männlicher, stark religiöser Muslime auffallend oft mit dem Strafgesetz in Konflikt kommt. Einen traurigen Rang eins nehmen laut Studie muslimische Jugendliche aus dem früheren Jugoslawien ein. Es folgen türkischstämmige Muslime.

Eine Gefahr geht nach Pfeiffers Erkenntnis von muslimischen Predigern (Imamen) aus der Türkei aus, die für begrenzte Zeit in deutschen Moschee-Gemeinden eingesetzt werden und keine positive Einstellung zu unserer Kultur entwickeln. Deren Erziehungs-Botschaft laute: "Bleibt im Herzen Türken und haltet euch von den Ungläubigen fern."

(RP)
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