Wie der frühere Radikalpazifist Sigurd Rink den gerechten Krieg analysiert

Militärbischof schreibt Buch : Der Radikalpazifist und der „gerechte Krieg“

Militärbischof Sigurd Rink sucht in einem Buch über den „gerechten Krieg“ nach Antworten aus Glauben und Gewissen und wird dabei von alten Freunden als „Verräter“ empfunden.

Wenn ein Radikalpazifist Militärbischof wird, dann ist diese Vita für sich schon eine Provokation. Sigurd Rink trägt diese Provokation nun in die Gesellschaft, indem er auf 286 Seiten über den „gerechten Krieg“ nachdenkt und sich damit frontal gegen die vielen Bundeswehr-Gegner in der Evangelischen Kirche stellt. Für die Buchvorstellung hatte er nun eine andere evangelische Christin gewonnen, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Die CDU-Politikerin zeigte sich „sehr beeindruckt“.

Sie fand in dem Buch („Können Kriege gerecht sein?“, Ullstein, 20 Euro) gleich vier einzelne, aber miteinander verwobene Bücher. Rinks eigenen Lebensweg, der für eine Entwicklung der Gesellschaft von der Friedensbewegung zur gewachsenen Verantwortung stehe. Dann die Geistesgeschichte der Friedensethik mit Max Webers Unterscheidung zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik, gefolgt von einer, so von der Leyen, „unglaublich lebendigen“ Einsatzreportage und schließlich einen Leitfaden für Zukunftsfragen. Also ganz praktischen Überlegungen, etwa zur Frage, wie die Bundeswehr nach dem Aussetzen der Wehrpflicht nahe an der Bevölkerung bleiben kann.

Sei der Start im neuen Amt vor fünf Jahren „doch schon sehr ungewohnt“ gewesen (Rink: „Ich hatte ja nicht gedient“) kennt er nun intensiver als viele Militärs das Innenleben der Truppe. Schließlich war er in dieser Zeit schon in 133 Standorten und 20 Auslandseinsätzen. Nicht so wie von der Leyen mit Einfliegen, Bildtermin, kurzen Gesprächen, Abfliegen. Sondern ganz intensiv mit Kennenlernen, Einladung zum lockeren Austausch beim Bier und militärseelsorgerischen Gesprächen kreuz und quer durch die Dienstgrade in den folgenden Tagen. Sein Haupteindruck: „Ich erlebe die Soldaten als sehr reflektierte Menschen, die sich unendlich viel Gedanken machen.“

Sein Bild auf die evangelischen Mitchristen muss sich in dieser Zeit verändert haben. So etwa, wenn er an die Aktivisten denkt, die eine Predigt von von der Leyen störten, wenn er das Entsetzen in seiner hessischen Heimat widergespiegelt bekommt in einem Brief, der es als „pikant“ bezeichnet, dass „ausgerechnet ein Propst aus der Martin-Niemöller-Kirche“ erster protestantischer Militärbischof geworden sei. „Teilweise empfinden mich meine alten Freunde richtiggehend als Verräter“, schreibt er in seinem Buch.

Das ist nun die Bandbreite seiner Tätigkeit: Von den eigenen Wegbegleitern die dringende, an Adorno angelehnte Empfehlung: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, lieber Sigurd!“ Von den Vereinten Nationen als Konsequenz aus dem Völkermord in Ruanda die Verpflichtung der Völker zum Eingreifen. Es ist bezeichnend für die Härte der Auseinandersetzung, wenn er die aggressive Gegnerschaft einer Pfarrerin als Antimilitaristin in einer solchen Begegnung als „militant“ bezeichnet.

Natürlich wird Rink nach Margot Käßmann gefragt, die seinerzeit mit ihrer „Nichts-ist-gut-in-Afghanistan“-Feststellung die Gemüter erregte. Nach einem „wunderbaren Mittagessen am Gendarmenmarkt“ hat Rink viel Verständnis für die ehemalige Ratsvorsitzende und bescheinigt ihr viel „Gespür“. Wenn er ihren Satz prophetisch interpretiere, dann habe er sich für das Land am Hindukusch bitter bestätigt. Sicherlich gebe es Fortschritte für die Frauen, für die Kinder, für die Bildung. Aber pro Jahr würden 10.000 Soldaten der afghanischen Streitkräfte getötet, sei die „Gewaltsituation völlig entgrenzt“. Seine aktuelle Empfehlung daher: Dringend danach suchen, wie eine befriedende Lösung aussieht. Denn auch das ist die Botschaft des Buches: Bei aller Zustimmung zu verantwortlichem Handeln das „Ziel eines gerechten Friedens als Vision“ nie aus dem Blick verlieren. Dahinter stellt sich auch die Protestantin von der Leyen.

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