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Ex-Außenminister: Westerwelles Leukämie durch Zufall entdeckt

Ex-Außenminister : Westerwelles Leukämie durch Zufall entdeckt

Der Ex-Außenminister engagierte sich für junge Krebspatienten. Nun leidet er selbst unter der rapide fortschreitenden Erkrankung.

Ohne Stress, fröhlich und mit Dreitagebart - beim liberalen Parteitag im Mai in München demonstrierte der frühere FDP-Vorsitzende und Ex-Außenminister Guido Westerwelle ein entspanntes Lebensgefühl. Die Verdrängung als Vizekanzler, den Sturz aus Regierung und Parlament schien er als einer der ersten rundum bewältigt zu haben. Vor allem strotzte er augenscheinlich vor Gesundheit. Kraftvoll wollte er als Chef der Westerwelle-Stiftung rund um den Globus für Verständigung werben. Das ist nun alles in sich zusammengefallen: Mit Bestürzung nahmen Parteifreunde und Mitbewerber die Nachricht von der Leukämie-Erkrankung des 52-Jährigen auf.

"Der Gründer der Westerwelle Foundation und ehemalige Bundesaußenminister, Dr. Guido Westerwelle, ist an einer akuten Leukämie erkrankt", teilte Büroleiter Alexander Vogel am Nachmittag auf Westerwelles Facebook-Seite mit. Westerwelle befinde sich "bereits in medizinischer Behandlung". Ziel sei eine "vollständige gesundheitliche Genesung".

Wie zu erfahren war, hatte Westerwelle diese Woche völlig ahnungslos einen Arzt wegen einer anderen Angelegenheit aufgesucht und von diesem den Rat erhalten, routinemäßig auch eine Blutuntersuchung machen zu lassen. Die niederschmetternde Diagnose beruhte somit auf einem Zufallsergebnis.

Ausgerechnet Krebs! Wie kaum ein anderer Spitzenpolitiker hatte sich Westerwelle dafür engagiert, krebskranken Kindern immer wieder Mut zu machen. Er gehörte zu den Förderern des Vereins "Kinderleben", der hinter einer Tagesklinik für krebskranke Kinder auf dem Gelände des Virchow-Klinikums in Berlin steht. Dabei sammelte er nicht nur Spenden und steckte eigenes Geld in die Arbeit. Er suchte die jungen Patienten auch immer wieder selbst auf.

Ausgelöst wurde diese Leidenschaft durch die Erkrankung eines Kindes in seinem Freundeskreis. Für ihn war die Hilfe mehr als nur "Bürgerpflicht". Er schilderte, wie ihn die Begegnungen mit den Krebskranken regelrecht aufwühlen: "Wenn man gesund ist, hat man tausend Wünsche, wenn man krank ist, hat man nur einen - nämlich gesund zu werden." Um sie dabei zu unterstützen, kam er auf die Kinderkrebsstation, malte mit den Patienten und las ihnen vor, zum Beispiel das Märchen von der Mücke, die mit dem Löwen kämpft. Ein Kampf, den auch die Kinder führen müssen. Und jetzt Westerwelle selbst.

Bundeskanzlerin Angela Merkel knüpfte ebenfalls daran an: "Ich kenne Guido Westerwelle seit langen Jahren als einen großen Kämpfer", erläuterte die Kanzlerin. "Jetzt in dieser für ihn so schwierigen Zeit wünsche ich ihm alle Kraft und Zuversicht, um wieder gesund zu werden - meine Gedanken sind bei ihm." Westerwelles Nachfolger als Außenminister, Frank-Walter Steinmeier, sagte, er habe die Nachricht mit großer Bestürzung aufgenommen. Er wünsche, auch im Namen aller Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, "von Herzen viel Kraft für den Kampf gegen die Krankheit und baldige vollständige Genesung".

Beim Kurznachrichtendienst Twitter meldete sich FDP-Chef Christian Lindner: "Von Herzen wünschen wir ihm, dass er seine Erkrankung bald und vollständig überwindet." Im sozialen Netzwerk äußerte sich ebenfalls Linken-Fraktionschef Gregor Gysi, und er bezog dabei auch Westerwelles Lebensgefährten mit ein: "Ich wünsche Guido Westerwelle schnelle und vollständige Genesung - meine Gedanken sind bei ihm und Michael Mronz."

In der Medizin unterscheidet man zwischen einer chronischen und einer akuten Leukämie; diese ist eine schnell hereinbrechende, schwere Erkrankung. Die Blutbildung im Körper gerät aus den Fugen. Weiße Blutzellen (Leukozyten) und vor allem deren noch nicht funktionstüchtige Vorstufen werden im Übermaß produziert und kontaminieren das Knochenmark. Dadurch ergeben sich fatale Folgen für die Blutbildung: Es zeigen sich Zeichen einer Blutarmut (Anämie) wegen des Mangels an roten Blutkörperchen (Erythrozyten), die Sauerstoff transportieren; der Patient ist schwach, blass und leidet unter Atemnot.

Es mangelt aber auch an Blutplättchen (Thrombozyten), die durch Gerinnung eine Blutung stillen. Deshalb ist bei Leukämie-Patienten die Blutungsneigung erhöht, vor allem kommt es vermehrt zu kleinen Blutungen. Nicht zuletzt mangelt es auch an funktionsfähigen weißen Blutzellen. Die Leukämie-Zellen können die Lymphknoten und Organe infiltrieren. Die Beschwerden einer akuten Leukämie (Fieber, Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Schwitzen, allgemeines Krankheitsgefühl) ähneln einer Grippe. Dazu kommt die Anämie.

Zudem gibt es bei einer Leukämie auch gefährliche Folgen für das Immunsystem: Da die entarteten Zellen die Abwehrzellen verdrängen, steigt die Anfälligkeit für Infektionen, vor allem für bakterielle Erkrankungen und Pilzerkrankungen.

Besteht Verdacht auf eine Leukämie, tastet der Arzt Lymphknoten, Milz und Leber ab, die bei einer Leukämie oft vergrößert sind. Das Blut wird auf verschiedene Aspekte hin untersucht. Um die Diagnose zu sichern, entnimmt der Arzt Knochenmark, in der Regel mit einer Punktion. Therapeutisch gibt es verschiedene Optionen: Chemotherapie, Knochenmark- oder Blutstammzelltransplantation, Transfusionen sowie Mittel gegen Infektionen.

(may-)