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Der Fall Günter Grass: Wenn das Walser passiert wäre!

Der Fall Günter Grass : Wenn das Walser passiert wäre!

Düsseldorf (RP). Die Apologeten von Günter Grass klittern die Geschichte - "die Jugend" in Hitler-Deutschland gab es nicht. Es kam auf die Familie, die Kirchenbindungen, die Nachdenklichkeit, auch auf die Intelligenz an. Manche Jugendliche waren immun, andere nicht.

Um Grass geht es hoch her. Seine verwirrten Freunde halten es für einen "Klacks", dass die Personifikation des deutschen Gewissens Ladeschütze in der 10. SS-Panzerdivision Frundsberg war, sich selbst beschwieg und andere scharfrichtete. Auch die Gegenseite ist außer sich. Henryk M. Broder: "Es ist, als würde eine Familie kurz vor Weihnachten erfahren, dass Oma in ihrer Jugend auf den Strich gegangen ist." Schlusswort: Denkmal gestürzt, Sockel bleibt.

Nichts als Blechtrommelei? Aus dem Kladderadatsch ragen fünf Fakten und eine Frage: Ein berühmter Schriftsteller hat seine Vita redigiert. Seine Hagiografen haben bedachtsam schlampig recherchiert: In der Wehrmachtsauskunftstelle zu Berlin ist die SS-Zugehörigkeit dokumentiert.

Die unemanzipierte Vorstellung vom Schriftsteller als moralischer Instanz bedarf tabufreier Überprüfung. Grass-Apologeten verharmlosen das NS-Regime - seinetwegen. Wolfgang Thierse (SPD-Vize) erklärt, Grass sei immer ein "Unterstützer" seiner Partei gewesen, alles klar. Nun die Frage: Wenn Martin Walser gewesen wäre, was Grass war, hätten sich dann nicht alle Grass-Freunde in Ladeschützen verwandelt? Soviel zur Heuchelei.

Bekanntes Phänomen

Worin besteht der "Makel", den Grass selbst einräumt? Nicht im Ladeschützentum bei Frundsberg. Dahin gerieten viele. Unfreiwillig oder freiwillig wie Grass, Schüsse abgebend oder keine, wie der Zwiebel-Schäler angibt. "Blauäugigkeit", der er sich zeiht, ist ein bekanntes Phänomen und hält sich oft bis ins hohe Alter, vor allem politische Urteile betreffend.

Grass wundert sich zurecht, nicht nachgefragt zu haben, als sein Lehrer verschwand, der Zweifel am "Endsieg" geäußert hatte. Dieses Verhalten ist in der Tat ungewöhnlich, wie seine Altersgenossen wissen, die in solchen Fällen durchaus Fragen stellten. Man konnte sie äußern, es sei denn, man hat das System nie hinterfragt. Wie es bei Grass der Fall gewesen zu sein scheint.

Er war, was er nie verschwieg, ein begeisterter Jungvolker und Reichsjünger. Nach einem Jungreichsjünger wirft man nicht mit Lehm. Der Nationalsozialismus war die größte Jugendbewegung aller deutschen Zeiten. Dagegen waren die 68er tatsächlich ein "Klacks". Grass wuchs im völkerbundregierten deutschen Danzig, einer Versailles-Exklave, auf.

Heim ins Reich zum Führer

Da lag es nahe, Heim ins Reich zum Führer zu wollen. Grass selbst wird diese Erklärung akzeptieren. Seine Freunde indes begehen - seinetwegen - einen Irrtum, nein, eine Geschichtsklitterung, eine unverdrossene geschichtspolitische Sünde. Sie wollen dem Publikum des Freundes wegen weismachen, die "deutsche Jugend" sei damals eine verführte Kohorte gewesen, durchgehend strammgesinnt, wie Fug und Führer es verlangten.

Deshalb habe Freund Grass gar nicht anders gekonnt, als auch so zu sein, und das exkulpiere ihn. Das aber, genau das, ist eine in Gefälligkeit gekleidete Unwahrheit. Denn es war nicht so. Die damalige "deutsche Jugend" war nämlich sehr unterschiedlich gestrickt. Es gab nicht nur hellbegeisterte, helllachende, heilschreiende Jungen und Mädels. Es kam auf die Familie, die Kirchenbindungen, die Nachdenklichkeit, auch auf die Intelligenz an.

Bemerkenswert viele gab es, die den "blauäugigen", wie Grass sich nennt, in Wirklichkeit ziemlich dunkel dreinblickenden, frühfanatisierten, sprungbereit in-quisitorischen, blitzschnell verurteilenden System-Typen regel-recht fürchteten, überhaupt nicht mochten, für eine Landplage hielten.

Die einen waren immun, die anderen nicht

Sofern dies in der Grass-Causa unterschlagen wird, liegt das daran, dass die Freunde glaubensindoktriniert sind, alle Deutschen seien von jung auf Nazis gewesen, Hitler am Ende der Weimarer Republik mit absoluter Mehrheit gewählt und von allen geliebt worden. Nichts stimmt in dieser Form. Der NS-Staat war, mit Verlaub, eine Frage des Milieus.

Beim Marsch der HJ-Stämme wallte, wie es der Autor erlebt hat, der Hakenkreuzwald in städtischen Arbeitervierteln am dichtesten. Es wallte auch in bürgerlichen Bezirken; dort aber sah man größere Lichtungen. Zwischen HJ und "Pfarrstunde" tobte Streit, die miefigen Frommen kriegten Prügel. Schulen und Lehrer waren nicht gleich. Die einen Jugendlichen ließen sich immunisieren, andere nicht. Es gab Väter und Mütter, die ihre Kinder "aufklärten", zu Fragen anregten, und es gab "Sieg Heil" zum Morgenkaffee.

Warum lief Grass, wie er schreibt, der braunen Ideologie hinterher? An sich eine inquisitorische Frage, die der große Schriftsteller uns durch Rechtzeitigkeit hätte ersparen sollen. Aber es ist ja derselbe Grass, der heute noch vom bürgerlichen, vom "katholischen Mief", vom "grauenhaften" Adenauer daherredet, von Spießigkeit, "die es nicht einmal bei den Nazis geben hatte".

Was hat ihm die Eingewöhnung in die deutsche Nachkriegsdemokratie so schwer gemacht? Oder war er stets "ein Beispiel für Zivilcourage, für Nichtopportunismus", wie die Freunde rufen, und wir haben es nur bis in die letzten Tage hinein nicht bemerkt?

Hier geht es zur Infostrecke: Was Leser zum Geständnis von Günter Grass sagen

(Rheinische Post)