Studieren im Jahr 2009: Wenn Bachelors klagen

Studieren im Jahr 2009 : Wenn Bachelors klagen

Düsseldorf (RPO). Die wütenden Proteste der Studenten dauern an. Im Zentrum ihrer Kritik stehen die neuen Studiengänge Bachelor und Master. Sie klagen über verschulte Stundenpläne, chronische Überlastung, hoffnungslos überfüllte Seminare und Lehrziele, die aus Studenten Fach-Idioten machen. Und das zu Recht. Politik und Hochschulen kündigten am Mittwoch Nachbesserungen an.

Die Fronten im aktuellen Studienstreit um die Auswirkungen des Bologna-Prozesses verhärten von Tag zu Tag mehr. Am Mittwoch ließ der Rektor der Uni Düsseldorf den Hörsaal räumen, während wütende Protestierende die Räume der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in Berlin-Mitte stürmten.

Die Studenten fühlen sich über den Leisten gezogen und als Versuchskaninchen missbraucht. "Das macht mich alles wahnsinnig wütend", schrie ein revoltierender Student der HRK in berlin ins Gesicht. Die Zustände in den Unis seien doch haarsträubend.

Auch weniger aufgebrachte Studenten wissen nicht viel Gutes über die aktuelle Uni-Wirklichkeit deutscher Studenten zu sagen. "Die meisten haben es nicht geschafft", erinnert sich eine Master-Studentin des Studiengangs "Modernes Japan" an der Universität Düsseldorf. Zwei Drittel der Bachelor-Kommilitonen, mit denen sie das Studium begonnen habe, seien gescheitert. Grund: Zu viel Stoff, zu schnelles Studium, zu ehrgeizige Pläne.

Vollgestopfte Stundenpläne

Wer einmal den Verlauf eines Studiums in früheren Jahren neben den Stundenplan eines angehenden Bachelors legt, registriert schnell, dass ihre Kritik nicht ohne Berechtigung ist. Im Schnitt habe sie ein Pensum von 30 Semesterstunden in der Woche zu bewältigen gehabt, erzählt die Studentin. Fast alles ist durch ein starres Raster vorgegeben. Flexibilität, Freiraum für kritische Gedanken — Fehlanzeige.

In der aktuellen Diskussion findet sich das unter dem Begriff "Verschulung". Heruntergerechnet hat ein Bachelor-Student zehn bis 15 doppelstündige Seminare oder Vorlesungen zu absolvieren. Zehn bis 15 überwiegend überfüllte Kurse mit Anwesenheitspflicht, einer langen Literaturliste und Prüfungen am Ende des Semesters, zum Beispiel in Form einer 20-seitigen wissenschaftlichen Hausarbeit, einem Prüfungsgespräch mit dem Professor oder einer Klausur.

Was die Studenten zusätzlich aufbringt, sind die Studiengebühren in Kombination mit überfüllten Seminaren, unzureichend ausgestatteten Fachbereichen und organisatorischen Mängeln. Viele Lehramtsstudenten etwa wissen nicht, ob sie ihr Studienabschluss am Ende für den Beruf ausreichend qualifiziert oder nicht.

Eine Rundum-Reform

Dass das Thema Bildung einmal so viel gesellschaftlichen Sprengstoff mit sich bringen würde, war zu Beginn des Bologna-Prozesses nicht zu ahnen. Die Ziele waren aller Ehren wert. Aber auch zahlreich. Mancher fühlt sich an die eierlegende Wollmilchsau erinnert. So sollte die Reform helfen, die Studienabschlüsse in Deutschland international anzugleichen und einen Wechsel zu Hochschulen im Ausland zu erleichtern.

Und mehr noch: Bologna darf das Studium schneller machen, die Qualität verbessern und die Abbrecher-Quote senken und gleichzeitig auch noch Mittel und Wege bereitstellen, mit der sich der wachsenden Flut von Studenten begegnen lässt. Zur Erinnerung: In den 60er Jahren belief sich die Zahl der Studenten auf etwa 250.000. 40 Jahre später drängen rund zwei Millionen in die Hörsäle.

Von der Forschungs- zur Effizienz-Uni

Bologna, der Reformeifer der deutschen Bildungspolitiker und die sich gewaltig verändernden Rahmenbedingungen konfrontierte die Universitäten somit mit einem Umbruch: Herrschte zuvor noch das dem humboldtschen Bildungsideal verpflichtete Leitbild des kritischen Studenten, wurde Bildung zur Massenware. Die Universität von gestern sah ihren Daseinszweck in erster Linie in der Forschung. Mit den auf Effizienz gepolten Bachelor- und Mastervorgaben änderten sich die Vorgaben. Aber: Die Mittel und die nötige Anlaufzeit für den gravierenden Umbruch fehlten.

Politik, akademischer Betrieb und Hochschulen üben sich nun in gegenseitigen Schuldzuweisungen. Nachbesserungsbedarf bestreitet jedoch niemand. Jetzt geht es um Geld, Personal und Zuständigkeiten. NRW-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) kündigte am Mittwoch schnelle Korrekturen an den umstrittenen neuen Bachelor- und Masterstudiengängen an. Am Donnerstag wolle er sich mit den Rektoren der Universitäten treffen, so Pinkwart am Mittwoch in Düsseldorf.

Bologna unumkehrbar

Die Hochschulen sollten die Einnahmen aus den Studiengebühren "dringend" für mehr wissenschaftliches Personal einsetzen, forderte Pinkwart. Zudem wolle er mit den Universitätsleitern darüber sprechen, "Stoffdichte, Prüfungselemente, Anwesenheitslisten, Praxisnähe und Mobilität in den neuen Studiengängen zu überprüfen und dort zu korrigieren, wo es Fehlentwicklungen gibt", sagte der Minister weiter. Bereits zum Ende des laufenden Semesters solle es zu Verbesserungen kommen.

An der Verkürzung der Studienzeiten und Studiengebühren hält Pinkwart jedoch fest. Allen warmen und verständnisvollen Worten für die Studenten zum Trotz ist sicher: Der Bologna-Prozess ist unumkehrbar.

Hier geht es zur Infostrecke: 2009: Was die streikenden Schüler und Studenten wollen

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