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Weltärztebund-Chef Montgomery: „Es liegt an uns, dass der Winter nicht bitter und tödlich wird“

Weltärztebund-Chef Montgomery : „Es liegt an uns, dass der Winter nicht bitter und tödlich wird“

Der Vorsitzende des Weltärztebundes kritisiert im Interview ein zu spätes und halbherziges Reagieren der Politik auf die vierte Corona-Welle, plädiert für eine Verlängerung der epidemischen Lage und erklärt, wie er den Druck auf Ungeimpfte erhöhen will.

Herr Montgomery, wird die vierte Corona-Welle schlimmer als die bisherigen Wellen?

Montgomery Die Infektionszahlen steigen dramatisch, das ist besorgniserregend – und doch ist die Lage noch besser als vor einem Jahr. Zweidrittel der erwachsenen Bürger sind geimpft. Ihnen ist es zu verdanken, dass wir nicht noch wesentlich höhere Zahlen bei den Krankenhausaufnahmen, der Intensivbettenbelegung und den Toten haben. Impfen ist der Schlüssel zur Überwindung der Pandemie – aber bis dahin ist es noch ein langer Weg. Deswegen brauchen wir auch jetzt die goldenen drei Regeln: Maske, Abstand, Hygiene! Und zwar in mancher Situation auch für Geimpfte.

Wie blicken Sie auf den politischen Umgang mit der Lage?

Montgomery Die Politik hat in Worten und Handeln an vielen Stellen versagt. Zu spät, zu halbherzig, zu unterschiedlich waren die Maßnahmen gegen das tödliche Virus. Zur Kakophonie der Ministerpräsidenten gesellte sich das parteipolitische Freiheitsgesäusel, das einen völlig falschen Freiheitsbegriff versprach. Die Freiheit zum Leben, die in Wirklichkeit eine Freiheit zu Krankheit und Tod ist. Und wer jetzt apodiktisch sagt: keine Impfpflicht und nie wieder Lockdown, der hat die Epidemiologie des Virus nicht verstanden und spielt ihm in die Hände.

Die epidemische Lage soll zum 25. November auslaufen. Ist das eine gute Idee?

Montgomery Wir haben weiterhin eine Pandemie nationalen Ausmaßes. Es ist absurd angesichts von Inzidenzen um die 300 von einer Aufhebung sprechen zu wollen. Die juristischen Argumente für die Aufhebung sind dünn. Statt dagegen zu argumentieren, schlottern den Politikern die Hosen. Es soll um die „Verhältnismäßigkeit“ gehen. Dabei hat das Bundesverfassungsgericht erst 2006 (im Verfahren um das Luftsicherheitsgesetz) geurteilt, dass das Leben eines Menschen nicht „verhältnismäßig“ ist.

Was also fordern Sie?

Montgomery Politik muss vom Reden und Streiten zum gemeinschaftlichen, entschlossenen Handeln kommen. Noch kann es gelingen, zumindest den Trend der vierten Welle zu brechen.

Aber wie?

Montgomery Die Devise lautet impfen, impfen, impfen. Wer sich nicht impfen lässt, spielt mit dem eigenen Leben – und dem vieler anderer. Wir streiten darüber, ob mehr Zwang oder mehr Überzeugung der richtige Weg ist. Mit Überreden versuchen wir es nunmehr seit einem halben Jahr. Weitgehend erfolglos. Jetzt müssen wir darüber nachdenken, welche Zwänge wir im Einklang mit den Grundrechten ausüben können.

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Plädieren Sie für eine Impfpflicht?

Montgomery Zwei Dinge fallen mir sofort ein: Eine Impfpflicht überall dort, wo Menschen eine Garantenstellung gegenüber Schutzbefohlenen haben, also im Altenheim, im Krankenhaus oder in der Schule. Wer das nicht will, kann dort nicht arbeiten. Und eine Informationspflicht des Arbeitnehmers an seinen Arbeitgeber. Wie sollen denn Arbeitgeber Schichtpläne, Bürobesetzung, Schalterdienst regeln, wenn sie nicht einmal wissen dürfen, wer geimpft oder genesen und wer völlig ungeschützt in ihren Diensten steht?

Reicht der Ansatz über mehr und schnelleres Impfen in dieser Lage aus?

Montgomery Wir müssen auch testen, testen, testen, damit wir jeden Infektionsherd so schnell wie möglich erkennen und die Betroffenen in Isolation schicken können. Der Winter wird kalt, es liegt an uns, dass er nicht auch noch bitter und tödlich wird.