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Trittin bekommt Unterstützung von Realos: Welcher Grüne erklät den Bürgern die Welt?

Trittin bekommt Unterstützung von Realos : Welcher Grüne erklät den Bürgern die Welt?

Die Grünen suchen. Sie suchen nach dem Mann oder der Frau, die vor der Bundestagswahl 2013 vor die Wähler treten wird und das Programm und die Richtung der Partei erklären wird.

Bei den mehr als 150 Grünen, darunter Fraktionschefs, Landesminister und andere Strippenzieher, herrscht gespannte Ruhe. Vorn am Pult plaudert Parteichef Cem Özdemir aus dem Nähkästchen. Bei Telefonkonferenzen des Grünen-Führungsquartetts mit wichtigen Parteifreunden in den Ländern redeten die vier Spitzenleute oft so lange, dass für die anderen kaum Zeit bleibe. Die ärgerten sich dann. "Wir vier dürfen den anderen nicht permanent die Welt erklären", sagt Özdemir. In der internen Klausur des Realoflügels in Berlin bekommt er dafür am Samstagmittag Szenenapplaus. Es geht auch um die Frage: Wer von den Grünen soll als Spitzenkandidat im Bundestagswahlkampf den Bürgern die Welt erklären?

Der Ort des Treffens, die Berliner Hertie School of Governance, liegt 100 Meter vom ehemaligen Kabarett Kneifzange entfernt. Vor der Runde hatte es hier und dort geheißen, Renate Künast solle in die Zange genommen werden. Die Realo-Frontfrau war im Herbst krachend beim Versuch gescheitert, den Berliner SPD-Regierungschef Klaus Wowereit aus dem Amt zu kippen. Das hinterließ böse Blessuren bei ehemaligen Kampfgefährten Künasts. Seither geben sich manche aus dem Realoflügel kaum Mühe, ihre Abneigung gegen Künast zu verbergen. Die kämpferische Fraktionschefin machte aber keinen Hehl daraus, dass sie 2013 gerne wieder Spitzenkandidatin im Bund wäre.

Trittin gilt als gesetzt

Co-Fraktionschef Jürgen Trittin gilt dafür als starker Mann in der Partei als gesetzt. Auch Özdemir und der langjährigen Co-Parteichefin Claudia Roth werden Ambitionen nachgesagt. Beliebt sind bei den Grünen Spitzenduos. Doch eine reine Neuauflage des Duos Trittin/Künast wie 2009 gilt als wenig attraktiv. Trittin/Özdemir wiederum ist im Grünen-Kosmos unmöglich - es wären zwei Männer. Und auch Trittin/Roth wäre unmöglich - das wären zwei Parteilinke.

Es ist ein echtes Dilemma für die Grünen. Kommt jetzt monatelange Selbstbeschäftigung? Ausgerechnet in der misslichen Lage, in der selbst bei den Grünen vielen eine große Koalition nach 2013 als leider wahrscheinlichstes Wahlresultat gilt?

Offiziell stemmen sich die Grünen dagegen, das Problem in den Fokus zu rücken. "Ich halte gar nichts von Personalspekulationen", sagt Trittin. Der Grünen-Realo Alexander Bonde, seit Mai baden-württembergischer Verbraucherschutzminister, mahnt: "Die Leute wollen nicht wissen: Wer ist der grüne Obermops? Sondern sie wollen wissen, was die Grünen an konkreten Projekten umsetzen wollen und wie diese in Zeiten der Haushaltskrise seriös finanziert werden können."

Dann ziehen Künast, Roth, Özdemir und Trittin halt in einer gemeinsamen Spitze in den Wahlkampf, hieß es von Parteistrategen zuletzt. Oder gleich alle bekannteren Grünen, die nicht wegen Regierens in einem Bundesland verhindert sind. Auf dem Realotreffen deutet Özdemirs seine Ablehnung solcher Varianten an.

Künasts Demontage bleibt aus

Die von manchen erwartete Demontage Künasts bleibt in der Hertie School of Governance zwar aus. Einige nehmen den Eindruck erneuerter Geschlossenheit mit. Mit gestärktem Rücken sehen mehrere Teilnehmer Künast aber nicht aus der Klausur hervorgehen. Als sie mögliche Schwerpunkte der Grünen für den Wahlkampf umreißt, empfinden manche diese Ausgangsbasis als konfuses Wünsch-Dir-Was.

Nach übereinstimmender Meinung ist das aber keineswegs Künast allein anzulasten. Energiewende und soziale Gerechtigkeit sollen nun grüne Wahlkampfschlager werden. Gegenüber den Parteilinken gerieten die Realos zuletzt ins Hintertreffen. Jetzt wollen sie in zwei Arbeitsgruppen klären, was ihnen für den Wahlkampf wichtig ist.

Und wer wird nun Spitzenkandidat? "Die vier sind alle erwachsen und müssen das nun unter sich ausmachen", sagt ein Teilnehmer. Sonst handele die Basis eigenständig - und plakatiere die beliebtesten Spitzenköpfe öfter. Ein offener Showdown per Mitgliederbefragung ist ebenfalls nicht vom Tisch. Nach der Realo-Klausur könnte es aber auch gut sein, dass die Grünen Trittin als alleinigen Spitzenkandidaten in den Kampf gegen Angela Merkel schicken. Einige Realos haben sich dafür ausgesprochen. Nur dürfe Trittin sich dann nicht allzu offensiv als Parteilinker zu erkennen geben.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Entscheidungen des Grünen-Parteitages in Kiel

(dpa)