Weihnachtsansprache von Frank-Walter Steinmeier: "Reden Sie miteinander"

Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten : "Unsere Demokratie ist immer so stark, wie wir sie machen“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wirbt in seiner Weihnachtsansprache für eine respektvolle Kommunikation und wendet sich gegen Sprachlosigkeit. Die Bürger sollen das Gespräch mit Leuten suchen, mit denen sie sonst nicht reden.

"Wir müssen wieder lernen zu streiten, ohne Schaum vorm Mund, und lernen, unsere Unterschiede auszuhalten. Wer Streit hat, kann sich auch wieder zusammenraufen", sagte das Staatsoberhaupt in seiner Ansprache, die am ersten Weihnachtsfeiertag ausgestrahlt werden soll. Wer gar nicht spreche und erst recht nicht zuhöre, komme Lösungen "kein Stück" näher: "Sprachlosigkeit heißt Stillstand."

Steinmeier sagte, er wünsche sich mehr Kommunikation unter den Menschen. "Ich habe den Eindruck, wir Deutsche sprechen immer seltener miteinander. Und noch seltener hören wir einander zu. Wo immer man hinschaut, erst recht in den Sozialen Medien: Da wird gegiftet, da ist Lärm und tägliche Empörung." Mehr noch als über den Lärm mancher Menschen sei er besorgt über das Schweigen von vielen anderen, so der Bundespräsident.

"Immer mehr Menschen ziehen sich zurück unter ihresgleichen, zurück in die eigene Blase, wo alle immer einer Meinung sind – auch einer Meinung darüber, wer nicht dazugehört", kritisierte Steinmeier. "Nur, so sehr wir uns über andere ärgern oder sie uns gleich ganz wegwünschen - eines gilt auch morgen noch: Wir alle gehören zu diesem Land, unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe, von Lebensanschauung oder Lieblingsmannschaft."

Steinmeier warb dafür, mit Menschen zu sprechen, die eine andere Meinung verträten. Und: "Sprechen Sie ganz bewusst mal mit jemandem, über den Sie vielleicht schon eine Meinung haben, mit dem Sie aber sonst kein Wort gewechselt hätten. Einen Versuch ist das wert." Das sei auch sein Vorsatz für 2019. "Lassen Sie uns dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft mit sich im Gespräch bleibt!"

Brennende Barrikaden in Paris oder "tiefe politische Gräben in den USA" zeugten von auseinanderdriftenden Gesellschaften. Auch in Deutschland gebe es Ungewissheit, Ängste und Wut, sagte er.

Steinmeier dankte Menschen, die sich für andere engagieren, auch an den Weihnachtsfeiertagen. "Unsere Demokratie ist immer so stark, wie wir sie machen. Sie baut darauf, dass wir unsere Meinung sagen, für unsere Interessen streiten. Und sie setzt uns der ständigen Gefahr aus, dass auch der andere mal Recht haben könnte." Kompromisse seien keine Schwäche: "Die Fähigkeit zum Kompromiss ist die Stärke der Demokratie."

(csi/kna)
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