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Weihnachtsansprache von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: Wir sind ein Land!

Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten : „Wir sind ein Land!“

Nach einem weiteren Corona-Jahr ruft Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Zusammenhalt in der Gesellschaft auf. Er ruft die Bürger auf, Verantwortung für die Gemeinschaft zu zeigen und sich impfen zu lassen. Dies sind die wichtigsten Aussagen.

Nach zwei Jahren Pandemie mache sich „Frust breit, Gereiztheit, Entfremdung und leider auch offene Aggression“, sagte der Bundespräsident. „Es stimmt: In der Demokratie müssen wir nicht alle einer Meinung sein. Aber bitte denken wir daran: Wir sind ein Land! Wir müssen uns auch nach der Pandemie noch in die Augen schauen können.“

Steinmeier, der sich im Februar für eine weitere fünfjährige Amtszeit bewirbt, sieht im Schutz der Demokratie einen der Schwerpunkte seiner Präsidentschaft. Die zunehmende Anspannung in der andauernden Corona-Krise und die wachsenden Konflikte mit Impfgegnern, bis hin zu Morddrohungen gegenüber Politikern, geben Steinmeier in der Wahl dieses Schwerpunktes Recht.

Jahr der Krisen „Wenn wir auf dieses Jahr zurückschauen, sehen wir vieles, das uns Kummer bereitet, vieles auch, was uns Angst gemacht hat“, sagte Steinmeier. Der Präsident nennt die Flutkatastrophe im Sommer, den raschen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan und indirekt auch die Zuspitzung der Lage an der ukrainischen Grenze. „Wir machen uns Sorgen über das, was wir aus vielen Teilen unserer unruhigen Welt hören, gerade auch aus Osteuropa.“

Hoffnung Der Bundespräsident verwies aber auch auf positive Entwicklungen. „Ich denke an die riesige Solidarität mit den Flutopfern, an Spenden und vor allem ganz viel tatkräftige Hilfe.“ Er erinnerte an die vielen jungen Menschen, die sich für besseren Klimaschutz einsetzen, und die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer. Der Präsident hob auch die hohe Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl hervor. „Viele Menschen schauen jetzt mit Neugier, auch mit Hoffnung auf eine neue Bundesregierung, die sich viel vorgenommen hat für unser Land.“

Corona Den Schwerpunkt seiner Weihnachtsansprache widmete Steinmeier jedoch der Corona-Krise. „Selten haben wir so hautnah erfahren, wie gefährdet unser menschliches Leben und wie unvorhersehbar die Zukunft ist – der nächste Monat, die nächste Woche, ja der nächste Tag“, sagte er. „Auch ganz aktuell müssen wir uns wieder stärker einschränken zum Schutz vor einer neuen Virusvariante.“ Dank der Impfstoffe sei die Gesellschaft aber nicht machtlos gegen das Virus. „Wir können uns selbst und andere schützen“, sagte Steinmeier. „Ich bin froh, dass die allermeisten die Chance erkannt haben, die in der Impfung liegt. Wie viel schweres Leid, wie viele Todesfälle konnten dadurch bis heute schon verhindert werden.“

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Staat Der Staat sei selten so gefordert gewesen, Leib und Leben seiner Bürger zu schützen. Dazu brauche er die kompetenten Wissenschaftler, die Ärztinnen und Pfleger, verantwortungsvolle Ordnungskräfte und Mitarbeiter in den Ämtern. „Sie alle tun ihr Bestes. Und sie alle gewinnen neue Erkenntnisse, korrigieren Annahmen, die sich als falsch erwiesen haben, und passen Maßnahmen an. Menschen können irren, sie lernen aber auch“, sagte Steinmeier und warb damit für Verständnis, wenn Politiker und Wissenschaftler – wie etwa in der Diskussion um eine allgemeine Impfpflicht – ihre Meinungen im Lichte neuer Erkenntnisse ändern.

Impfkampagne „Der Staat kann sich nicht für uns die Schutzmaske aufsetzen, er kann sich auch nicht für uns impfen lassen. Nein, es kommt auf uns an, auf jeden Einzelnen“, rief Steinmeier die Bürger zum Impfen auf. Er dankte „aus vollem Herzen der großen, oft stillen Mehrheit in unserem Lande, die seit Monaten umsichtig und verantwortungsvoll handelt“, sagte der Bundespräsident.

Konflikte Natürlich gebe es auch Streit, Unsicherheiten und Ängste, und es sei wichtig, sie auszusprechen. „Daran wird bei uns niemand gehindert. Entscheidend ist, wie wir darüber sprechen – in der Familie, im Freundeskreis, in der Öffentlichkeit“, mahnte der Bundespräsident und warnte damit auch vor verbreiteten Vorurteilen oder Verschwörungstheorien.

Wichtige Werte Die Pandemie „wird uns noch lange beschäftigen“, so Steinmeier. Vertrauen, Verantwortung und Freiheit erhielten bereits ein neues dringliches Gewicht. Könne Vertrauen nicht auch bedeuten, „dass ich mich auf kompetenten Rat verlasse, selbst wenn meine eigenen Zweifel nicht gänzlich besiegt sind?“, fragte Steinmeier. Oder könne Freiheit nicht auch bedeuten, „mich selbst einzuschränken, um die Freiheit anderer zu schützen?“ Verantwortung bedeute nicht nur, für sich selbst verantwortlich zu sein, sondern auch für andere.

Klimaschutz Über die Bedeutung von Freiheit, Vertrauen, Verantwortung müsse sich die Gesellschaft auch in anderen großen Fragen wie dem Klimaschutz verständigen. „Auch da wird es nicht nur die eine richtige Antwort geben, die alle überzeugt“, sagte Steinmeier. „Sondern immer wieder werden wir uns neu verständigen müssen. Und ich bin sicher: Wir können uns verständigen.“

Bei der Mondlandung vor mehr als fünfzig Jahren „wurde unsere kleine, verwundbare Erde sichtbar wie nie zuvor“, erinnerte Steinmeier. Damals hätten die drei Astronauten von Apollo 8 ihre weihnachtliche Botschaft mit den Worten „Gott segne euch alle auf der guten Erde“ beendet. „Liebe Landsleute: Dass es für uns alle die gute Erde bleibe, dass es für uns alle eine gute Zukunft gebe, das wünschen meine Frau und ich Ihnen“, sagte Steinmeier.