Koalition diskutiert übers Haltbarkeitsdatum: Weg mit dem Wegwerf-Hinweis!

Koalition diskutiert übers Haltbarkeitsdatum : Weg mit dem Wegwerf-Hinweis!

Düsseldorf (RPO). Der Hinweis "Mindestens haltbar bis ..." provoziert ein kolossales Missverständnis. Sobald das Datum erreicht ist, landet ein Großteil der Ware im Müll. Und das, obwohl sie meist noch in tadellosem Zustand ist. Nun denkt die Koalition laut darüber nach, das Mindesthaltbarkeitsdatum abzuschaffen und durch einen besseren Begriff zu ersetzen.

Eine Pressebericht sorgte am Dienstag für Wirbel in Berlin. In der Saarbrücker Zeitung hatten Koalitionspolitiker das Mindesthaltbarkeitsdatum auf Lebensmittelverpackungen in Frage gestellt. Sollte darin eine Ursache für das häufige Wegwerfen von Lebensmitteln liegen, könne eine Umbenennung die Verschwendung verringern, sagte der FDP-Politiker Hans-Michael Goldmann (FDP) der Zeitung.

Goldmann mag einem breiten Publikum unbekannt sein. In diesem Zusammenhang hat seine Stimme Gewicht. Er ist Vorsitzender des Ernährungsausschusses des Bundestages. Am Mittwoch werde der sich auf Antrag von Union und FDP mit dem Thema befassen, kündigte Goldmann an.
Als sinnvolle Alternative empfiehlt Goldmann einen Blick nach Großbritannien. Auf den Lebensmitteln in englischen Supermärkten findet sich demnach der Verzehr-Hinweis "best before …". Zu deutsch bedeutet das so viel wie "am besten vor dem ...".

Aigner lässt dementieren

Das Verbraucherministerium fing Goldmanns Vorstoß am Dienstag wieder ein und ließ dementieren. Änderungen seien nicht geplant, zitierte am Dienstag die Nachrichtenagentur dpa einen Sprecher von Ministerin Ilse Aigner (CSU). Auch eine Abschaffung stehe nicht zur Diskussion. Die Vorschriften zum Mindesthaltbarkeitsdatum und zum Verbrauchsdatum seien auf EU-Ebene einheitlich geregelt.

Eigentlich ist Aigner die Wegwerfkultur in Deutschland schon länger ein Dorn im Auge. Nur mit durchgreifenden Änderungen tut sich die Ministerin bislang schwer. Das Ministerium setzt auf Aufklärung. Der Verbraucher soll begreifen, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum kein Verfallsdatum ist.

Verantwortlich ist der Hersteller

Zuständig für die Datumsangabe ist der Hersteller. Er ist dafür verantwortlich, dass die Ware in einwandfreiem Zustand ist. Im Schadensfall ist er es, der den Kopf hinhalten muss. Das Berliner Bundesministerium wies bei seiner Stellungnahme am Dienstag darauf hin, dass die Produzenten darum gerne ein Sicherheitspolster einbauen, also lieber ein früheres Datum nehmen. Er will tunlichst vermeiden, mit verdorbener Ware in Verbindung gebracht zu werden.

Theoretisch darf der Hersteller Produkte mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum sogar noch verkaufen, wenn sie in einwandfreiem Zustand sind. Die Verantwortung trägt weiterhin der Lebensmittelunternehmer, der die Ware in Verkehr bringt. Anders verhält es sich beim so genannten Verbrauchsdatum, das bei leicht verderblichen Lebensmitteln, wie Hackfleisch, Rohmilch oder frischem Geflügelfleisch anzugeben ist. Solche Lebensmittel dürfen nach Ablauf des Verbrauchsdatums nicht mehr verkauft werden.

Schon bei den Supermärkten fängt es an

Die Websites der Aufklärer vom Verbraucherministerium sind schon länger voll von guten Ratschlägen, um die Lebensmittel-Müllflut einzudämmen. Wer mag, kann sich die gut gemeinten Tipps sogar als "praktisches Service-Kärtchen" (O-Ton Ministerium) ausdrucken, um sein Einkaufsverhalten damit zu regulieren. "Einkaufszettel schreiben", heißt es dort im Fünf-Punkteplan. Und weiter: "Haltbarkeit prüfen: Machen Sie den Auge-Nase-Zungen-Check" oder "Nicht zu viel kochen" und "Reste verwerten".

Das klingt gelinde gesagt hilflos. Zumal der Hund schon im Überangebot der Supermärkte begraben liegt. Dort nämlich wird frühzeitig und gnadenlos aussortiert. Der Verbraucher, das weiß jeder Unternehmer, bevorzugt die möglichst frische Ware mit der längstmöglichen garantierten Haltbarkeit. Ältere Lebensmittel, die nicht mehr taufrisch daherkommen, fallen der Selektion zum Opfer. Der Filmemacher Valentin Thurn hat in seiner Doku "Taste the Waste" eindrücklich beschrieben, wie der alltägliche Wegwerfwahn systematisch organisiert wird. Freilich sind es summasummarum die Privathaushalte, die am Ende die meisten Lebensmittelabfälle produzieren. Der Handel beteuert, sein Anteil am Lebensmittelmüll betrage nur fünf Prozent.

Eine Studie erkundet unser Wegwerf-Verhalten

Freilich gibt es noch reichlich offene Fragen. So hat Aigner unlängst eine umfassende Studie über das Wegwerfverhalten der Deutschen in Auftrag gegeben. Sie soll zeigen, ob die Deutschen nun 6 oder 20 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr auf den Müll werfen. Ergebnisse werden bis Ende des Jahres erwartet.

Eine Forsa-Umfrage im Auftrag von Aigners Ministerium lieferte Ende vergangener Woche bereits erste Erkenntnisse: Demnach werfen rund 84 Prozent der Bundesbürger Lebensmittel weg, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen oder die Ware verdorben ist. 19 Prozent nennen zu große Packungen als Hauptgrund. 16 Prozent der Bürger werfen Lebensmittel weg, weil sie ihnen nicht schmecken. Und rund ein Viertel gibt an, schlichtweg zu viel gekauft zu haben.

Ein Drittel der Lebensmittel auf dem Globus wird Müll

Freilich hat das noch offene Ergebnis der Studie Aigner nicht davon abgehalten, ein Umdenken der Konsumenten einzufordern. "Der Berg weggeworfener Lebensmittel in Europa wird immer größer - und damit auch die Belastung für Umwelt und Klima und natürlich auch den privaten Geldbeutel", erklärte Aigner zuletzt.

Allein die weltweit verfügbaren Zahlen sprechen für sich. So liegt der weltweite Nahrungsmittelverlust Schätzungen zufolge je nach Art des Lebensmittels zwischen 20 und 75 Prozent, mit einem Gesamtvolumen von jährlich mehr als 1,2 Milliarden Tonnen. Der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) zufolge geht ungefähr ein Drittel der weltweiten Nahrungsmittelproduktion als Abfall verloren.

Die Bereitschaft wäre da

Dass das aktuelle System den Kunden verleitet, vorschnell etwas in die Tonne zu hauen, will selbst Aigner nicht bestreiten. Das Mindesthaltbarkeitsdatum auf der Verpackung werde nicht nur als Orientierungshilfe verstanden, räumte die Ministerin ein. Sei das Datum überschritten, landeten viele Produkte im Müll - egal, ob noch genießbar oder nicht.

Auch wenn nun noch nicht wissenschaftlich feststeht, wie sehr denn nun das Mindesthaltbarkeitsdatum den Verbraucher zum Wegschmeißen verführt, so spricht doch viel für eine Änderung. Von einem anders gestalteten Etikett mit entsprechender Signalwirkung ließe sich so etwas wie eine Verhaltensänderung beim Konsumenten erhoffen. Die Bereitschaft ist bei den Verbrauchern jedenfalls vorhanden. 69 Prozent der Bürger haben beim Wegwerfen ein schlechtes Gewissen.

Mit Material von dpa