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Neuer Streit über Integration: Was wirklich in der Muslim-Studie steht

Neuer Streit über Integration : Was wirklich in der Muslim-Studie steht

Eine breit angelegte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es "den" Muslim in Deutschland nicht gibt. Aber auch in der dritten Zuwanderer-Generation sind noch viele integrationsunwillig.

Anderthalb Jahre nach der lebhaften Debatte über die scharfen Thesen Thilo Sarrazins zur Integration hat eine 762 Seiten dicke Studie über die "Lebenswelten junger Muslime in Deutschland" erneut für Schlagzeilen und heftige Reaktionen gesorgt. Nachfolgend die wichtigsten Fragen und Antworten rund um die Studie.

Ist die Studie seriös?

Der Auftraggeber ist es (das Bundesinnenministerium), die beteiligten Wissenschaftler sind es (unter anderem von der Universität Jena, von der Jacobs University Bremen, von der Aproxima-Forschungs-Gesellschaft und von der Linzer Johannes-Kepler-Universität), und die Befragungsgrundlage von 923 Telefoninterviews (inklusive einer nichtmuslimischen Kontrollgruppe) ist es insgesamt auch. Bedenklich ist jedoch die Unterfütterung einzelner Segmente, so basiert ein Mehrgenerationen-Vergleich nur auf 18 Teilnehmern.

Spiegelt sie die reale Situation der Muslime wider?

Das ist das zentrale Problem. Die Wissenschaftler selbst haben festgestellt, dass "die" Muslime in Deutschland kaum erfassbar sind, weil ihre Herkunft, ihre Kontakte, ihre Lebensumstände in der dritten Zuwanderer-Generation viel zu vielschichtig sind, als dass sie repräsentativ untersucht werden könnten. Auf Seite 637 räumt die Studie selbst ein: "Schlussfolgerungen über etwaige ,objektive' Ursachen von Integration, Radikalisierung etc. sind nicht möglich."

Wie weit geht die ermittelte Abneigung?

Grundsätzlich gibt es einen positiven Befund: Die meisten jungen Muslime wollen sich integrieren, bei den deutschen Muslimen sind es 78 Prozent, bei den nichtdeutschen mehr als die Hälfte. Sie distanzieren sich auch quer durch alle Altersstufen eindeutig vom islamistischen Terrorismus, sind sich jedoch einig in der Kritik, dass in der deutschen Öffentlichkeit der Islam oft vorschnell mit Terrorismus verknüpft werde. Das wird ihnen in bevorzugten Fernsehsendern und in Internetforen bestätigt. Insofern könnten auch Medien zu besser oder schlechter gelingender Integration beitragen.

Neigen junge Muslime zu extremem Verhalten?

15 Prozent der deutschen und 24 Prozent der nichtdeutschen Muslime bezeichnet die Studie als "streng Religiöse mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz". Bei der Analyse, wer denn besonders extreme Ausprägungen quer durch alle Fragen nach Radikalisierung aufwies, blieben allerdings nur vier deutsche Muslime übrig.

Enthält die Studie selbst auch Empfehlungen?

Die Wissenschaftler sehen eine besondere Schwierigkeit darin, dass Muslime, die sich integrieren wollen, sich zugleich von "den Deutschen" ausgegrenzt fühlen. Kopftuchverbote und Anti-Minarett-Kampagnen stärkten daher die Radikalisierung unter den Muslimen. Problematisch sei es zudem, dass 25 Prozent der nichtmuslimischen Bevölkerung islamfeindlich eingestellt sei. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Kenntnis der deutschen Sprache zu den unabdingbaren Forderungen an Menschen gehöre, die hier leben wollten.

Hier geht es zur Infostrecke: Jeder Fünfte in Deutschland hat Migrationshintergund

(RP/pst/csi/jh-)