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Debatte über die Werte unserer Gesellschaft: Was ist heute konservativ?

Debatte über die Werte unserer Gesellschaft : Was ist heute konservativ?

Die Debatte in der Union über rechtliche Gleichstellung Homosexueller gibt Anlass, verstärkt darüber nachzudenken, welche Werte bewahrungswert sind, was Konservative innerlich zusammenhält.

"Ich bin konservativ, denn mir sind Familie, Eigentum, Rechtsstaatlichkeit, Recht und Gesetz, die Grundwerte unserer Verfassung wichtig. Mir ist wichtig, Lehren aus der Vergangenheit für die Zukunft zu ziehen. Niemand sollte Rechte fordern, ohne Pflichten zu erfüllen, oder Freiheit beanspruchen, ohne Verantwortung zu übernehmen."

Christian Wulff hat das 2003 gesagt. Wulff, der Konservative, der Wertebewusste? Nun ja, da fiele anderen Konservativen, zu deren Charaktermerkmalen Skepsis gegenüber großen Ideen und Worten zählt, einiges ein aus dem Leben des Ministerpräsidenten und Bundespräsidenten a.D.

Und dieses noch fällt einem ein: Die Erkenntnis des Sozialwissenschaftlers Niklas Luhmann, dass Werte alles Mögliche sein können, nur nicht ewig. Die anschwellende Debatte in den Unionsparteien über den Stellenwert eingetragener homosexueller Lebenspartnerschaften und darüber, ob ihnen nicht auch die Steuervorteile des Ehegattensplittings gebühren, ist der jüngste Beleg dafür, dass alles fließt, dass die einzige Konstante im Leben dessen ständige Veränderung ist.

Das besorgt Konservative; je nach Veränderungs-Dynamik löst es Angst aus. Passive Naturen fragen sich: "Wo mag das hinführen? Gilt denn nicht mehr, was gestern noch unumstößliche Meinung war." Kämpferische Konservative rufen zum Widerstand auf gegen das, was sie Umkehrung aller Werte, Traditionsbruch und Gleichmacherei schelten. Ungleiches (Eheleute und Homo-Paare) dürfe man nicht gleichbehandeln.

Diese Konservativen glaubten lange Zeit, in der CDU einen Verbündeten zu haben. Der Glaube verdunstet. Was soll ein Konservativer dazu sagen, wenn selbst ein knorriger Christdemokrat wie Unions-Fraktionschef Volker Kauder feststellt: "Wir sind nicht konservativ."

In Deutschland gibt es zwar Millionen konservativer Menschen, doch keine politische Partei, die ähnlich wie britische Tories "Wir Konservative" sagt. Nicht einmal die CSU ist ein Hort konservativer Werte. Das zu behaupten, löste höhnisches Gelächter bei denjenigen aus, die die Biografien so mancher vorgeblich wertkonservativer Spitzenleute kennen.

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Der Konservative möchte in politischen und moralischen Dingen aber nicht päpstlicher sein als der Papst. Er hat nicht nur eine tiefe Abneigung gegen Ideologien, sondern er kennt auch das anthropologische Grundgesetz vom Menschen als einem vom Schöpferplan abweichenden Sünder. Rheinische Konservative hat das nie bekümmert, im Gegenteil, sie schmunzeln bei dem unsterblichen Satz des großen Konservativen Konrad Adenauer, man müsse immer auch die Schwächen eines Menschen ins Kalkül ziehen.

Träte ein Konrad Adenauer heute der CDU bei? Die Frage wird sein Enkel Stephan Werhahn (aus der CDU ausgetreten, Mitglied der Freien Wähler) anders beantworten als CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe. Letztgenannter müsste (wird) sich fragen, wo all die Konservativen geblieben sind, warum sie sich (Wolfgang Bosbach oder Verteidigungsminister Thomas de Maizière stellen prominente Ausnahmen von der Regel dar) selten massiv zu Wort melden und zum Selbstmitleid neigen.

Waren das CDU-Parteitagszeiten, als ein moderner Konservativer wie Friedrich Merz 2003 unter Jubelrufen donnerte: "Ich möchte mich verdammt noch mal bei niemandem dafür entschuldigen müssen, dass ich seit 20 Jahren mit derselben Frau verheiratet bin und dies auch in den nächsten 20 Jahren zu bleiben gedenke."

Friedrich Merz missfällt wie Bosbach und de Maizière das Geduckte an manchen, die sich nur hinter vorgehaltener Hand als Konservative bezeichnen. Die Genannten vertreten keinen Konservatismus, der die Asche bewahren will, anstatt neues Feuer zu entfachen. Der Strukturkonservative ist ein rückständiges Ärgernis. Man begegnet ihm etwa als kleinkariertem Piefling, der zwar Veränderungen im Land verlangt, aber zetert, wenn sein Wohnviertel Neubebauung und Zuzug erfährt. Hier tarnt sich nicht selten Egoismus mit angeblich konservativem Gemeinsinn.

Der Konservative ist bereit für Veränderungen, wenn sie sinnvoll erscheinen. Paulus' Wort gefällt ihm: "Prüfet alles, und das Gute behaltet." Der Düsseldorfer Handwerks-Präsident Wolfgang Schulhoff zitiert das gerne. Konservativen gefällt dieser Satz: "Jede gute Politik beginnt mit dem Betrachten der Realität." Da blitzt die Tendenz auf, die Welt und die Menschen zu nehmen, wie sie sind, Anpassungen an die Moderne (nicht an Moden) mit Maß vorzunehmen.

Extreme in Stil und Verhalten, in Politik und Wirtschaftsleben sind dem Konservativen wesensfremd. Er tendiert zum Soliden, selbst wenn anderen das langweilig erscheint. Der Konservative schätzt den gesunden Erwerbstrieb, betet aber das Geld nicht an. Er weiß um den Wert von Bindungen in der Familie, im Freundeskreis und um das sichere Gefühl, das Heimat verleiht. Er bekennt ohne Skrupel: "Ich finde es toll in Deutschland, ich lasse mir mein Land von niemandem reduzieren auf die zwölf Terrorjahre unter Adolf Nazi."

Der Konservative will den Primat des Privaten vor staatlicher Bevormundung, die sich gern als Fürsorge maskiert. Er schätzt Fleiß und Bildungsanstrengung, hasst Laxheit gegenüber Rechtsbrechern, akzeptiert Autoritäten, steht jedoch erhobenen Hauptes vor ihnen. Er bewahrt sich Demut vor einer höchsten Instanz.

Der Konservative respektiert das Leben — wenn es wird, ist oder sich neigt; er sortiert die Menschen nicht in oben und unten, steht zu dem Satz: Jedem das Seine, aber nicht allen das Gleiche. Er weiß, dass sich alles in der Welt ändert, dass der unumgängliche Wandel verträglich zu gestalten ist, dass nicht das, was einmal war, ersehnt, vielmehr das, was immer gilt, beachtet werden muss.

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(RP/nbe/rm)