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Steinbrück und das Kanzlergehalt: Was ist der gerechte Lohn?

Steinbrück und das Kanzlergehalt : Was ist der gerechte Lohn?

Peer Steinbrück hat sich mit seinem Ruf nach einem höheren Kanzler-Gehalt geschadet. Doch sein Hinweis ist richtig: Viele Sparkassen-Chefs bekommen mehr als die Regierungschefin. Hier stimmen die Verhältnisse nicht. Eine Analyse.

Der Satz war ein typischer Steinbrück. Zugespitzt, schädlich für ihn selbst — und wahr. "Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin", hatte Peer Steinbrück der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" gesagt und damit eine Welle der Entrüstung ausgelöst. Dabei hat der SPD-Kanzlerkandidat in der Sache recht. Große, aber auch kleine Sparkassen zahlen ihren Vorstandschefs oft mehr, als die Kanzlerin im Jahr erhält, obwohl deren Verantwortung weit größer ist.

Macht der Sparkassen-Chef fundamentale Fehler, wird sein Institut vielleicht zum Sanierungsfall. Macht die Kanzlerin bei der Euro-Rettung fundamentale Fehler, bringt sie die Währung für 80 Millionen Deutsche in Gefahr.

Zu den Spitzenverdienern in der Branche gehörte 2011 der Chef der Stadtsparkasse Düsseldorf. Auf 460.000 Euro belief sich das Grundgehalt, das der damalige Vorstandschef Peter Fröhlich erhielt, wie aus dem Anhang im Jahresbericht 2011 hervorgeht. Hinzu kamen erfolgsabhängige Vergütungen von 184.000 Euro sowie Sachbezüge aus der Nutzung von Dienstwagen, sodass Fröhlich auf eine Gesamtvergütung von 663.912 Euro kam. Und selbst jedem einfachen Vorstand zahlte die Stadtsparkasse Düsseldorf im Jahr 2011 rund 562.000 Euro Gesamtvergütung — und damit weit mehr als die Kanzlerin hat, die auf 307.000 Euro kommt.

Der Lohn, den der Markt zulässt

Nun ist die Stadtsparkasse Düsseldorf ein großes Institut mit 2200 Mitarbeitern und einer Bilanzsumme von zwölf Milliarden Euro. Aber auch kleinere Institute lassen sich nicht lumpen: Die Sparkasse am Niederrhein mit Sitz in Moers, die 700 Mitarbeiter hat und auf die bescheidene Bilanzsumme von drei Milliarden Euro kommt, zahlte ihrem Vorstandschef Giovanni Malaponti im vergangenen Jahr eine Grundvergütung von 280.000 Euro. Insgesamt kam er auf 311.500 Euro — und übertraf damit ebenfalls die Kanzlerin.

Stimmen hier noch die Verhältnisse? Nein. Grundsätzlich gilt für den Arbeitsmarkt das, was für jeden Markt gilt: Das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage bestimmt den Preis. Und so bestimmt das Zusammenspiel zwischen Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage den Lohn, den ein Arbeitnehmer erzielen kann. Es gibt keinen gerechten oder ungerechten Lohn, sondern nur den Lohn, den der Markt zulässt.

Mit der Humankapital-Theorie haben die Volkswirte hierzu einen umfassenden Erklärungsansatz formuliert: Je mehr Zeit, Energie, Geld ein Arbeitnehmer in seine Bildung investiert, desto größer ist sein Verdienst — wenn es denn keine Fehlinvestition war in eine Qualifikation, die zwar aller Ehren wert ist, aber (derzeit) am Markt leider nicht gebraucht wird.

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Denn auch am Arbeitsmarkt gilt: Je knapper und gefragter eine Qualifikation ist, desto mehr kann der Glückliche, der über sie verfügt, mit ihr erlösen. Deshalb kann ein Bastian Schweinsteiger als bestbezahlter deutscher Fußballer ein Jahressalär von 13 Millionen Euro einstreichen. Deshalb verdienen die Rolling Stones jedes Jahr mehr Geld, als sie bis zum Ende ihres Lebens ausgeben können. So weit die Marktwirtschaft und so weit in Ordnung — wenn der Markt denn funktioniert.

Die Aufsichtsräte handeln die Gehälter aus

Bei der Vergütung deutscher Top-Manager kann man das durchaus infrage stellen. Hat Martin Winterkorn, der Volkswagen führt und mit 17 Millionen Euro Jahresgehalt die Spitze der Dax-Konzernchefs anführt, wirklich so viel besser gearbeitet als Daimler-Chef Dieter Zetsche, der "nur" 8,8 Millionen Euro erhielt? Und hat Jürgen Großmann, der frühere RWE-Chef, eigentlich wirklich so gut und viel gearbeitet wie seine übrigen fünf Vorstandskollegen zusammen? Jedenfalls ließ er sich so entlohnen: Für 2011 erhielt er 8,4 Millionen Euro. Das brachten die anderen nicht einmal zusammengerechnet nach Hause. (Nebenbei bemerkt: Der Kurs der RWE-Aktie war in jenem Jahr um über 40 Prozent eingebrochen.)

Kritiker wenden ein, dass der Arbeitsmarkt für Topmanager nicht immer funktioniert. Schließlich sind es die Aufsichtsräte, die die Gehälter aushandeln — und hier kontrollieren sich Vorstandschefs oft gegenseitig. Vor allem in den Glanzzeiten der Deutschland AG, als Banken und Versicherungen an allen wichtigen Industriekonzernen beteiligt waren, war so eine Art "Kartell der Aufsichtsräte" entstanden. Gegenseitig gönnte man sich die Millionen, auch wenn diese nicht immer gerechtfertigt waren. Und da die Gehälter nicht veröffentlicht werden mussten, fiel das auch nicht weiter auf.

Inzwischen ist das anders. Die Dax-Konzerne sind gesetzlich verpflichtet, die Gehälter ihrer Vorstände im Einzelnen zu veröffentlichen. Im Zuge der Finanz- und Euro-Krise entstanden zudem Regeln für die Bezahlung in Unternehmen, die mithilfe von Steuergeld gerettet werden mussten. Demnach darf der Vorstand einer Bank, die am Tropf des Staates hängt, nicht mehr als 500.000 Euro im Jahr verdienen. Mit dieser Summe musste sich etwa Commerzbank-Chef Martin Blessing begnügen, nachdem das zweitgrößte Geldinstitut — auch wegen Managementfehlern — 2008 zum Krisenfall geworden war. Und doch kam Blessing auch mit seinem auf 500.000 Euro gedeckelten Jahresgehalt noch immer auf weit mehr als die Kanzlerin.

Der Vergleich zum "Normalbürger"

Auf die Gehälter bei privaten Banken verweisen auch gerne Sparkassen, wenn sie die Bezahlung ihrer Vorstände rechtfertigen. Weil man um ähnliche Qualifikationen konkurriere, müsse man eben auch ähnliche Gehälter zahlen. Mit dem Verweis auf die Konkurrenz durch ausländische Banken hatte auch die Deutsche Bank die exorbitante Bezahlung ihrer Investmentbanker begründet. Dass diese wegen der fehlenden persönlichen Haftung der Investmentbanker für ihr riskantes Handeln oft überhöht waren, zählt zu den bitteren Lehren aus der Finanzkrise.

Der durchschnittliche Arbeitnehmer in Deutschland dürfte sich die Augen reiben. Sein Bruttolohn lag laut Statistischem Bundesamt zuletzt bei 3264 Euro im Monat, macht knapp 40.000 Euro im Jahr, eventuell plus Weihnachtsgeld. Gemessen daran wird die Kanzlerin ganz ordentlich bezahlt, zumal sie auch nicht-pekuniäre Erträge hat, wie es die Ökonomen nennen: viele Gestaltungsmöglichkeiten, große Macht, hohe öffentliche Wertschätzung.

Das dürften auch die Gründe sein, die Steinbrück bei seiner Kandidatur für das hohe Amt antreiben. Denn als Buchautor und Redner verdient er weit mehr, als er als Regierungschef bekommen kann. Umso erstaunlicher, dass er seine Wahlchancen schmälert, indem er das Wahljahr 2013 mit einem Ruf nach mehr Gehalt einläutet.

Hier geht es zur Infostrecke: Presse zu Steinbrück: "Hat der sie noch alle?"

(RP/das)