Warum soziale Netzwerke die Demokratie bedrohen

Politik und soziale Medien: Uns droht die Herrschaft der Widerlinge

Wer den größten Schwachsinn verbreitet, ist in den digitalen Netzwerken ein König. Weil dieses Prinzip nun in der Politik angekommen ist, droht die Herrschaft der Widerlinge. Weshalb kümmert das keinen?

Drei Typen der Herrschaft zählt Max Weber in seinem soziologischen Standardwerk „Wirtschaft und Gesellschaft“ auf. Die erste basiert auf dem Recht, die zweite auf Tradition und die dritte auf Charisma. Mit Webers Lehre ließ sich jede Regierungsform über Jahrzehnte treffend analysieren. Nun aber, eine digitale Revolution später, wird man die Trilogie um einen weiteren Typus ergänzen müssen: die Herrschaft der Widerlinge.

Zunächst empfiehlt es sich, den Begriff des „sozialen Netzwerks“ abzuräumen. Außer an dem Umstand, dass Facebook, Twitter und Instagram Menschen technisch miteinander verbinden, ist an ihnen nichts sozial. Sie trotzdem so zu nennen, ist nicht nur falsch, sondern auch euphemistisch. Neutraler und treffender ist die Bezeichnung „digitale Netzwerke“.

Diese digitalen Netzwerke beherrschen die Gesellschaft. Gut 46 Millionen Menschen nehmen in Deutschland die Dienste der Internetgiganten in Anspruch. Sie sehen dort auf Fotos, wie sich ihre Bekannten eine gute Zeit machen. Sie lesen Nachrichten, sofern man das so nennen kann. Sie gucken Videos, wie Katzen auf Klaviertastaturen herumtapsen. Sie kaufen skandinavische Kaffeetassen, die sie nicht benötigen. Und sie hinterlassen hier und da einen Kommentar oder ein „Gefällt mir“. Bloß ein profaner Zeitvertreib, könnte man meinen.

Die digitalen Netzwerke brauchen die Aufmerksamkeit

Seicht ist es indes leider nicht. Die digitalen Netzwerke bedrohen die Demokratie. Sie haben eine gefährliche Wende gestartet: Allmählich wird die bewährte Herrschaft des Rechts abgelöst. Sie wird durch ein System ersetzt, das nicht auf der Stärke der Idee beruht, sondern auf deren Lautstärke.

Die Netzwerke sind kostenfrei, ihre Nutzer müssen keine monatlichen Beiträge zahlen. Weil die Anbieter aber keine karitativen Einrichtungen sind, wollen sie Geld verdienen. Sie handeln nicht nur massiv mit Daten, sie schalten auch kräftig Werbung. Damit Daten und Werbung in möglichst viel Geld verwandelt werden können, müssen die Nutzer möglichst viel Zeit in den Netzwerken verbringen. Und viel Zeit verbringen sie dort, wenn ordentlich was los ist.

Die Algorithmen, also die Rechenformeln, sind deshalb speziell programmiert. Die digitalen Netzwerke wollen permanente Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit wiederum zieht vor allem das Extreme auf sich, die Übertreibung, das Populistische.

Der Computerwissenschaftler Jaron Lanier wurde 2014 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. In seinem sehr eindeutigen neuen Buch „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“ schreibt Lanier: „Die größten Arschlöcher ziehen die meiste Aufmerksamkeit auf sich.“ Deswegen bevorzugen die Algorithmen sie.

Wer den größten Schwachsinn verbreitet, ist in den digitalen Netzwerken ein König. Er bekommt Likes, Re­tweets, Kommentare und wird geteilt. Weil es einfach ist, eingängig, hat jeder sofort eine Meinung dazu. Schwachsinn! Endlich sagt es mal einer! Damit landet der König in den Timelines und Feeds, dort wo der Nutzer sich durcharbeitet, an oberster Stelle. Der König gibt den Ton an.

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Das war lange ein Problem einer Zielgruppe, die man völlig irreführend „Netzgemeinde“ genannt hat. Was im Internet oder den sozialen Netzwerken geschah, galt als surreal. Das lässt sich daran erkennen, dass von der „virtuellen Welt“ die Rede war. Aber das Internet ist Teil der Realität; die Menschen, die dort handeln und hassen, sind lebendig (bis auf wenige Ausnahmen), sie verfügen über das Wahlrecht.

Die klugen Argumente der Leiseren hört kaum einer mehr

Nun aber, da das Internet und seine erregten Netzwerke schon ein paar Jahre existieren, ist das Prinzip – die größten Widerlinge ziehen die größte Aufmerksamkeit auf sich – längst in der Politik angekommen. Das gilt, so meinen Kritiker von Donald Trump, etwa für den Präsidenten der Vereinigten Staaten, der mit wütenden Tweets die Welt aufmischt.

Auch weite Teile des Erfolgs der AfD haben ihren Ursprung in den digitalen Netzwerken. Einige Politiker dieser rechtspopulistischen Partei verbreiten Hass und Lügen und erzielen damit eine vorzügliche Aufmerksamkeit. Dazu brechen sie – das ist nicht neu, aber wirksam – Tabus, die inhaltlich an dieser Stelle nicht wiederholt werden sollen.

Wie der digitale Erfolg sich in Wählerstimmen auszählt, imponiert längst auch anderen, moderaten Politikern. Sie lassen sich bei Twitter dazu hinreißen, Dinge zu sagen, die ihnen im „Morgenmagazin“ der ARD eher peinlich wären. Es gibt sie in allen Parteien, sie äußern sich zu Flüchtlingen, zu Straftaten, zu den üblichen Debatten unserer Zeit. Sie übertreiben, überdrehen – und erzielen Aufmerksamkeit.

Der Diskurs außerhalb des Internets ist inzwischen von denselben Mechanismen geprägt. Und das ist bitter. Nicht nur weil die klugen Argumente der Leiseren kaum einer mehr hört, sondern weil unsere Herrschaft der Vernunft durch die Herrschaft der Aufmerksamkeit ersetzt wird. Wohin das führt, zeigen die nach wie vor steigenden Umfragewerte der AfD. Die Wähler sind nicht dumm, aber sie halten diesen irren Tonfall inzwischen für normal.

Zeit, die Konten in den digitalen Netzwerken zu löschen?

Es gibt ein paar Vorschläge, wie man all dem begegnet. Sie wirken hilflos. Der SPD-Politiker Christopher Lauer empfahl, Facebook zu verstaatlichen. Dabei ist schon beinahe irrelevant, ob diese Maßnahme überhaupt helfen würde, denn: das wird nicht passieren. Jaron Lanier, der abtrünnige Guru aus dem Silicon Valley, rät jedem – bis all die Probleme gelöst sind – seine Konten in den digitalen Netzwerken zu löschen. Er meint das nicht populistisch, sondern ziemlich ernst.

Das Zeitalter der Vernunft steht infrage. Die Herrschaft der Widerlinge hat sich in Teilen bereits verwirklicht. Und keiner stellt sich ihr in den Weg.