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Analyse: Warum Großstädte Armut anziehen

Analyse : Warum Großstädte Armut anziehen

Die Armutsgefährdung ist in Deutschland gestiegen. Kinder sind häufiger betroffen als Senioren. Immerhin 81 Prozent der Bevölkerung geben an, dass sie mit ihrem Geld gut zurecht kommen. Ein Problem von vielen: Die Zahl der Beschäftigten im Niedriglohnsektor ist deutlich gestiegen.

Wenn eine Stromnachzahlung nicht beglichen werden kann, der Jahresurlaub wieder ausfallen muss und die Kinder stets mit Second-Hand-Klamotten eingekleidet werden müssen, dann sind dies für Experten eindeutige Anzeichen von Armut. In Deutschland gilt etwa jeder siebte Bürger als arm oder armutsgefährdet. Vor allem Arbeitslose, Geringverdiener, Alleinerziehende und Menschen ohne Schulabschluss rutschen häufig in eine Mangelsituation.

Als armutsgefährdet gilt nach einer Definition der Europäischen Union, wer über weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verfügt. Die Gruppe der Bürger, auf die dies zutrifft, ist in den vergangenen Jahren gewachsen. 2005 lag sie noch bei 14,7 Prozent nun sind es 15,2 Prozent. Mit diesen Zahlen deckt sich eine weitere Erhebung des Statistischen Bundesamtes.

33 Prozent können sich einiges leisten

Demnach kommen 15 Prozent der Bürger finanziell so gerade eben über die Runden. Bei vier Prozent reicht das Geld nach eigenen Angaben vorne und hinten nicht. Den Übrigen geht es gut: Drei Prozent der Bevölkerung müssen sich in keiner Weise einschränken. Gut versorgt fühlen sich 33 Prozent und können sich einiges leisten. Weitere 45 Prozent der Verbraucher geben an, gut zurechtzukommen.

In Nordrhein-Westfalen ist die Quote der Armutsgefährdung in den vergangenen acht Jahren im Vergleich zu anderen Bundesländern am stärksten von 14,4 (2005) auf 16,6 Prozent im Jahr 2012 gestiegen. Dies macht sich vor allem in den großen Städten bemerkbar. In Dortmund und Duisburg zählt etwa jeder Vierte zu den Armutsgefährdeten. In Köln ist jeder Fünfte betroffen und selbst die Landeshauptstadt Düsseldorf liegt mit einer Quote von 17,6 Prozent deutlich über dem Landesdurchschnitt. Im Vergleich zu 2011, als die Quote bei 19,9 Prozent lag, ist der Anteil leicht zurückgegangen. Der Aufwuchs insgesamt seit 2005, als die Quote bei 13,8 Prozent lag, ist auffällig.

Immer schlechtere Bedingungen

Wenn die Armutsquote steigt, kann es daran liegen, dass immer mehr Menschen unter immer schlechteren Bedingungen leben müssen. Allerdings lässt auch eine steigende Zahl Wohlhabender die Armutsquote steigen. Denn wenn eine kleine Gruppe Wohlhabender das Durchschnittseinkommen steigert, kann sich die Gruppe der Armutsgefährdeten vergrößern, ohne dass sich deren Lebenslage effektiv verschlechtert. Dies trifft allerdings nicht unbedingt auf den Mikrokosmos Düsseldorf zu. Denn das Statistische Bundesamt hat für alle Vergleiche von Städten und Ländern den bundesweiten Durchschnitt zu Grunde gelegt. Auch eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich kann die relative Armut erhöhen.

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Ob die Schere zwischen Arm und Reich in den vergangenen Jahren gewachsen ist, ist in Deutschland eine Streitfrage unter den Experten. Sicher ist, dass sie in den Jahren der hohen Arbeitslosigkeit zwischen 1998 und 2008 auseinander gegangen ist. Nach Daten des Armutsberichts der Bundesregierung verfügten 2008 die stärksten zehn Prozent der Haushalte über 53 Prozent des Vermögens. 1998 lag die Quote bei 45 Prozent. Zugleich besaß 2008 die untere Hälfte der Haushalte nur gut ein Prozent des Nettovermögens, während es 2003 noch drei Prozent waren. Jüngere Daten liegen offiziell nicht vor.

Gegenläufige Entwicklung

Die Wirtschaftswissenschaftler vom Forschungsinstitut DIW gehen davon aus, dass sich die Lage in den vergangenen Jahren verbessert hat. "Von 2005 an hat im Zug der konjunkturellen Besserung und der damit einhergehenden Aufhellung der Lage am Arbeitsmarkt die Einkommensungleichheit in Deutschland abgenommen", heißt es in einer DIW-Analyse. Der Wohlstand der Bevölkerung hat sich insgesamt verbreitert: Das Gesamtvermögen ist trotz Finanz- und Schuldenkrise in den vergangenen fünf Jahren um weitere 1,4 Billionen Euro gestiegen. Die Entwicklung am Arbeitsmarkt spielt eine zentrale Rolle für die allgemeine Armutsgefährdung.

Dort gibt es eine gegenläufige Entwicklung: Die Arbeitslosigkeit ist mit unter drei Millionen Arbeitslosen auf einen Tiefstand seit der Wiedervereinigung gesunken und auch Langzeitarbeitslose konnten von dem positiven Trend profitieren. In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zahl der Hartz-IV-Empfänger fast halbiert. Aktuell liegt sie bei 4,35 Millionen. Darin sind die Aufstocker eingerechnet, die neben einer Beschäftigung ergänzende staatliche Hilfe erhalten.

Niedriglohnsektor wächst

Die Kehrseite der Medaille: Die Zahl der Arbeitslosen ist gesunken, aber die Zahl der Beschäftigten im Niedriglohnsektor ist deutlich gestiegen, was Armut befördert. 2010 waren 7,9 Millionen Arbeitnehmer betroffen. Das entspricht knapp 21 Prozent der Beschäftigten. Im Jahr 2006 lag dieser Anteil noch bei knapp 17 Prozent. Ein Niedriglohn liegt laut internationaler Definition vor, wenn der Verdienst eines Arbeitnehmers kleiner als zwei Drittel des mittleren Verdienstes aller Beschäftigten ist. In Deutschland entspricht dies etwa 10,40 Euro pro Stunde. Die meisten Beschäftigten, die einen Niedriglohn erhalten sind Teilzeitbeschäftigte, Zeitarbeiter oder Mini-Jobber.

Die Kinderarmut ist in Deutschland im internationalen Vergleich mit 8,8 Prozent laut Unicef für eine Industrienation hoch. So fehlt es 6,7 Prozent der deutschen Kinder an Freizeitaktivitäten. Ohne tägliche warme Mahlzeit müssen 4,9 Prozent auskommen. Keinen eigenen Platz für Hausaufgaben haben 4,4 Prozent. Den Senioren in Deutschland geht es hingegen vergleichsweise gut. Nur 2,4 Prozent sind auf staatliche Leistungen angewiesen, weil die Rente nicht reicht oder sie über kein Alterseinkommen verfügen.

Allerdings gilt Altersarmut aufgrund der steigenden Zahlen von Geringverdienern als eine Gefahr der Zukunft. Alle Parteien machen in ihren Wahlprogrammen Vorschläge für Zusatzrenten für Geringverdiener und Bürger mit langen Phasen von Arbeitslosigkeit.

(qua)