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Früherer Bundespräsident: Walter Scheel wird 90

Früherer Bundespräsident : Walter Scheel wird 90

Am Mittwoch feiert der frühere Bundespräsident, Bundesaußenminister und Vizekanzler Walter Scheel Geburtstag. Der FDP-Ehrenvorsitzende, der von 1969 bis 1974 mit Willy Brandt Ostpolitik-Geschichte schrieb, wird zu Unrecht auf den überwiegend munteren Volkslied-Sänger reduziert.

Im Trio der noch lebenden Alt-Bundespräsidenten ist Walter Scheel neben Richard von Weizsäcker (1984—1994) und Roman Herzog (1994—1999) der am wenigsten bekannte. Das liegt daran, dass Scheels Amtszeit weit zurückreicht in die siebziger Jahre der guten alten Bonner Republik.

Und das hängt mit Scheels ehrwürdigem Alter von seit heute 90 Lebensjahren zusammen. Die Betagtheit zwingt eine gewisse öffentliche Abstinenz herbei, auch wenn sich ein trotz vielfacher Altersgebrechen rüstiger Senior wie Walter Scheel mit stupender Willenskraft und angeborener Grundheiterkeit gegen das allgemeine Vergessen stemmt.

Man würde dem Homo politicus maximus nicht gerecht, reduzierte man ihn auf sein oft beschriebenes fröhliches Wesen, den Volkslied-Sänger mit Spitzmund und Silberlockenkranz, auf seine scheinbar spielerisch leichte Eleganz des Auftritts, ob als Außenminister (1969—1974), als präsidialer Hausherr in der Bonner Villa Hammerschmidt (1974—1979) oder als von Kopf bis Fuß tadellos gekleideter Pensionär zwischen Ascona (Schweiz) in der kalten und Berlin in der wärmeren Jahreszeit. In Wirklichkeit war der Handwerkersohn aus der Klingenstadt Solingen aus Eisen — und ist es wohl noch.

Der sprichwörtliche Schneid des Weltkriegs-Luftwaffenoffiziers charakterisiert den gesellschaftlichen Aufsteiger Scheel ungleich mehr als der bis zur Ermüdung wiederholte 1973er Gag mit dem "Hoch-auf-dem-gelben-Wagen"-Ohrwurm. Beim Volk machte ihn das endgültig populär, bei Intellektuellen, etwa Günter Grass, seinerzeit sehr verdächtig.

Gewogen und als zu leicht befunden — so urteilten manche über Scheel, die Präsidenten-Vorgänger Gustav Heinemann, dessen steifleinenen Ernst, sozial durchtränkten Protestantismus für präsidial erachteten, nicht aber die antiintellektuelle Leichtigkeit des Seins, die Scheel verkörperte. Scheels Lebensoptimismus, der ihn über mehrere persönliche Krisen trug, machte ihn solchen Landsleuten verdächtig, die mahnenden Griesgram als Zeichen von Gedankenschwere deuten.

Indes, nur beschwingt kommt man nicht zu politischer Macht, an die ganz großen, auch einträglichen politischen Töpfe, von denen der sympathische Karrierist Scheel zeitlebens genossen hat. Er, der bei frühen beruflichen Versuchen als Jungunternehmer im Betrieb seines Schwiegervaters nicht reüssiert hatte, suchte und fand die Sonnenseite des politischen Lebens.

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Eigentlich ein Glückskind

Hätte es nicht den Tod von zwei Ehefrauen, die bösen Nierenstein-Erkrankungen, Infarkte und, zuletzt, Vergiftungserscheinungen gegeben — man müsste den Greis ein Glückskind nennen.

Es vom FDP-Stadtverordneten in Solingen bis zum Außenminister und Vizekanzler und, als geplante Krönung, bis ins politische Oberstübchen der Republik zu schaffen — das erforderte Ellenbogen und Zielstrebigkeit. Und politische Klugheit. Scheel war es, der im März 1969 der SPD zur Mehrheit bei der Wahl Heinemanns zum Staatsoberhaupt half. Scheel war es, der Willy Brandt im Herbst 1969 die Kanzlerschaft und in Folge den legendären Ruf als ostpolitischer Pionier und Friedenskanzler sicherte.

Brandt und Scheel prägten die kurze Zeit einer sozial-liberalen Herzenssache. Als Brandt 1974 resignierte und Scheel ins Präsidentenamt aufstieg, verhalf er dort dem Frack wieder zu Ehren. Und Champagner gab's, Glanz, Repräsentanz und erstmals Kinderlachen in der Villa. Im Ausland vertrat der heutige FDP-Ehrenvorsitzende sein Land mit Leichtigkeit und Selbstbewusstsein.

Scheel, der ein Faible für Großstadt-Chic an Rhein und Isar, für Jagd, Reiterei und Golfschwung entwickelte und an Solingen die Nähe zu Düsseldorf schätzte, beherrschte auch die tiefen Tonlagen. In seine Präsidentenzeit fielen die schlimmsten Exzesse der RAF-Mordgesellen. Seine Trauerrede 1977 für Hanns Martin Schleyer war ein würdiges, mutiges Beispiel für Anteilnahme und zugleich Anklage derer, die den Terror politisch zu relativieren versuchten.

(RP)