Wahlkampf in Bayern: Markus Söder beschwört im Bierzelt in Anger Einigkeit

Wahlkampf in Bayern : Söder kämpft im Bierzelt gegen das drohende Desaster

Die CSU beschwört sich im Bierzelt selbst. Wir Bayern gegen die da in Berlin. Ob das reicht, um im Oktober die absolute Mehrheit zu verteidigen? Eine Nahaufnahme.

Spott über Berlin kommt anderswo immer gut an. Ob in Düsseldorf oder in München – der unvollendete Flughafen, der Geldmangel der rot-rot-grünen Landesregierung oder die langen Koalitionsverhandlungen im Bund bieten einen Anlass, um von eigenen Problemen abzulenken. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) steht auf der Festzeltbühne und zieht gegen die Hauptstadt vom Leder. Er ist in den 4000-Einwohner-Ort Anger im Berchtesgadener Land gekommen. Eine malerische Gegend: Kühe grasen auf der Alm, ihre Glocken bimmeln, leuchtende Geranien ranken von den Balkonen der prachtvollen Höfe, der Blick in die Berge beruhigt. Hier erscheint die Welt in Ordnung. Aber der Schein kann trügen.

Zum Königssee ist es nicht mehr weit, auch nicht zur bayerisch-österreichischen Grenze, wo vor drei Jahren so viele Flüchtlinge standen, dass die Bayern zeitweise an ihre Grenzen kamen – der Aufnahmekapazitäten und der Akzeptanz. Die AfD liegt heute auch hier bei 12 Prozent, ein Großteil der Wähler entstamme dem „Fleisch der CSU“, wie es in der Partei heißt. Die CSU will sie zurückhaben, aber sie weiß, dass das bis zur Landtagswahl am 14. Oktober kaum zu schaffen ist. Das wird Jahre dauern. Wenn es überhaupt gelingt.

Die Wahl könnte ein Desaster für die Christsozialen werden. Ihre absolute Mehrheit gilt bereits so gut wie verloren. Jetzt kommt es auf Gesichtswahrung für Söder an, der im März die Nachfolge von Horst Seehofer als Ministerpräsident angetreten hat. Alles unter 40 Prozent wäre ein Tiefschlag. Die jüngste Forsa-Umfrage sieht die CSU bei 37 Prozent. Und das Institut hat auch ermittelt, dass Söder Deutschlands unbeliebtester Ministerpräsident ist. Trotzdem: er wird Ministerpräsident bleiben. Gegen die CSU kann nicht regiert werden. Die spannende Frage ist, wer der Koalitionspartner sein wird, und wie die CSU damit klarkommt, wenn sie nicht mehr allein das Sagen hat.

Im Bierzelt sitzen etwa 1500 Menschen, die Frauen im Dirndl, die Männer in Lederhosen. Die Blaskappelle spielt. Regen prasselt auf das Zeltdach. Vielleicht wirkt die Stimmung auch deshalb etwas gedrückt. Der Beifall für Söder ist ordentlich, aber es kommt keine richtige Begeisterung auf. Seine klare Abgrenzung von Berlin gefällt ihnen aber. Als wäre die CSU nicht Teil der quälend langen Koalitionsverhandlungen und vor allem der Chaostage im Sommer gewesen, als Parteichef Seehofer den Asylstreit fast bis zum Bruch der Union und der Regierung anschärfte.

Der 51-Jährige redet jedenfalls so, als wollte er auf gar keinen Fall zu ihnen gehören, zu den Etablierten in Berlin, zu denen ja auch Seehofer als Bundesinnenminister und CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt zählen. Und natürlich Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie hat mit ihrer Flüchtlingspolitik polarisiert, die Gesellschaft ein Stück weit gespalten. Das sieht sie selbst so.

Söder hat sich anders als andere CSU-Politiker für die sprachliche Eskalation des Asylstreits gewissermaßen entschuldigt, indem er ankündigte, das Wort „Asyltourismus“ aus seinem Wortschatz zu streichen, weil das Menschen verletzt habe. Aber inhaltlich nimmt das Thema weiter breiten Raum in seinen Reden ein. Er schildert, dass Bayern für „Integration, Zuwanderung, Asyl“ zwei Milliarden Euro jährlich ausgebe und damit mehr als für die Bereiche Umwelt, Gesundheit und Wirtschaft zusammen. Da bleibt manchem Zuhörer in Anger erst einmal die Spucke weg. Die CSU erwähnt so etwas aber auch deshalb immer wieder, weil sie die harten Verbalattacken der vergangenen Wochen nicht stehen lassen will, Bayern sei inhuman und die CSU habe das C in ihrem Namen vergessen.

Die Landtagswahl im Oktober ist für die Partei eine „Megaherausforderung“, sagt Generalsekretär Markus Blume unserer Redaktion. „Wir müssen der Zersplitterung des Parteiensystems entgegenwirken. Das ist eine Lehre aus der Weimarer Republik und damit eine historische Aufgabe für CDU und CSU als einzige noch verbliebene Volksparteien in Deutschland.“ Für die Blick auf die Bayernwahl bedeute das: „Gesellschaftliche Gräben überwinden, das zersplitterte bürgerliche Lager wieder zusammenführen und im Sinne von Franz Josef Strauß dafür sorgen, dass sich rechts von der Union keine demokratisch legitimierte Partei dauerhaft etabliert.“ Klar sei aber: „Was über Jahre an demokratischen Erosionsprozessen gewirkt hat, braucht auch lange, um wieder gekittet zu werden.“

Für Blume sind die Bierzelte die „Seismografen der Lebenswirklichkeit“, eine „Nahaufnahme“. In das Bierzelt von Anger ruft er: „Nur wer hier Erfolg hat, kann in Bayern Regierungsverantwortung übernehmen.“ Das Bierzelt ist aber nicht alles. Denn wer hier hinkommt, meint es in der Regel gut mit der CSU. Die große Schwierigkeit ist, jene zu erreichen, die nicht mehr kommen. Die Chance dazu besteht etwa beim Haustürwahlkampf, den viele junge Leute ab September für die CSU wieder machen werden. Allerdings birgt das auch ein Risiko. Sie wüssten ja nicht, wer sich hinter der Tür verbirgt, an die sie klopfen, heißt es in ihrem Büro in der CSU-Landesleitung in München. Vor zwei Fragen der Bürger hätten sie besonders große Bedenken: Zur AfD und zu Merkel.