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Steigende Geburtenzahlen: Von der Leyen warnt vor "Euphorie"

Steigende Geburtenzahlen : Von der Leyen warnt vor "Euphorie"

Berlin (RPO). Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat mit Blick auf die gestiegenen Geburtenzahlen im Jahr 2008 vor zu großem Optimismus gewarnt. Die Ergebnisse seien "kein Grund zur Euphorie", jedoch "ein Grund zur Zuversicht", sagte von der Leyen bei der Vorstellung des Familienreports.

Die Annahme, Familienpolitik sei in konjunkturell rauen Zeiten nachrangig, sei falsch, vielmehr sei sie die "Voraussetzung für Wachstum und Wohlstand".

 So sieht der neue Familienreport aus.
So sieht der neue Familienreport aus. Foto: AP, AP

Wie Deutschland aus der aktuellen Wirtschaftskrise herausgehe, werde von der Familienpolitik abhängen, sagte von der Leyen mit Blick unter anderem auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen. Neben dem Elterngeld und dem Ausbau der Kinderbetreuung sei auch die positive Diskussion über Familie und deren Bedeutung in den vergangenen Jahren ein Grund für die steigenden Geburtenraten, sagte Hans Bertram von der Humboldt-Universität.

Dem Report zufolge stieg von Januar bis September 2008 die Zahl der Geburten um 3400 auf knapp 518.000. Auf das Gesamtjahr 2008 hochgerechnet dürfte die Zahl der Geburten in Deutschland nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes auf bis zu 690.000 steigen. 2007 verzeichneten die Statistiker knapp 685.000 Geburten - damals bereits ein Plus von 12.000 Kindern gegenüber dem Vorjahr.

Dass vor allem die Frauen zwischen 30 und 40 Jahren mehr Kinder bekommen, betrachtet von der Leyen auch als Ergebnis ihrer Familienpolitik. Der Einsatz für Elterngeld und Ausbau der Kinderbetreuung habe die Entscheidung vieler Eltern für Kinder befördert, glaubt sie.

Nach Jahren des Streits über Kindergeld, "Herdprämie" und Krippenausbau hat die resolute CDU-Frau nicht nur parteiinterne Kritiker überzeugt. 50 Prozent der Deutschen glauben, dass die Familienpolitik der Bundesregierung, die konsequent auf Erleichterungen für Frauen (und Männer) bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie setzt, die Situation der Familien verbessert hat.

Wie sich die Zeiten ändern. Noch vor Jahren kommentierten Medien und Politik die im europäischen Vergleich rekordverdächtig niedrige Geburtenrate mit Schlagzeilen wie "Armutsrisiko Kind" oder "Abenteuer Kinderkriegen". 2005 eröffnete die Wissenschaftlerin Charlotte Höhn eine Tagung der Deutschen Gesellschaft für Demographie mit den ernüchternden Worten: "Wir haben uns das Kinderhaben abgewöhnt."

Davon ist heute keine Rede mehr. 90 Prozent der Deutschen halten "die Familie" laut Familienreport für wichtig. 2002 waren es noch 86 Prozent. "Eine Renaissance der Familienwerte", stellt der Berliner Soziologe Hans Bertram fest. Ein Umdenken hat nicht nur bei Müttern eingesetzt, die von verbesserten Rahmenbedingungen — vom Betriebskindergarten über Elterngeld bis zum Wickeltisch im Möbelhaus — profitieren.

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Auch das öffentliche Bild wandelt sich. Vor fünf Jahren waren noch 60 Prozent der Deutschen der Meinung, dass es Kindern unter sechs Jahren schadet, wenn die Mutter berufstätig ist, so eine Untersuchung der Humboldt-Universität. Heute sagt das nur ein Drittel. Auch dürften inzwischen die meisten der These zustimmen, dass sich eine Hausfrau und Mutter genauso erfüllt fühlen kann wie eine Berufstätige. "Deutsche Mütter konnten lange Zeit nur verlieren. Entweder waren sie Rabenmutter oder ,nur' Hausfrau", ärgert sich Bertram.

Zum neuen Baby-Boom trägt auch das Selbstbewusstsein prominenter Mütter bei, die öffentlich zeigen, dass Mutterschaft und Karriere zusammenpassen können. TV-Komikerin Anke Engelke, Moderatorin Sandra Maischberger oder die Schauspielerin Heike Makatsch sind solche Beispiele.

Der Wirtschaft hilft der verstärkte Kinderwunsch. "Zunächst entstehen der Gesellschaft zwar Kosten", sagt der Kölner Ökonom Johann Eekhoff: "Aber wenn die Jungen ins Erwerbsleben eintreten, wird der Baby-Boom Wachstumseffekte erzielen." Und, so Eekhoff, es gelte in Deutschland offenbar nicht mehr als "Wohlstandsfalle", wenn man sich für Kinder entscheide.

Der Text wurde mit AFP-Beiträgen ergänzt.

(AFP)