Wie NRW-Hochschulen reagieren Studierende in der Kostenfalle – sogar beim Essen wird es knapp

Düsseldorf · Viele Studierende können sich ihr Essen oder das Studium nicht mehr leisten. An den Universitäten und Hochschulen reagiert man mit günstigerem Mensa-Essen auf die Notlage. Wie die Studierenden sich gegenseitig unterstützen und welche Lösung ein Professor aus Bochum hat.

 Ein Blick in die Mensa der Uni Düsseldorf. (Archiv, Symbol)

Ein Blick in die Mensa der Uni Düsseldorf. (Archiv, Symbol)

Foto: Endermann, Andreas (end)

Miete, Semesterbeiträge und teure Lebensmittel: Die gestiegenen Lebenshaltungskosten treffen besonders Studierende. Schon 2021 galt laut Statistischem Bundesamt mehr als jeder Dritte Studierende in Deutschland als armutsgefährdet. Im Anschluss der Pandemie verschärften Inflation und Energiekrise die Situation. Viele junge Menschen müssen ihr Studium aus finanziellen Gründen inzwischen unterbrechen oder sogar abbrechen. In einer Studie des Jobportals Jobvalley und der Universität Maastricht, für die in diesem Jahr 16.000 deutsche Studierende befragt wurden, gaben das sieben Prozent aller Befragten an.

Oft bleibt in der immer enger getakteten Studienzeit wenig Raum für Nebenjobs, längst nicht alle Eltern können ihre Kinder in der Ausbildung finanziell unterstützen. Ein geringes monatliches Budget, hohe Fixkosten – am Ende bleibt da besonders für Studierende in teuren Städten nicht mehr viel übrig. Gespart wird dann bei allem, was variabel ist. Zum Beispiel beim Essen. Laut dem Verbraucherreport 2023 der Verbraucherzentrale Bundesverband sparen 44 Prozent aller Menschen aufgrund der gestiegenen Preise beim Kauf von Lebensmitteln. Doch insbesondere gesundes Essen hat oft seinen Preis.

Mit kostenlosen Mahlzeiten unterstützt die Universität des Saarlandes seit zwei Semestern ihre Studierenden. Das Projekt von Studierendenwerk Saar und dem AStA kommt in diesem Winter 60 Studierenden zu Gute, die täglich einmal gratis in der Mensa essen können. Zudem steht auf dem Campus ein Regal, das regelmäßig mit nicht gekühlten Lebensmitteln gefüllt wird – also Obst, Gemüse, Pasta, Konserven. Jeder kann spenden. „Da jedoch der Bedarf an kostenlosen Lebensmitteln für bedürftige Studierende offensichtlich groß und das Regal schnell leer geräumt ist, wird es jetzt vom Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) regelmäßig mit Lebensmitteln gefüllt“, heißt es auf der Website der Universität.

So reagieren die Hochschulen in NRW

Auch die Universitäten in der Region nehmen einen Bedarf wahr. „Durch die hohen Mieten und steigenden Preise für Lebensmittel wird Studieren leider wieder zu einer privilegierten Angelegenheit“, sagt Isabell Löffler vom AStA der Universität zu Köln. Sie fordert mehr finanzielle Hilfe. „Ob dies in Form von Lebensmittelabgaben, höheren BAföG-Sätzen, BAföG für Alle oder diversen anderen Umsetzungen geschehen sollte, ist relativ, solange etwas passiert.“

Zahlreiche Studierendenwerke, die für das Mensa-Angebot zuständig sind, reagieren bereits mit vergünstigtem Essen. In Köln erhalten Studierende in Notlagen sogenannte Freitischmarken. Außerdem gib es täglich ein vergünstigtes Tellergericht für 1,80 Euro. Ähnlich läuft es mit den Mensa-Marken an der Ruhr-Universität Bochum und auch beim Studierendenwerk Essen-Duisburg. Das bietet zum Ende der Ausgabezeit ein „Save-Food-Meal“ an – zu noch mal günstigeren Preisen –, um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden.

Auch der AStA der Universität zu Köln hat diese Win-Win-Situation erkannt. 2021 hat er das Projekt „Food_Fair“ ins Leben gerufen. Studierende mit finanziellen Schwierigkeiten erhalten einmal wöchentlich einen kostenlosen Beutel mit gerettetem Essen aus lokalen Geschäften. Aufgrund der knappen finanziellen Mittel, die aus Studiengebühren an den AStA finanziert werden, profitieren bisher nur zehn bis 15 Studierende. An einem Food-Markt, den der AStA zweimal im Monat ausrichtet, nehmen in der Regel 20 bis 50 Studierende teil.

Laut Matthias Anbuhl, Vorsitzender des Deutschen Studierendenwerks (DSW), müssen 37 Prozent der Studierenden mit weniger als 800 Euro im Monat auskommen. Die unterschiedlichen Essensangebote sind ein erster Weg, Studierenden finanziell unter die Arme zu greifen. Aufgrund der begrenzten Menge an Lebensmitteln profitiert jedoch nur ein Bruchteil von Ihnen. Hinzu kommt die Scham, seine finanzielle Notlage zu offenbaren. Aus Bochum heißt es, die Freitische für vergünstigtes Mensa-Essen würden zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht voll ausgenutzt. Studierende müssen dazu ihre Kontoauszüge der vergangenen drei Monate offenlegen.

Hochschule Bochum baut Lebensmittel selbst an

Eine zukunftsweisende Idee wird aktuell an der Hochschule Bochum umgesetzt. Auf einem Dach der Hochschule pflanzen Studierende Salatköpfe, Tomaten, Melonen und Kohlrabi an. Das Projekt „On Top“ wird von Professor Oliver Stengel und dem Tutor Robin Quabeck betreut und ist aus einer Vorlesung zum Thema Welternährung und Lebensmittelsicherheit entstanden. Das „Rooftop Farming“ beschreibt eine alternative Anbaumethode aus dem Bereich Urban Gardening – also der gärtnerischen Nutzung von kleinen städtischen Flächen.

Im Fokus des Bochumer Projekts steht der Gedanke, Lebensmittel dort anzubauen, wo die Konsumenten sind. Zwölf Beete haben die Studierenden um Oliver Stengel bereits angebaut. Der positive Nebeneffekt: „Die Ernte war so groß, dass die Mitwirkenden sie nicht allein verbrauchen konnten“, sagt Stengel. Die Lebensmittel stehen daher allen Studierenden kostenfrei in der Mensa zur Verfügung. Die Kisten würden immer restlos leer. Ein kleiner Teil der Lebensmitteleinkäufe entfällt also.

Alle bedürftigen Studierenden werden davon jedoch nicht satt. Dafür müsste man die Flächen ausweiten. Platz genug gibt es: Nahezu jede Universität und Hochschule hat Flachdächer. Und auch im restlichen städtischen Bereich gibt es Potenzial: Allein Berlin hat mehr als 4000 Hektar Fläche auf Dächern, Parkplätzen oder stillgelegten Friedhöfen, die sich für den Gemüseanbau eignen, wie eine Studie des Wuppertal Institut zeigte. Damit könnten bis zu 82 Prozent des lokalen Gemüsekonsums gedeckt werden.

Urban Gardening könnte große Teile der Gesellschaft mit Gemüse versorgen

An der Umsetzung scheitert es insbesondere wegen der hohen Anschaffungskosten. Rund 10.000 Euro hat der Bau der Anlage auf dem Bochumer Hochschuldach gekostet. Wenn die Anlagen erstmal stehen, sei das ganze relativ kostengünstig, sagt Stengel: „Pro Saison fallen nur wenige Hundert Euro an Kosten an, das fällt kaum ins Gewicht.“ Neben Saatgut und Dünger braucht es dann vor allem Wasser. Mit einer Überdachung könnte die Rooftop Farm auch im Winter betrieben werden. Stengel erwartet, dass sich das Konzept ausbreiten wird. Auch von Foodsharing-Projekten an Hochschulen ist er überzeugt: „Je mehr verschiedene Verfahren, desto mehr Ertrag.“

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