Umweltministerin Svenja Schulze kämpft für Bienen

Insektenschutz : Svenja Schulze und die Bienen

Die Bundesumweltministerin macht den Insektenschutz zu einem ihrer Kernthemen dieser Wahlperiode.

Wenigstens hier gibt es noch jede Mengen Insekten. Große und kleine, mit Flügeln und ohne. Aufgespießt und aufgereiht liegen sie hinter Glasscheiben, versehen mit kleinen Zettelchen und langen lateinischen Namen. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) beugt sich über die Schaukästen, wirft einen Blick auf Buchrücken mit Titeln wie „Die Käfer Mitteleuropas“ oder „Catalog der Lepidoptoran“. Mit einem freundlichen Lächeln überreicht die Ministerin dann dem Insektenforscher Martin Sorg einen Scheck über 150.000 Euro.

Der Entomologische Verein Krefeld ist die vierte Station auf der Sommerreise der neuen Bundesumweltministerin. In ihrem Koalitionsvertrag haben sich SPD und Union darauf festgelegt, mehr für den Insektenschutz zu tun. Es ist eines der großen Vorhaben der früheren NRW-Wissenschaftsministerin. Doch die Mittel sind knapp und das Landwirtschaftsressort liegt in den Händen der CDU-Ministerin Julia Klöckner. Und nicht alle Landwirte sind Insektenfreunde.

Dass es das Thema Insektenschutz auf die politische Agenda geschafft hat, ist maßgeblich Insektenforscher Sorg und seinen Leuten zu verdanken. Der Wissenschaftler zettelte so etwas wie eine Revolution an, die nicht nur die Fachwelt in Aufruhr versetzte. Die jüngste Publikation des Entomologischen Vereins Krefeld erregte weltweit Aufsehen. Sorg und seine Mitarbeiter ermittelten vor einem Jahr, dass die Gesamtmenge der Insekten binnen 27 Jahren selbst in Naturschutzgebieten um 76 Prozent zurückgegangen ist. Gemessen an ihrer weltweiten Resonanz liegt diese Studie heute auf Platz 50 von 11,4 Millionen wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Doch Martin Sorg verwaltet den Mangel. In dem verwinkelten kleinen Schulgebäude arbeiten seine Leute auf engstem Raum, die meisten der 63 Mitarbeiter ehrenamtlich. Bei vielen wichtigen Insektengruppen fehlt es an Experten. „Wir haben zurzeit keinen Bearbeiter für Schlupfwespen“, sagt Sorg und fügt hinzu: „Eine sehr wichtige Insektenart.“

Wie wichtig die meisten Insekten sind und zugleich wie gefährdet, wurde vielen Menschen durch Sorgs Studie erst bewusst. Den Satz von Albert Einstein, wonach vier Jahre nach den Bienen die Menschen aussterben, will der Forscher zwar nicht unterschreiben. Aber dass sie für die Bestäubung von Obst und anderen Blüten oder als Nahrungsmittelgrundlage für viele Tierarten, etwa Vögel, unersetzlich sind und Böden wie Wasser von Schadstoffen befreien, ist schon fast ein Allgemeinplatz. Die Mitglieder des Entomologischen Vereins sind es auch, die bewerten, welche Insektenarten so gefährdet sind, dass sie auf Rote Listen gehören.

Auch die Europäische Union hat schon auf die jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse reagiert und drei Insektenbekämpfungsmittel verboten, die vor allem in der Landwirtschaft zum Einsatz kommen. Nicht genug, meinen Naturschützer und kritisieren zugleich, dass auch die weiter zunehmende Bebauung und Versiegelung von Flächen ein Übriges tun, um den Lebensraum der Insekten zu vernichten.

Wenn Svenja Schulze daran grundlegend etwas ändern will, muss sie es mit vielen mächtigen Gegnern aufnehmen. Zum Beispiel mit der EU-Kommission. Die weigerte sich aber zuletzt, einen eigenen EU-Naturschutzfonds zu schaffen. Stattdessen muss sich der Naturschutz einen Topf vor allem mit der Agrarpolitik teilen, die jedoch zum Teil gegensätzliche Ziele verfolgt.

So kommt es, dass nach Angaben des Bundesumweltministeriums zwar der geschätzte nationale Finanzbedarf zur Umsetzung der EU-Naturschutzrichtlinien bei 1,4 Milliarden Euro pro Jahr liegt. Die verfügbaren nationalen und EU-Mittel betragen aber nur 536 Millionen Euro. Und auch das sei schon gut gerechnet, weil allein 324 Millionen Euro davon ganz allgemein der Förderung des ländlichen Raums zugutekommen.

In Deutschland hat Schulze vor allem die mächtige Agrar-Lobby gegen sich, die traditionell großen Einfluss auf das Landwirtschaftsministerium ausübt, zumal viele Landwirte CDU-Wähler sind. Immerhin sind sich Schulze und ihre Kabinettskollegin Klöckner darin einig, dass für den Insektenschutz mehr getan werden muss.

Ein entsprechendes Eckpunktepapier haben die beiden Ministerinnen schon durchs Kabinett gebracht. Jetzt geht es um konkrete Vorschläge. Ein „Aktionsplan Insektenschutz“ soll bis zum Sommer 2019 vom Kabinett beschlossen werden. Schulze ist sicher, dass dies gelingen wird.

Die Zeit drängt: Insektenforscher Sorg kommt im November mit seiner nächsten Studie. Dann geht es um die Zukunft der Bienen. Vorwegnehmen will er nichts. Nur soviel: Es gibt Bienen, deren eigener Honig so mit Chemikalien verseucht ist, dass sie daran zugrunde gehen.

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