Umweltmedizin: Lungenfachärzte streiten über den Schaden durch Luftverschmutzung

Analyse: Dicke Luft unter Fachleuten

Analyse Die deutschen Lungenfachärzten tragen einen fachlichen Streit aus, der hochpolitisch ist. Es geht um die Frage, wie gesundheitsschädlich Luftverschmutzung tatsächlich ist.

Es gibt den Witz über das ältere Ehepaar, das über die Autobahn fährt und im Radio von einem Geisterfahrer auf seiner Strecke hört. Dann sagt er zu ihr: „Wieso ein Geisterfahrer? Es sind tausend.“

Der Aufschlag einer Gruppe von Lungenfachärzten (Pneumologen) wirkt  wie das ältere Ehepaar, das gegen den Strom der anderen anfährt. Diese Gruppe von Fachärzten bezweifelt massiv, dass die Angaben von Weltgesundheitsorganisation, Europäischer Union, Umweltbundesamt und vieler ihrer Kollegen zur erhöhten Sterblichkeit der Menschen aufgrund von Luftverschmutzung richtig sind. „Eine genauere Analyse der Daten zeigt, dass diese extrem einseitig interpretiert wurden, immer mit der Zielvorstellung, dass Feinstaub und Stickoxide schädlich sein müssen.“ Autor der Stellungnahme ist Dieter Köhler, ein emeritierter Medizin-Professor und Pneumologe.

Ein zentrales Argument der Kritiker der herrschenden Lehrmeinung zur Schädlichkeit von Luftverschmutzung ist, dass man anders als bei Rauchern den Zusammenhang von verschmutzter Luft und Lungenerkrankungen nicht sehe. „Bei  der hohen Mortalität müsste das Phänomen zumindest als assoziativer Faktor bei den Lungenerkrankungen irgendwo auffallen.“

Die Stellungnahme ist von mehr als 100 Vertretern der  Deutschen Gesellschaft für Pneumologie unterzeichnet  - aus allen Bereichen von niedergelassen bis zu forschenden Ärzten. Der Verband der Lungenfachärzte hat insgesamt 4000 Mitglieder. Zu den Unterzeichnern gehört auch Thomas Koch, Professor vom Karlsruher Institut für Technologie, wo er sich mit der Verbesserung der Dieseltechnik befasst, in der er Zukunft sieht.

Tipp zum Weiterlesen: Alle aktuellen Meldungen über drohende Diesel-Fahrverbote finden Sie in unserem Newsblog.

Die Pneumologen sind  fachlich tief gespalten.  Im vergangenen Jahr erst veröffentlichte die Gesellschaft der Fachärzte ein mehr als 50 Seiten starkes Positionspapier, das exakt das Gegenteil der aktuellen Stellungnahme darstellt.

Die Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums in München, der Berliner Charité, der Universität Bielefeld und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf heben vor allem darauf ab, dass nicht nur die Atemwege durch Luftverschmutzung Schaden nehmen. Nach ihren Erkenntnissen erhöht sich auch das  Risiko von Herzinfarkt und Schlaganfall sowie für Diabetes. Hinweise gebe es zudem für eine beschleunigte Entwicklung von Demenz und Alzheimer. Auch Schwangere haben die Forscher, die vor einer breiten gesundheitlichen Gefahr durch Feinstaub, Stickoxide und andere Arten der Luftverschmutzung warnen, im Blick. Unter anderem sehen sie ein erhöhtes Asthma-Risiko im Kindesalter, wenn die schwangere Mutter einer starken Luftverschmutzung ausgesetzt war.  Das Positionspapier deckt sich mit zahlreichen internationalen Studien zur Umweltmedizin, die ebenfalls gesundheitliche Risiken durch in der Atemluft befindliche Schadstoffpartikel feststellen.

Beide Seiten der Lungenfachärzte belassen es nicht bei ihren wissenschaftlichen Thesen. Sie stellen auch sehr konkrete politische Forderungen auf. „Leider werden zunehmend die wissenschaftlichen Methoden, insbesondere bei der Bewertung der Größenordnungen, verlassen und durch Ideologie ersetzt“, schreibt Köhler, der sich selbst „zu den wenigen Experten in diesem Bereich“ zählt. Er prophezeit eine zunehmende Ideologisierung durch weitere Fahrverbote und sieht eine gesellschaftliche Spaltung im Streit um die Deutungshoheit in Sachen Luftverschmutzung herannahen „mit vermutlich chaotischen, möglicherweise auch gewaltbereiten Szenarien“.

Köhlers Kollegen wiederum fordern mit einer „Kultur der Schadstoffvermeidung auf allen Ebenen“ und einer weiteren Absenkung der Grenzwerte exakt das, wovor dieser warnt. Auch die Forderungen der Pneumologen, die sich im Konsens mit der großen Mehrheit der Fachwelt befinden, sind radikal - vor allem für Mediziner, denen man nicht unbedingt eine Expertise für Verkehrspolitik unterstellen kann. Ihr Ansatz ist auf jeden Fall erzieherisch, wenn sie Strategien zur „Reduktion der eigenen Schadstoffexposition“ fordern oder auch mit „Minderungsmaßnahmen bei spezifischen lokalen Emittenten“ wie Häfen und Flughäfen die Einschränkung des Luft- und Schiffverkehrs ins Spiel bringen.

Beide Seiten der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie sind nur bedingt glaubwürdig. Mit den Schlüssen aus ihren eigenen wissenschaftlichen Erkenntnissen gehen sie weit über die eigene Expertise hinaus. Das legt leider den Verdacht nahe, dass ihre Veröffentlichungen von dem getrieben sind, was sie jeweils  ihren Gegnern der eigenen Zunft vorwerfen: Ideologie.

In einem immerhin sind sich die verfeindeten Lungenfachärzte einig: Es bedarf mehr Forschung auf dem Gebiet der Umweltmedizin. Dieser Forderung kann man sich anschließen. Noch weiter untersucht werden müssten die direkten Zusammenhänge von Erkrankungen und Luftverschmutzung sowie die Wirkung bestimmter Grenzwerte.

Auch die Frage der Grenzwerte, insbesondere von Feinstaub und Stickoxiden, sind immer wieder Gegenstand kontroverser Debatten. So ist es bemerkenswert, dass die Stickstoffdioxidkonzentration, die am Arbeitsplatz erlaubt ist 24 Mal so hoch liegt  wie der Grenzwert für große Straßen. Das Umweltbundesamt argumentiert, in der Außenluft könnten nicht die gleichen Maßstäbe angelegt werden wir für Arbeitsplatzgrenzwerte. Diese Grenzwerte gälten auch nur für Industriearbeitsplätze und Handwerk.

Wer übrigens in seinem eigenen Heim eine hohe Stickstoffdioxidkonzentration vermeiden möchte, der muss Kaminfeuer, Holzofen und Gasherd lieber außer Betrieb lassen.  Diese Luftverschmutzer werden in der Debatte nur selten erwähnt.

(qua)
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