Gasmangel, Inflation, Rezession Was Deutschland nach Putins Angriff droht

Analyse · Russlands Präsident greift die Ukraine an. Der Westen will mit scharfen Sanktionen reagieren. Für die europäische Wirtschaft hat der Krieg gravierende Folgen: Deutschland drohen eine Rezession und Inflationsraten von sechs Prozent, warnt das Institut der deutschen Wirtschaft.

Das Foto zeigt einen russischen Panzer während der Militärübung «Union Courage-2022».

Das Foto zeigt einen russischen Panzer während der Militärübung «Union Courage-2022».

Foto: dpa/Uncredited

Wladimir Putin macht das schlimmste Szenario wahr: Er greift die Ukraine an und startet Raketenangriffe auf Kiew. Nun will der Westen mit einer Verschärfung der Sanktionen antworten. Bislang trafen sie einzelne Banken und Putin-Freunde, Nord Stream 2 wurde auf Eis gelegt. Jetzt sollen härtere Maßnahmen folgen. Diskutiert werden ein scharfes Vorgehen gehen den Finanzsektor und Exportbeschränkungen für sensible Hochtechnologie-Güter, die Moskau dringend benötigt. Die schärfste Waffe wäre der Ausschluss Russlands aus dem Zahlungssystem Swift. Putin könnte seinerseits mit einer Drosselung der Gas- und Öl-Lieferungen antworten.Eine Eskalation von Handelsbeschränkungen könnte also folgen.

Einbruch der Finanzmärkte und Rezessionsgefahr

Die Finanzmärkte reagierten am Donnerstag unmittelbar: Der Dax ging auf Talfahrt. Der Ölpreis sprang über die psychologisch wichtige Marke von 100 Dollar je Barrel, andere Rohstoffe wie Aluminium erreichten Höchstpreise. Die Anleger flüchteten in Gold. Moskau stoppte den Börsenhandel. Hält die Krise an, müssten Unternehmen Börsengänge verschieben. Die Störungen für die Produktion, die ohnehin noch durch die Corona-Krise in Mitleidenschaft gezogen wurde, dürften weiter zunehmen. „Es besteht die große Gefahr, dass Deutschland in eine Rezession rutscht. Die Konsumenten halten sich zurück, die Unternehmen werden bei ihren Investitionen vorsichtiger. Die Unsicherheit führt zu einer Eintrübung des Wirtschaftsklimas“, meint Justus Haucap, der an der Universität Düsseldorf Volkswirtschaft lehrt.

Der Schlag aus dem Osten kommt zur Unzeit. Aus der Erholung nach Corona wird nichts mehr. Das Ifo-Institut hatte für den Februar gerade eine überraschende Aufhellung der wirtschaftlichen Stimmung gemeldet, das ist jetzt Makulatur. „Wir sind zutiefst erschüttert über den russischen Überfall auf die Ukraine. Dies ist ein durch nichts zu rechtfertigender Angriff auf einen souveränen Staat, seine Bürger und auf den Frieden in Europa. Auch dieser Krieg wird nur Verlierer kennen“, warnte Oliver Hermes, Chef des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft.

Hohe Preissteigerungen

Eine wirtschaftliche Folge: Die Inflation dürfte weiter angeheizt werden. Neben dem Ölpreis treibt auch das teure Gas die allgemeine Preisentwicklung. Die Erzeugerpreise, ein Indikator für die künftige Inflation, sind bereits  um 25 Prozent nach oben gegangen, der stärkste Anstieg seit 1949. Die Europäische Zentralbank steht jetzt vor der Herausforderung, wie sie mit den weiteren Preissteigerungen umgeht. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hält eine noch höhere Inflation für möglich – bis zu 6,1 Prozent sind realistisch, zeigen Simulationen, die das IW am Donnerstag vorlegte. Es unterstellt dabei, dass der Gaspreis um weitere 50 Prozent steigt. Selbst im harmloseren Szenario, wenn der Gaspreis auf dem (hohen) Niveau des letzten Quartals bleibt, würde die Inflationsrate im laufenden Jahr auf 4,3 Prozent und 2023 auf 4,5 Prozent steigen. „Die Verbraucher, aber auch die Unternehmen, hätten also noch weniger im Portemonnaie als ohnehin schon“, so das IW. Nach Ansicht von Haucap dürfte die Inflationsrate im laufenden Jahr dauerhaft bei über fünf Prozent liegen. „Es besteht die Gefahr, dass sich die Preissteigerungen verfestigen. Durch den höheren geplanten Mindestlohn von zwölf Euro könnte zusätzlich noch ein Lohndruck entstehen. Das alles ist ein sehr gefährlicher Mix“, meint der Düsseldorfer Ökonom. Denn bei steigenden Preisen dürften auch die Lohnforderungen der Gewerkschaften höher ausfallen.

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Drohender Wirtschaftseinbruch

Wenn in Folge der Krise die Gaspreise stark steigen, droht das Wirtschaftswachstum in Deutschland einzubrechen. Im harmloseren Szenario fiele das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr um 0,2 Prozent und im nächsten Jahr um 0,7 Prozent geringer aus. Kommt es zu gravierenderen Liefereinschränkungen, könnte sich der Gaspreis allerdings noch weiter erhöhen: Das BIP würde im nächsten Jahr ganze 1,4 Prozent geringer ausfallen, fürchtet das IW. „Die wirtschaftlichen Folgen eines militärischen Konflikts sind kaum abzuschätzen“, erklärte IW-Forscher Thomas Obst. Die deutsche Wirtschaft stehe an einem Scheideweg, die Frage der Energiesicherheit stelle sich neu.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hatte zuletzt noch ein Wachstum von drei Prozent im laufenden Jahr erwartet. Die Wirtschaftsweisen hatten im November 2021 noch mit 4,6 Prozent gerechnet. Nachdem die deutsche Wirtschaft im vierten Quartal 2021 um 0,7 Prozent schrumpfte, dürften die ersten drei Monate 2022 ein weiteres Minus bringen. Das nennen Ökonomen eine technische Rezession.

Schlag für den Handel mit Russland

Eine neue Eiszeit in den Beziehungen zu Russland hat auch schwere Folgen für die direkten Handel mit Russland. Deutschland ist verwundbar, was seine Energieimporte betrifft. 36 Prozent der Kohleimporte, 29 Prozent der Öleinfuhren und 55 Prozent der Gaslieferungen kommen aus seinem Reich. „Gas hat einen hohen Stellenwert in der Stromerzeugung und in den industriellen Prozessen in Deutschland“, erklärt Wirtschaftsexperte Haucap. Zwar schadet sich Russland bei einem Stopp dieser Exporte stärker als dem Westen. Das dürfte Putin aber in Kauf nehmen, um Deutschland die Folgen seines Sanktionsregimes spüren zu lassen.

Schon die Krim-Krise hat das Handelsvolumen Deutschlands mit Russland von 75 Milliarden Dollar (66 Milliarden Euro) im Jahr 2013 auf nur noch 42 Milliarden Dollar (37 Milliarden Euro) 2020 schrumpfen lassen. Der Anteil der Europäischen Union (EU) an Russlands Exporten sank im gleichen Zeitraum von 50 auf 33,7 Prozent. Beides hatte starke Auswirkungen auf die gegenseitigen Verflechtungen. Unter einem weiteren Rückgang der Geschäfte würden insbesondere die großen NRW-Konzerne RWE und Uniper leiden, die auf russische Energielieferungen angewiesen sind. Allerdings ist die sonstige Bedeutung Russlands für die deutsche Exportwirtschaft vergleichsweise gering. Er macht nur zwei Prozent des gesamten Außenhandels aus. Bleibt es bei dem milden Winter, dürften die Gasreserven gerade so reichen, auch wenn die Speicher nur noch zu 30 Prozent gefüllt sind.

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Foto: dpa/Kremlin Pool

Politische Folgen

Ein endgültiger Bruch mit Moskau hätte auch politische Folgen. Zwar gewinnt derzeit die Nato, die Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bereits für „hirntot“ erklärt hatte, erneut an Bedeutung. Der Westen aber muss sich wohl auf eine Neuauflage des Kalten Krieges einstellen, nachdem die bisherigen Verhandlungsplattformen mit Russland wie das Normandie-Format (Deutschland, Frankreich, Russland, Ukraine) und der Nato-Russland-Rat obsolet sind. Auch das Minsker Abkommen ist tot, es gibt derzeit keine echte Gesprächslinie mit Moskau. Es funktionieren nur noch die Sicherheits-Checks in der gegenseitigen atomaren Abschreckung.

Auch Kanzler Scholz wurde von Putin offenbar an der Nase herum geführt, als ein Teilabzug nach dessen Besuch in Moskau Entspannungssignale auslöste. Jetzt muss Deutschland den engen Schulterschluss zu den USA und Frankreich finden, obwohl es unter einer Eskalation mehr leiden würde als der große Verbündete jenseits des Atlantiks. Zugleich steht eine Verstärkung der Sicherheitsmaßnahmen für die Nato-Mitglieder im Baltikum und in Osteuropa an. Das heißt womöglich, dass weitere Einheiten des Bündnisses, darunter auch Bundeswehr-Soldaten, dorthin verlegt würden. Deutschland muss auch seinen bisherigen Wehretat überprüfen. Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) hat schon bei den Etat-Verhandlungen für 2022 mehr Geld gefordert. Die langsame schrittweise Erhöhung auf das vereinbarte Zwei-Prozent-Ziel (im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt) muss jetzt schneller erfolgen.

Krieg ist nicht nur tödlich für viele Menschen, sondern auch wirtschaftlich und politisch ein kostspielige Angelegenheit – mit schweren Lasten für die Bürger. Mit einem Mix aus scharfen Sanktionen, Stärke und Schutz für die osteuropäischen Nato-Partner muss der Westen weiterhin versuchen, Putins Aggression zu bekämpfen, um einen großen Flächenbrand zu verhindern.

Der ursprüngliche Artikel wurde nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine aktualisiert.