Zwei Jahre Krieg in der Ukraine Ukraine-Krieg kostet die deutsche Wirtschaft deutlich über 200 Milliarden Euro

Analyse | Berlin · Am 24. Februar 2024 jährt sich der Ukraine-Krieg zum zweiten Mal. Der Überfall Russlands auf den EU-Nachbarn wirkte sich unmittelbar durch stark steigende Energiekosten und gestörte Lieferketten auf die deutsche Wirtschaft aus. Doch es gibt auch Gewinner.

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Zwei Jahre Krieg in der Ukraine

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Foto: dpa/Emilio Morenatti

Mit dem Überfall auf die Ukraine vor zwei Jahren hat Kreml-Chef Wladimir Putin auch Deutschland hart getroffen – vor allem ökonomisch. „Die wirtschaftlichen Kosten für Deutschland nach zwei Jahren Ukraine-Krieg dürften deutlich höher liegen als 200 Milliarden Euro“, sagt der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher. „Vor allem die hohen Energiekosten haben das Wachstum in Deutschland im Jahr 2022 um 2,5 Prozentpunkte oder 100 Milliarden Euro und im Jahr 2023 bis heute um eine ähnliche Größenordnung nochmals reduziert.“ Das industrienahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) kommt in einer unveröffentlichten Studie auf ein ähnliches Ergebnis: Es beziffert die Kosten des Ukraine-Kriegs und der Folgewirkungen der Corona-Pandemie 2022 und 2023 auf 240 Milliarden Euro.

Der Krieg traf die exportorientierte deutsche Wirtschaft gleich dreifach – und zwar schockartig: Er ließ die Energie- und Vorleistungskosten explodieren, zerstörte gewohnte Lieferketten in der Produktion und belastete die Weltwirtschaft und damit den deutschen Außenhandel. Viele Unternehmen konnten sich anpassen, andere blieben auf der Strecke. Hinzu kamen die weiteren Auswirkungen der Corona-Pandemie und – dies beklagen Wirtschaftsverbände – eine verfehlte Wirtschafts- und Energiepolitik. Die Bundesregierung habe mit Atomausstieg und Heizungsgesetz die Energiekostenprobleme verschärft, lautet der Vorwurf. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) selbst räumte anlässlich der Regierungsprognose von nur 0,2 Prozent Wachstum im laufenden Jahr eine „dramatisch schlechte“ Entwicklung ein. Finanzminister Christian Lindner (FDP) sprach von einer „peinlichen und in sozialer Hinsicht gefährlichen“ Situation.

„Während die Ausfälle im Jahr 2022 bei rund 100 Milliarden Euro liegen, stiegen sie im Jahr 2023 wieder auf gut 140 Milliarden an“, heißt es in der IW-Studie anlässlich des zweiten Jahrestags des Ukraine-Kriegs. Allerdings wirkten 2022 und 2023 auch die Folgen der Corona-Pandemie fort, sodass sich eine genaue Abgrenzung der Effekte des Ukraine-Kriegs nicht berechnen lasse, sagt IW-Forscher Michael Grömling. Für die Berechnungen stellte er die tatsächliche Entwicklung einem kontrafaktischen Szenario ohne Ukraine-Krieg gegenüber. Rechne man die Auswirkungen der Pandemie und der geopolitischen Entwicklungen (Ukraine-Krieg, Nahost-Konflikt) seit Anfang 2020 zusammen, ergebe sich ein Wachstumsverlust von insgesamt vier Prozent der Wirtschaftsleistung. Damit gingen Konsumausfälle „von gut 400 Milliarden Euro bezogen auf die Jahre 2020 bis 2023 einher“, heißt es in der Studie. „Das entspricht einer Konsumeinbuße je Einwohner von insgesamt rund 4.800 Euro.“

Die Kosten des Kriegs würden Menschen mit geringen Einkommen besonders hart treffen, „denn diese erfahren eine zwei- bis dreimal höhere Inflation als Menschen mit hohen Einkommen“, warnt DIW-Chef Fratzscher. „Der deutsche Staat stützt vor allem die energieintensiven Unternehmen mit massiven Subventionen, Menschen mit geringen Einkommen müssen den Gürtel dagegen deutlich enger schnallen.“

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Die Ukraine weint um ihre Toten

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Foto: dpa/Andrii Marienko

Deutschland ist auch wegen seines großen industriellen Sektors stärker betroffen als andere Länder. Über Jahrzehnte profitierte die Industrie von günstiger russischer Energie, doch im Frühjahr 2022 war damit Schluss. Der Bundesregierung und vor allem Habeck gelang es zwar, alternative Energie überall in der Welt zusammenzukaufen. Doch amerikanisches LNG-Gas ist deutlich teurer als russisches Gas. Auch der Ausbau der erneuerbaren Energien kostet wegen Versäumnissen in den Merkel-Jahren deutlich mehr, vor allem die Netzentgelte stiegen. Der Industriestrompreis lag 2022 mit 43 Cent pro Kilowattstunde zunächst doppelt so hoch wie im Jahr davor, zeigen Daten des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft. Danach ging er schrittweise wieder auf Vorkriegsniveau zurück.

Doch dieser Erfolg macht nach Einschätzung des Verbandes der Familienunternehmer die hohen Verluste der vergangenen zwei Jahre nicht wett: „Dass die Grünen mit ihrem Wirtschaftsminister trotz der Notlage dann mit dem Atomausstieg sehenden Auges auch noch den Strom verknappten und damit verteuerten, hat bei der energieintensiven Wirtschaft für einen Schub bei der Deindustrialisierung gesorgt“, beklagt die Präsidentin des Verbands, Marie-Christine Ostermann.

Verlierer des Kriegs fänden sich „in der gesamten Breite der Volkswirtschaft, was ein ernstes Problem darstellt“, sagt IW-Forscher Grömling. Die Industrie leide unter der schwachen Weltwirtschaft und im Wettbewerbsvergleich hohen Energiekosten. Betroffen seien insbesondere die energieintensiven Branchen Chemie-, Papier- und Metallindustrie. Die Bauwirtschaft leide unter der schwachen Nachfrage wegen hoher Bauzinsen und Materialpreise. Der Dienstleistungssektor beklage Inflation und Kaufkraftverluste der Konsumenten. Diese müssen heute erheblich mehr für Lebensmittel bezahlen. Dadurch verdienten zwar deutsche Landwirte mehr, allerdings verloren sie auf der anderen Seite wegen höherer Kosten für Saatgut, Düngemittel- und Futterpreise. Immerhin können sich Bauwirtschaft und Anlagenbauer Hoffnung auf gute Geschäfte beim Wiederaufbau der zerstörten Ukraine machen.

Besser geht es heute einzig der Rüstungsindustrie. Man sieht es an der Aktie des Düsseldorfer Rüstungskonzerns Rheinmetall: Dessen Aktienkurs hat sich seit dem 24. Februar 2022 von 93 auf derzeit 400 Euro mehr als vervierfacht.

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