Turbo-Abitur – so sieht ein Stundenplan aus

Schul-Streit : So sieht ein Stundenplan beim Turbo-Abitur aus

Die Forderung der Bürgerinitiative "Familiengerechte Bildung und Schule" hat eine Debatte um die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren ausgelöst. Eltern und Schüler klagen über den erhöhten Stress.

Celine Zöllner besucht das Gymnasium Thomaeum in Kempen. Im nächsten Jahr macht sie ihr Abitur — nach zwölf Schuljahren. Die 17-Jährige ist eine sogenannte Turbo-Abiturientin. "Wir sind den Druck gewohnt", sagt sie. "Von Anfang an gehen wir mit dem Bewusstsein zur Schule, dass wir den Stoff in kürzerer Zeit beherrschen müssen." Besonders groß sei die Belastung in der verkürzten Mittelstufe gewesen.

Es gebe viel Nachmittagsunterricht und eine Menge Hausaufgaben, die man häufig nur dann bewältigen könne, wenn man auch nach dem Abendessen noch weiter lerne. Die Zwölftklässlerin ist eine gute Schülerin, doch: "Wenn ich wählen könnte, würde ich das Abitur nach neun Jahren bevorzugen", sagt sie. "Es wäre deutlich entspannter, und wir könnten den Stoff besser verinnerlichen."

Für Schüler bedeute die Schulzeitverkürzung an Gymnasien in NRW, kurz "G 8" genannt, viel Stress, sagen die Vertreter der "Bürgerinitiative familiengerechte Bildung und Schule". Das ist ein Zusammenschluss von Eltern, Ärzten, Psychologen und Pädagogen, die sich für die Wiedereinführung der neunjährigen Gymnasialzeit (G 9) einsetzen. Im Frühjahr haben letzter G 9- und erster G 8-Jahrgang gemeinsam ihre Prüfungen abgelegt. An den Gesamtschulen wird das Abitur weiter nach neun Jahren absolviert.

Umfrage-Ergebnis überrascht

Zu Beginn der 2005 eingeführten Schulzeitverkürzung habe es "Verwerfungen" gegeben, weil man noch keine Richtlinien gehabt habe, sagt Gunter Fischer. Er leitet ein Gymnasium in Viersen-Dülken. "Aber die Schulen haben sich auf einen guten Weg gemacht." Das Ergebnis der Umfrage, wonach 80 Prozent der Eltern für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium sind, kann Fischer nicht nachvollziehen: "Ich habe immer wieder erlebt, dass es eine absolute Stimmung gegen eine Rolle rückwärts gibt." Auch die Erfahrung, dass Stress die Gesundheit der G 8er gefährde, habe er nicht gemacht.

Zwiespältig ist das Fazit dagegen bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW. "Im Prinzip hat die Bürgerinitiative ja recht", sagt Bildungsreferentin Ilse Führer-Lehner: "Der Unmut der Eltern ist groß. G 8 war eine Sparmaßnahme, kein pädagogisches Konzept. Da haben sich die Finanzminister durchgesetzt, und die Schulen waren überhaupt nicht vorbereitet." Der Kardinalfehler in NRW sei gewesen, das Jahr in der Mittel- statt in der Oberstufe zu kürzen, sagt Führer-Lehner. Dennoch ist auch sie gegen eine Rückabwicklung — zumindest in nächster Zukunft: "Ob es für alle Zeiten bei G 8 bleibt, kann man natürlich nicht sagen." Nötig sei jetzt, die Lehrpläne zu verschlanken.

"Rolle rückwärts" nicht sinnvoll

Die Forderung, das Turbo-Abitur so rasch wie möglich abzuschaffen, stößt im Landtag auf Ablehnung. "Es wäre nicht gut, wieder Veränderungen vorzunehmen", sagt die Schulexpertin der SPD-Landtagsfraktion, Renate Hendricks. Sie verweist auf den laufenden Schulversuch in NRW, bei dem 13 Gymnasien auf einem neunjährigen Bildungsweg zum Abitur führten. Diese Ergebnisse sollten abgewartet werden. Auch CDU-Schulexperte Klaus Kaiser hält eine "Rolle rückwärts" nicht für sinnvoll. Die Schulen hätten mit viel Anstrengung G 8 eingeführt. Für die FDP erklärte die Abgeordnete Yvonne Gebauer: Eine Rückkehr zu G 9 würde Unruhe in die Schulen bringen. Sie schlägt stattdessen vor, das Modell etwa durch eine stärkere Integration der Hausaufgaben zu verbessern.

Die schulpolitische Sprecherin der Grünen, Sigrid Beer, betont, NRW sei eines der wenigen Bundesländer, die sowohl G 8- als auch G 9-Abitur anböten. Zudem werde die Wahlfreiheit der Eltern durch immer mehr Gesamt- und Sekundarschulen sowie Berufskollegs gestärkt: "Diese Vielfalt haben Eltern in anderen Bundesländern nicht."

Dem Vorstandssprecher der Grünen Jugend NRW, Sebastian Klick, reicht all das nicht. Er fordert ein grundsätzliches Umdenken: "Wir sind dafür, den Schulen generell und nicht nur einmal die Möglichkeit zu geben, zu G 9 zurückzukehren." Bildung sei mehr als Auswendiglernen. "Schüler müssen Zeit haben, sich ehrenamtlich oder politisch zu engagieren, ein Musikinstrument zu lernen oder Sport zu treiben", sagt Klick. Die Landesschülervertretung tritt sogar für eine komplette Rückkehr zu G 9 ein.

Mehr Freizeit und mehr Wahlfreiheit würden sich auch Celine Zöllner und ihre Klassenkameradin Vanessa Schreinemackers wünschen. "Wir schreiben manchmal drei Klausuren an drei Tagen hintereinander. Das ist viel auf einmal", sagt Vanessa (18). "Man kommt aus dem Lernen nicht heraus. Es gibt kaum Verschnaufpausen."

(RP)