Türken in Deutschland: Die Doppelmoral beim Doppelpass

Türken in Deutschland: Die Doppelmoral beim Doppelpass

Unsere Autorin hat türkische Eltern und ist Deutsche. Aus persönlicher Sicht schildert sie die zwei Welten, in denen viele Deutsch-Türken leben. Sie sagt: Ein Zwang, sich für einen Pass zu entscheiden, würde daran nichts ändern.

Ich erinnere mich daran, wie ich früher mit meiner Familie im Wohnzimmer um 20 Uhr die "Tagesschau" sah und eben auch daran, wie wir manchmal auf der Couch den türkischen Nachrichten von "Köln Radyo" (Funkhaus Europa) lauschten.

Heute höre ich gerne mal die Toten Hosen, Herbert Grönemeyer oder Juli, aber auch Duman, Hayko Cepkin oder Ajda Pekkan. Zu jedem Weihnachts- und Osterfest durften meine Geschwister und ich uns früher bei unserer Nachbarin eine prall gefüllte Tüte mit Süßigkeiten abholen. Es gab aber auch solche, die eine Petition gegen uns einreichten, weil sie keine türkische Familie im Haus haben wollten und Lehrer, die erst einmal vom Gegenteil ihrer Annahme überzeugt werden mussten, dass Kinder türkischer Gastarbeiter prinzipiell nicht zu guten oder gar sehr guten Leistungen fähig sein.

Der Name reicht schon aus

Zwei Staatsangehörigkeiten symbolisieren diese beiden Realitäten, in denen noch immer viele ehemalige türkische Gastarbeiter und deren Nachfahren in diesem Land leben. Und dabei spielt es keine Rolle, ob sie die deutsche, türkische oder beide Staatsangehörigkeiten haben. Ein türkischer Name reicht manchmal schon, um bei einer Bewerbung aussortiert zu werden oder die gewünschte Wohnung nicht zu bekommen. Aber es gibt natürlich auch Menschen, die nie ein Interesse hatten an einem Zusammenleben und -arbeiten mit deutschen Nachbarn und Kollegen oder es irgendwann einfach aufgaben.

Von den Menschen mit türkischem Migrationshintergrund zu verlangen, dass sie sich für einen Pass entscheiden, würde daran nichts ändern und sogar eher das Gefühl verstärken, dass für sie andere Regeln und Maßstäbe gelten und viel kritischer auf sie geschaut wird.

Der Migrationsforscher Klaus J. Bade bringt das schon 2013 auf den Punkt: "Wenn ein Türke zusätzlich die deutsche Staatsangehörigkeit erhält und behält, erleidet er eine Identitätskrise. Wenn ein Deutscher zusätzlich die türkische Staatsangehörigkeit erwirbt, wäre das kein Problem."

Die Diskussion über den Doppelpass war traditionell eben auch schon immer eine voller Doppelmoral. Die Warnungen vor der Herausbildung von Doppelloyalitäten oder Identitätskrisen seien "schlechte politische Lyrik", meint Bade: "Zum einen werden in Deutschland mehr als 50 Prozent aller Einbürgerungen und mehr als 90 aller Einbürgerungen von EU-Angehörigen in Form von Doppel- oder sogar Mehrstaatigkeit hingenommen, ohne dass die inzwischen Millionen davon Betroffenen irgendwelche mentalen Krankheitssymptome gezeigt oder Identitätsinfektionen im Staatsvolk hervorgerufen hätten."

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Am falschen Hebel

Wenn am vergangenen Sonntag in Köln zehntausende Menschen an der Deutzer Werft türkische Fahnen und Erdogan-Plakate schwenken, die Wiedereinführung der Todesstraße in der Türkei skandieren und den türkischen Staatspräsidenten als den ihren bezeichnen, ist das eine besorgniserregende Entwicklung. Umso mehr, wenn man in die Gesichter der Demonstranten sieht und dabei eben vor allem junge, in Deutschland geborene Menschen erkennt.

Warum sie sich mobilisieren lassen und zu befürworten scheinen, dass seit dem Putsch-Versuch aus zweifelhaften Gründen zehntausende Menschen in der Türkei aus dem Militär, dem Staatsdienst, aus Hochschulen und aus den Medien beseitigt wurden, ist aber sicher keine Spontanreaktion, sondern das Ergebnis eines langwierigen Prozesses in diesem Land.

Der Soundtrack zum Leben

Über den Doppelpass zu diskutieren, setzt am falschen Hebel an. "Ein Leben mit Kränkungen durch Alltagsdiskriminierung kann jegliche Integrationsbemühung von Migrantinnen und Migranten von Grund auf torpedieren", heißt es in der Studie "Wechselwirkung zwischen Diskriminierung und Integration - Analyse bestehender Forschungsstände" von 2012. Die Integration von Zuwanderungsgruppen könne daher langfristig nur in einer Gesellschaft gelingen, die auf Teilhabe setze.

Das bedeutet nicht, dass der Soundtrack zum Leben vieler Deutsch-Türken oder ihre Staatsangehörigkeit nur deutsch sein muss, aber dass man einander vor allem eine faire Chance gibt. Und erkennt, dass wenn man sich ungleich behandelt fühlt, dies auch eigentlich bedeutet, dass man dazugehören will.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Pro-Erdogan-Demonstration in Köln

(semi)