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Trauerfeier in Hanau: Steinmeier ruft zur Verteidigung der Demokratie auf

Trauerfeier für Opfer von Hanau : Steinmeier ruft zur Verteidigung der Demokratie gegen ihre Feinde auf

Vor zwei Wochen erschoss Tobias R. im hessischen Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln. Am Mittwochabend fand die zentrale Trauerfeier statt, zu der rund 650 geladene Gäste kamen, darunter Bundespräsident Steinmeier und Kanzlerin Merkel.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat nach dem rassistisch motivierten Anschlag von Hanau die gesamte Gesellschaft zur Verteidigung der Demokratie aufgefordert. „Unsere Grundwerte, unsere Freiheit, unser Frieden – sie sind ohne uns nicht gesichert“, mahnte er am Mittwoch beim zentralen Gedenkakt in Hanau. „Demokratie lebt nicht, weil das Grundgesetz sie verordnet. Sie lebt und bleibt, wenn wir sie wollen und uns in ihr engagieren – gegen die, die sie in Frage stellen oder bekämpfen. Wir müssen sie aktiv verteidigen. Wir. Der Staat. Ich“, sagte Steinmeier nach dem vorab veröffentlichten Redetext.

Bei der Trauerfeier im Congress Park der Stadt nannte er jeden einzelnen der Getöteten beim Namen, auch die Mutter des Attentäters. „Wir sind alle erschüttert über ein terroristisches Verbrechen, einen brutalen Akt mörderischer Gewalt“, sagte er am Mittwochabend laut vorab verbreitetem Redemanuskript. In die Trauer und Wut mische sich aber auch Entschlossenheit: „Wir stehen zusammen. Wir halten zusammen. Denn wir wollen zusammen leben.“

Bei dem Anschlag hatte ein 43-jähriger Deutscher am Abend des 19. Februar neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen. Weitere Menschen wurden verletzt. Der Sportschütze soll auch seine Mutter getötet haben, bevor er sich selbst das Leben nahm. Nach bisherigen Erkenntnissen hatte der mutmaßliche Täter eine rassistische Gesinnung und war psychisch krank.

Der rassistische Anschlag wird nach den Worten von Oberbürgermeister Claus Kaminsky für immer mit der Stadt verbunden sein. „Dies tut unendlich weh. Auch wenn dieser Schmerz nicht mit dem Leid der Opfer und dem Schmerz der Angehörigen zu vergleichen ist“, sagte der SPD-Politiker am Mittwoch bei der Gedenkfeier in Hanau. Die Stadt habe in ihrer Geschichte bewiesen, dass sie schwierige Situationen meistern könne. „Hanau ist stark, weil es zusammensteht“, sagte Kaminsky.

Es gebe eine große und gute Tradition im Zusammenleben der unterschiedlichsten Menschen. „Wir glauben unterschiedlich, wir leben unterschiedlich, wir sprechen auch unterschiedlich, aber uns eint der Respekt vor den Mitmenschen, die Nächstenliebe, die Toleranz und auch die unerschütterliche gemeinsame Freude am Leben in dieser Stadt“, sagte der Oberbürgermeister. Er kündigte eine Gedenkstätte für die Opfer an. Zudem werde ihnen posthum die goldene Ehrenplakette der Stadt Hanau verleihen.

Die Schwester eines der Hanauer Anschlagsopfer erinnerte in einer emotionalen Ansprache an ihren getöteten Bruder. „Mein Bruder Hamza wurde völlig unerwartet aus der Mitte unserer Familie gerissen“, sagte Ajla Kurtović. „Zurückgeblieben ist grenzenloser Schmerz, eine unfassbare Leere und Fassungslosigkeit.“ Er sei stets hilfsbereit, gut gelaunt und sozial engagiert gewesen.

Sie selbst empfinde keinen Hass, sagte sie. „Ich möchte an dieser Stelle deutlich machen, dass Hass den Täter zu seiner rassistischen Tat getrieben hat. Damit liegen Hass und Rassismus sehr nah beieinander. Ich will, dass wir uns alle von Hass abgrenzen.“ Sie wünsche sich ein Miteinander statt ein Gegeneinander.

Die Tat vom 19. Februar sei ein Anschlag auf „unser Grundverständnis von Zusammenleben“ gewesen, hob der Bundespräsident hervor. Jeder Mensch habe die gleiche Würde und die gleichen Rechte. Es gebe keine Bürger zweiter Klasse, keine Abstufungen im Deutschsein. Die Tat sei auch ein Anschlag auf die Freiheit und auf den gesellschaftlichen Frieden gewesen.

„Ja, es gibt Rassismus in unserem Land – und das nicht erst seit einigen Wochen. Ja, es gibt weit verbreitete Muslimfeindlichkeit“, sagte Steinmeier. Menschen mit dunklerer Hautfarbe oder mit Kopftuch erlebten Diskriminierungen, würden Opfer von Angriffen, von Beleidigungen und von Gewalt. Sie alle hätten ein Recht darauf, dass ihre Mitbürger Anteil nähmen, widersprächen und eingriffen. Sie alle hätten ein Recht darauf, dass ihr Staat hinsehe, verfolge, bestrafe. „Sie alle haben das Recht auf einen Staat, der sie schützt.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: Steinmeier und Merkel trauern um die Opfer von Hanau

(c-st/dpa/epd)