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Sauerland-Gruppe vor Gericht: Terrorprozess in Düsseldorf

Sauerland-Gruppe vor Gericht : Terrorprozess in Düsseldorf

Düsseldorf (RP). Am Mittwoch beginnt am Oberlandesgericht der Prozess gegen die so genannte Sauerland-Gruppe, die Anschläge in mehreren deutschen Großstädten geplant haben soll. Die Sicherheitsvorkehrungen für das Verfahren im modernen Prozessgebäude am Kapellweg sind enorm.

Ein Plastikstuhl, ein Klo, eine Liege mit Lammfelldecke. Mehr passt nicht in den fensterlosen Raum mit einer Stahltür, dick wie ein Brockhaus-Band. Wer hier auf der Lammfelldecke liegt und an die weiß getünchte Decke starrt, hat sich einen mächtigen Gegner zum Feind gemacht: den Staat. Wer hier auf seinen Prozess wartet, wird keine Sekunde unbeobachtet gelassen. Er gilt als hochgefährlich.

In vier dieser Zellen im Keller des Düsseldorfer Oberlandesgerichts werden am Mittwoch die Angeklagten im Prozess um die Sauerland-Gruppe darauf warten, in den Verhandlungssaal 1 gebracht zu werden. Um zehn Uhr werden sie auf der mit zentimeterdickem Sicherheitsglas geschützten Anklagebank Platz nehmen. Jeder von ihnen wird dann von drei JVA-Beamten abgeschirmt sein, einer links, einer rechts und einer im Rücken, um jegliche Kommunikation zwischen den Angeklagten unmöglich zu machen. Mit ihren Verteidigern werden sie nur durch 24 zeigefingerdicke Löcher im Glas sprechen können, wenn sie ihnen vorher über eine Ruf-Taste ein Signal gegeben haben.

Es sind Fritz G. (29), Daniel S. (23), Adem Y. (30) und Attila S.(24) die am Mittwoch dort sitzen werden. G., S. und Y. wird vorgeworfen, Anschläge mit Autobomben in mehreren deutschen Großstädten, darunter in Düsseldorf, geplant zu haben. Im September 2007 wurden sie in der Gemeinde Oberschledorn im Sauerland gefasst. Zwölf Fässer mit rund 730 Kilo Wasserstoffperoxyd-Lösung sollen sie sich für die Bomben besorgt haben. Die Bundesanwaltschaft wirft ihnen Mitgliedschaft in der "Islamischen Dschihad Union" (IJU) vor. Attila S., der später gefasst wurde, ist als Mitverschwörer angeklagt. Daniel S. wird außerdem versuchter Polizistenmord bei seiner Festnahme vorgeworfen.

Die Sicherheitsvorkehrungen für diesen Prozess sind enorm. Ein Großaufgebot an Einsatzkräften ist für den ersten Prozesstag rekrutiert worden. "Bei mehreren Treffen haben wir die Sicherheitslage abgestimmt", sagt Michael Hackbarth, der für das Oberlandesgericht die Maßnahmen koordiniert. Er hat den Tagesablauf minutiös durchgeplant, hunderte Beamte und Dutzende Kameras werden jede Bewegung im Gebäude beobachten.

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2003 ist das Prozessgebäude zwischen Hamm und Bilk errichtet worden, es gilt als die modernste Anlage Europas und besser gesichert als Stammheim. Der rund drei Meter hohe Zaun um das Gelände ist mit Stacheldraht und Bewegungsmeldern versehen, rund ein Dutzend Kameras erfassen jeden Winkel, weitere zwei Dutzend sind im Gebäude angebracht. Türen lassen sich nur per Code öffnen, der regelmäßig geändert wird.

Nach den Anschlägen vom 11. September wurde der Bau geplant, für Verhandlungen, die spezieller Hochsicherheitsvorkehrungen bedürfen. Seit 2004 fanden hier etliche aufsehenerregende Prozesse gegen Terroristen und Schwerverbrecher statt. Denn die Bundesanwaltschaft lässt gern in Düsseldorf verhandeln, zum einen wegen des Prozessgebäudes, zum anderen wegen Richter Ottmar Breidling. Der 62-Jährige, der den Sauerland-Prozess leitet, hat bei den Karlsruhern einen guten Ruf: Er gilt als unnachgiebig und erfahren. Zuletzt verurteilte er die "Kofferbomber" von Köln zu lebenslanger Haft.

Richter Breidling erwarten 531 Prozessakten in dreifacher Ausführung. Die Dauer des Mammutprozesses wird auf zwei Jahre geschätzt, 47 Verhandlungstage sind bis September bereits angesetzt, dienstags bis donnerstags werden die Angeklagten jeweils zum Gericht gefahren.

Welchen Weg die JVA-Beamten dabei wählen, ist geheim. Das Gebäude kann von mehreren Seiten angefahren werden und verfügt über einen Hubschrauberlandeplatz, neben dem ein Aufzug direkt zum Zellentrakt im Keller führt. Stahltore ermöglichen die Zufahrt. Vor den Toren ist der Asphalt schwarz von Bremsspuren. "Die Wartezeit vor dem Tor soll so kurz wie möglich ausfallen", erklärt Hackbarth. An zwei Schleusen mit Ketten und herausfahrbaren Pollern werden die Wagen kontrolliert und dann in den Keller geleitet. An allen Wänden sind Schlagleisten: Hauen die Sicherheitsbeamten dagegen, lösen sie sofort Alarm aus.

Doch nicht der Gefangenentransport ist für Hackbarth die heikelste Phase, sondern der Einlass der Öffentlichkeit: Jede Person muss durch Metalldetektoren gehen, Ausweise werden kontrolliert, Handys eingezogen. Erst wenn die Zuschauer sitzen, werden die Gefangenen gebracht. Dann kommen Anwälte und Senat. Und wenn Richter Breidling den Prozess endlich eröffnet hat, kann Hackbarth ein erstes Mal tief durchatmen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: September 2007: Terroranschläge in Deutschland verhindert

(RP)