Terroranschlag in Berlin: Gedenken an Opfer vom Breitscheidplatz

Gedenken an Terroropfer: Der Breitscheidplatz wird zum Mahnmal

Anschlag am Breitscheidplatz in Berlin: Angela Merkel gesteht Fehler ein

Alle Welt kennt den Täter. Aber auch die Opfer? Ein Jahr nach dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt erinnert nun ein Mahnmal an sie. Und die Kanzlerin verspricht, aus Fehlern zu lernen.

Ein Truck! Auf dem Weihnachtsmarkt! Genau an der Stelle, an der ein Lkw vor genau einem Jahr zwölf Menschen tötete! Doch dieser Lkw parkt nur, bringt die Lautsprechertechnik für die abendliche Friedenskundgebung. Vor allem ist er weiß. Das vom tunesischen Islamisten entführte Mordwerkzeug war schwarz. Ist der Unterschied von einem Jahr so groß wie dieses Schwarz und dieses Weiß?

Die Budenstadt ist zu. Stille herrscht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beginnt in seiner Ansprache vor den Angehörigen bei der morgendlichen Andacht ebenfalls mit dieser Stille, an die sich viele erinnern, die damals erschüttert zum Tatort eilten. "Es war jene bleierne Stille, die eintritt, wenn die Sprache versagt, wenn Worte für das Unfassbare fehlen", sagt das Staatsoberhaupt.

Merkel räumt Versäumnisse ein

Die Angehörigen der zwölf Getöteten haben darum gebeten, ohne Öffentlichkeit und ohne Medien den Tag des Gedenkens zu beginnen. Hinterher stellt sich die Kanzlerin lediglich abseits des Geschehens vor die Kameras. Ein Tag der Trauer sei dies heute, sagt sie, "aber auch ein Tag des Willens, das, was nicht gut gelaufen ist, besser zu machen."

Tags zuvor hatte sie mit über 80 Opfern im Kanzleramt zusammen gesessen. Drei Stunden lang. Ist von Tisch zu Tisch gegangen, hat sich vieles angehört. Und dann versprochen, in einiger Zeit wieder zusammen zu kommen und sich gemeinsam anzuschauen, was nun verbessert wurde.

Der Berliner Senat lobt sich unterdessen selbst, als erstes Bundesland eine zentrale Anlaufstelle für Terroropfer geschaffen zu haben. Als Konsequenz aus den bedrückenden Erlebnissen der Betroffenen vom Breitscheidplatz. Berlins Regierender Michael Müller bittet sie bei einer Gedenkfeier im Abgeordnetenhaus um Verzeihung für Versagen und Pannen.

"Wir waren in Deutschland nicht ausreichend vorbereitet"

Müller meint damit auch fehlendes Fingerspitzengefühl von Behörden. So wie es seine eigene Verwaltung bei der Vorbereitung des Gedenkens wieder belegte, indem sie die Einladung an die Angehörigen mit dem Hinweis versah, den öffentlichen Nahverkehr zu wählen, Taxikosten müssten sie selbst bezahlen.

Bundes-Opferbeauftragter Kurt Beck meint bei diesem Gedenken, Deutschland sei auf einen Terroranschlag "nicht ausreichend vorbereitet" gewesen. Aber offenbar laufen auch die Nachbereitungen noch nicht rund. Mit einjähriger Verspätung will der Bundestag nun an eine Verbesserung der Opferentschädigung heran. Beschlossen ist sie noch lange nicht.

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Am Nachmittag am Ort des Geschehens: Die Absage an den Terror als Aufsager: Abwechselnd treten Fernsehleute aus der ganzen Welt vor die Gedenkstätte, manchmal auch gleichzeitig. Sie senden die Trauer in die ganze Welt. Einerseits dichte Medienpräsenz, andererseits kommt die Anteilnahme der Bevölkerung zunächst nur mühsam in Gang.

Den Toten des Terrors einen Namen geben

Der Ort des Gedenkens ist weiträumig abgesperrt, die Gitter werden von Polizisten mit Maschinenpistolen gesichert. Das ist die Vorbereitung auf Demonstrationen, die am Abend den Jahrestag nutzen, um gegen Migration und gegen Rassismus und gegen Rechts und gegen Links zu protestieren. Die sollen sich nicht begegnen und auch nicht die Lichterkette stören. Aber zunächst einmal schrecken die Absperrungen ab, sich am Gedenken zu beteiligen.

Es war ein weiter Weg für die Angehörigen hin in die Öffentlichkeit des Jahrestages, wie Pfarrer Martin Germer verfolgen konnte. Zunächst hätten sie anonym trauern wollen, allein sein wollen mit ihrem Schmerz. Deshalb bestanden sie auch darauf, dass die Namen der Getöteten nicht veröffentlicht werden. Dann hätten sie sich aber gefragt, warum alle Welt den Täter kennt, die Opfer aber niemand wahrnimmt. Es folgte die bewusste Entscheidung, den Toten des Terrors Namen und Gesichter zu geben.

Die Namen stehen nun weithin lesbar auf den Stufen zur Gedächtniskirche. Genau dort, wo Amri vor einem Jahr tötete. Und von dieser Treppe zieht sich ein mit einer Kupfer-Zink-Legierung ausgegossener Riss 17 Meter lang über das Pflaster des Platzes, genau über den Tatort hinweg. Goldstaub wurde hinzugefügt, um das Symbol für eine tiefe Verwundung noch mehr hervorzuheben - und um klar zu machen, dass sie nach einem Jahr vernarbt sei, aber diese Narbe ewig bleibe.

"Wenn uns nur Liebe bleibt…"

Seit dem Treffen beim Bundespräsidenten im März seien die Angehörigen zu einer sich selbst stützenden Gemeinschaft zusammengewachsen, berichtet Germer. Und so sind sie vorbereitet zum Gedenken gekommen. Mit Kisten voller Buttons, unter Mithilfe professioneller Grafiker selbst entworfen. Auf einem blutroten Streifen steht das Datum des Anschlags. Die bunten schrägen Streifen der Vielfalt treten dahinter zurück. Aber ein nach oben gerichteter goldener soll die Hoffnung für die Zukunft symbolisieren. So sieht man denn Buttons auf Mänteln und Jacken als Zeichen der Solidarität der vielen, die am Abend an der Flamme aus Betlehem die Kerzen zur Bekundung der Anteilnahme entzünden.

Es gibt viele Worte an diesem Tag. Damit soll Mut gemacht und Besserung gelobt werden. Es gibt auch starke Symbole. Zum Beispiel gießen die Hinterbliebenen zusammen das letzte Stück des Mahnmals. Und um 20.02, dem Zeitpunkt des Attentates vor einem Jahr, läuten die Glocken der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zwölf Minuten lang - eine Minute lang für jeden Getöteten. Und es gibt ganz einfache Sätze an diesem Tag. Anja Antonowicz, die polnische Schauspielerin, spricht die Gedanken von Jacques Brel, die beginnen mit "Wenn uns nur Liebe bleibt…" und enden mit: "… dann, Freunde, gehört uns die Welt".

(may-)