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Tarifkonflikt bei der Bahn: GDL-Chef Weselsky sieht sich als Sieger

GDL-Chef Weselsky hofft jetzt auf mehr Mitglieder : „Wir haben bewiesen, dass wir es können“

Der Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), Claus Weselsky, sieht sich als Sieger des Tarifstreits mit der Deutschen Bahn. Er hofft jetzt auf mehr Mitglieder. Dass die drei Streiks großen Schaden angerichtet hätten, bezeichnet er als „Quatsch“.

Herr Weselsky, das war ein langer Kampf. Hat er sich gelohnt?

Weselsky Mehr als das. Es war zwingend notwendig, dass wir unsere Freiheitsrechte verteidigt haben. Erst mit dem Einstieg in die Verhandlungen für alle Mitarbeiter – Werkstatt, Verwaltung, Zugbegleiter, Rangierer, Wagenmeister – war es überhaupt möglich, über konkrete Inhalte zu reden.

Ihnen ging es in Wahrheit doch auch darum, die GDL gegenüber der Konkurrenzgewerkschaft EVG zu stärken.

Weselsky Die GDL ist stark. Weil sie eine solidarische Mitgliedschaft hat, einen solidarischen Dachverband und einen Vorstand, der weiß, was er tut.

Nochmal: War der Streik nicht auch stark gewerkschaftspolitisch motiviert?

Weselsky Als Gewerkschaft muss es immer darum gehen, nicht nur Mitglieder zu haben, sondern auch weitere zu bekommen. Das Tarifeinheitsgesetz wirkt. Und wenn die entscheidende Komponente ist, wer hat mehr Mitglieder, muss es doch erlaubt sein, sich entsprechend zu positionieren. Die Eisenbahner wissen jetzt jedenfalls, dass wir für sie mehr Einkommen als vorher errungen und ihre Betriebsrente verteidigt haben. Das werden sie hoffentlich honorieren mit Beitritt in die GDL.

Bedeutet das auf der anderen Seite nicht eine Spaltung der Eisenbahner?

Weselsky Die gibt es an einer ganz anderen Schnittstelle. Und zwar zwischen den Arbeitnehmern und den Führungskräften, von denen viele die Mitarbeiter als reine Personalnummer betrachten.  Diese Spaltung im Konzern ist schon seit Jahren da. Das sehen Sie auch daran, dass es am Ende 24.000 Mitarbeiter gab, die sich am Streik beteiligt haben.

Sie sind mal wieder zum Buhmann geworden. Wie gehen Sie damit um?

Weselsky Es stimmt, ich erlebe das nicht zum ersten Mal. Aber ich kämpfe für die Sache, egal, wie stark der Gegenwind ist. Ich akzeptiere kein Bashing gegen eine Gewerkschaft, die für ihre Mitglieder Tarifverträge aushandeln will. Jetzt haben hoffentlich alle begriffen, dass der Arbeitskampf erforderlich war, wenn man einer Gewerkschaft einerseits das Tarifeinheitsgesetz vorsetzt, andererseits ihr aber das Recht verweigern will, Tarifverträge für alle Beschäftigten abzuschließen. Das passt nicht zusammen. Deswegen bleibe ich dabei: Die Auseinandersetzung war ein Angriff der Deutschen Bahn auf die Existenz der GDL. Den abzuwehren, hat drei Streiks erforderlich gemacht.

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Welche Botschaft haben Sie denn nun für die vielen verärgerten Kunden?

Weselsky Den Kunden sage ich: Wir sind in die Auseinandersetzung gezwungen worden. Unsere Mitglieder fahren auch lieber pünktlich die Züge und transportieren Fahrgäste und Güter. Wir mussten uns wehren. Die meisten Kunden sind doch auch Arbeitnehmer. An unserem Beispiel kann man erkennen, wie wichtig es ist, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

Die Bahn sagt, die Streiks hätten große Schäden angerichtet. Das müssen Sie sich vorwerfen lassen.

Weselsky Das ist doch Quatsch. Die Bahn ist schon 2019 in der Bilanz abgeschmiert. Wegen eines jahrelangen Missmanagements hat das Unternehmen mittlerweile wieder 30 Milliarden Euro Schulden – und keiner beantwortet die Frage, warum wir eigentlich 3500 oberste Führungskräfte haben müssen? Kein Fahrdienstleiter hat den Zustand des Konzerns zu verantworten. Corona hat das ganze Dilemma nur aufgedeckt.

Wann kommt der nächste Streik?

Weselsky Jetzt gilt bis zum 30. Oktober 2023 Friedenspflicht.  Von mir aus muss danach kein weiterer Streik kommen. Aber:  Wir haben bewiesen, dass wir es können.