Studie zur Pflege: Zu wenig Personal, keine Wertschätzung und Unzufriedenheit

Umfrage in der Branche : "Die Pflege ist ein Pflegefall"

Eine Studie zeigt abermals, wie unzufrieden die Pflege-Branche ist. Die Politik will handeln, sieht aber auch die Berufsverbände in der Pflicht.

Keine Wertschätzung, mittelmäßige Qualität in der Versorgung und viel zu wenig Personal - die Stimmung in der Pflegebranche ist schlecht. Das geht aus dem neuen "Care Klima-Index" des Marktforschungsinstituts Psyma in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Pflegetag hervor. Interessensvertreter fordern daher mehr Hilfe aus der Politik - diese verspricht, schnell zu handeln, appelliert aber auch an die Branche, sich selbst zu helfen.

"Die Ergebnisse der Befragung sind für mich nicht überraschend. Sie bestätigen unsere Kritik an den Entwicklungen in der Pflege und insbesondere in den Pflegeberufen", sagt Franz Wagner, Präsident des Deutschen Pflegerats, der die Interessen der Berufsverbände der Pflegebranche vertritt.

Insgesamt 2016 Personen haben ihre Einschätzung zu dem Thema abgegeben. Um ein Stimmungsbild der gesamten Branche zu ermitteln, wurden Vertreter verschiedener Zielgruppen, darunter Pfleger, Ärzte, Pflegebedürftige und pflegende Angehörige befragt. Das Ergebnis: 91 Prozent aller Pfleger sehen sich von der Politik im Stich gelassen, mehr als die Hälfte der Altenpfleger fühlt sich nicht wertgeschätzt.

Die meisten Pfleger halten außerdem die personelle Ausstattung in der Pflege für nicht ausreichend. Das bestätigen auch 72 Prozent der befragten Ärzte. Anders bewerten die Frage nach der personellen Ausstattung die Kostenträger wie zum Beispiel die Krankenkassen: 45 Prozent von ihnen sind der Ansicht, man werde mit dem Personal der Situation zumindest teilweise gerecht.

Viel skeptischer als die Kostenträger blicken die Pfleger auch in die Zukunft: 65 Prozent halten die Versorgung in der Zukunft für gefährdet, während knapp die Hälfte der Kostenträger positiv auf das Kommende schaut. Die Qualität in der Pflege schätzt ein Großteil der Beschäftigten als nur mittelmäßig ein. In der Altenpflege halten 28 Prozent der Pfleger sie sogar für mangelhaft. Mit der Ausbildung in den Pflegeberufen hat das aus Sicht der Beschäftigten aber wenig zu tun: 73 Prozent halten sich für gut ausgebildet.

Pflegerats-Präsident Wagner fordert etliche Maßnahmen, um Pflegeberufe wieder attraktiver zu machen. So brauche es deutlich mehr Personal, um überlastete Pflegekräfte zu unterstützen. Durch die hohe Arbeitsbelastung komme es auch zu hohen Ausfallzeiten. "Die Pflege ist ein Pflegefall", sagt Wagner. Damit sich die Lage entspannt, sollen nach seiner Vorstellung auch viele Teilzeitkräfte in die Vollzeit wechseln. Pfleger müssten zudem besser bezahlt werden.

Während Krankenpfleger oft mehr als die meisten Pflegekräfte verdienen, liegt der Lohn in der Altenpflege laut einer aktuellen Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) noch weit darunter: Mit im Schnitt 2621 Euro brutto verdienten Altenpfleger 16 Prozent weniger als die Beschäftigten in der Pflege insgesamt, heißt es.

"Die Bedingungen sind mies"

Für mehr Lohn tritt auch die Gewerkschaft Verdi ein: "Die Bedingungen für diesen gesellschaftlich bedeutsamen, körperlich und psychisch anstrengenden Beruf sind mies. Seit Jahren kämpfen wir deshalb für mehr Personal und bessere Löhne", sagt Sylvia Bühler vom Verdi-Bundesvorstand. Die Politik habe in der Vergangenheit viel versprochen, davon sei bei den Beschäftigten aber nichts angekommen. Franz Wagner kommt zu einem ähnlichen Schluss: "Es gab eine Reihe wichtiger Reformen in der letzten Legislaturperiode. Doch der einzelne Alten- oder Krankenpfleger hat davon nichts oder fast nichts gespürt."

In der vergangenen Wahlperiode ist im Bereich Pflege in der Tat etwas geschehen: Die Leistungen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen wurden deutlich ausgeweitet. Insbesondere die Angebote für Demenzkranke sind verbessert worden. Für pflegende Angehörige gibt es mehr Hilfen, damit sie von ihren Aufgaben auch mal eine Auszeit nehmen können. Allerdings fehlt es im Alltag oft an Personal, das die geltenden Ansprüche der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen erfüllen kann. In den Kliniken sieht es nicht besser aus als in der Altenpflege: Auch hier fehlt das Personal. Im vergangenen Jahr einigte sich Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) mit den Ländern darauf, im Intensivbereich Personaluntergrenzen einzuführen. Sie sollen erst ab 2019 gelten.

Laumann sieht Branche in der Pflicht

Im Wahlkampf kam das Thema Pflege mit Macht auf die Agenda, weil Pflegekräfte in Wahlveranstaltungen ihrer Verzweiflung darüber Luft machten, dass sie wegen der Personalknappheit keine Chance haben, die Patienten und andere Pflegebedürftige würdig zu versorgen. Das Sondierungspapier von Union und SPD für eine große Koalition sieht vor, die Bezahlung in der Alten- und Krankenpflege "sofort und spürbar" zu verbessern. Die Kosten dafür sollen im Krankenhausbereich die Krankenkassen tragen. Außerdem sollen 8000 zusätzliche Stellen für Pflegekräfte geschaffen werden. Personaluntergrenzen sollen künftig für alle stationären Bereiche in Krankenhäusern gelten.

Der NRW-Gesundheitsminister und Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Karl-Josef Laumann (CDU), sieht aber auch die Branche in der Pflicht: "Das Gesundheitssystem verwaltet sich selbst und muss deshalb auch selbst aktiv werden", sagt er. In seinem Land will er deshalb die Gründung einer Interessensvertretung für die Pflege vorantreiben. Das will auch Franz Wagner: Damit die Pflegenden mehr Mitspracherecht bekommen, fordert er die Einsetzung von Pflegekammern.

(lai, qua)
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