Studie: Forscher sehen Zusammenhang zwischen Facebook-Nutzung und Gewalt gegen Flüchtlinge

Studie aus Großbritannien : Führt Facebook-Nutzung zu mehr Gewalt gegen Flüchtlinge?

Britische Forscher sehen einen Zusammenhang zwischen einer hohen Facebook-Aktivität und Gewalttaten gegen Flüchtlinge. Reporter der „New York Times“ überprüften die Ergebnisse jetzt in Altena.

In Orten, in denen Facebook überdurchschnittlich genutzt wird, werden häufiger Verbrechen gegen Flüchtlinge verübt – zu diesem Ergebnis kommt eine Studie aus Großbritannien. Städte und Gemeinden mit einer geringeren Nutzung der sozialen Plattform waren demnach seltener betroffen. Die Forscher verzeichneten zudem weniger Angriffe auf Flüchtlinge, wenn das Thema Migration in den sozialen Medien in den Hintergrund rückte – etwa, weil andere Themen gerade dominierten.

Die Wissenschaftler Karsten Müller und Carlo Schwarz von der University of Warwick hatten für ihre Untersuchung 3335 Fälle aus Deutschland ausgewertet. Diese stammten aus dem Zeitraum zwischen 2015 und Anfang 2017, als besonders viele Migranten nach Europa kamen. In ihrer Studie „Fanning the Flames of Hate: Social Media and Hate Crime“ stellen die Forscher einen Zusammenhang zwischen den Straftaten und ortsbezogenen Daten von Facebook-Nutzern her.

Soziale Medien seien zwar nicht der alleinige Auslöser von Hasskriminalität. Durch den „Propaganda-Mechanismus“ von Facebook könnten Hassgefühle aber aufflammen, verstärkt werden und zu Gewalttaten führen, heißt es weiter.

Veröffentlicht wurden die Ergebnisse der Studie bereits im Mai. Zwei Reporter der „New York Times“ überprüften die These der Untersuchung jetzt in Deutschland: Im nordrhein-westfälischen Altena recherchierten sie die Hintergründe zweier mutmaßlich ausländerfeindlichen Taten - und sahen die Studienergebnisse bestätigt.

Im Oktober 2015 hatte ein Feuerwehrmann in Altena eine Unterkunft für Asbewerber angezündet. In Gesprächen mit Bewohnern fanden die Reporter heraus, dass der Täter auf Facebook gegen Flüchtlinge gehetzt hatte. Im Alltag habe er unscheinbar gewirkt.

Im November 2017 attackierte ein Mann den Bürgermeister von Altena, Andreas Hollstein (CDU), mit einem Messer. Der Politiker hatte zuvor entschieden, mehr Flüchtlinge als vorgeschrieben in Altena aufzunehmen. „Mich lässt du verdursten, aber holst 200 Ausländer in die Stadt“, soll der Angreifer gerufen haben, bevor er auf den Bürgermeister losging. Im Vorfeld habe es auf lokalen Webseiten vermehrt Hasskommentare gegen den Bürgermeister gegeben, sagte ein Staatsanwalt den Journalisten der „New York Times“.

Die Ergebnisse ihrer Studie erklären die Wissenschaftler damit, dass Facebooknutzer sich in sogenannte Filterblasen bewegen, die ein verzerrtes Bild der Realtität abgäben: Obwohl etwa die Mehrheit einer Gemeinde Flüchtlinge unterstütze, könne in Gruppen eine Minderheit durch zahlreiche Posts den Eindruck erwecken, dass Ausländerhass vorherrsche. Dies gelte vor allem bei „gesellschaftlichen Außenseitern“.

Solche „Blasen“ könnten User zu Gewalttaten animieren – allerdings nur, wenn eine ausländerfeindliche Tendenz bereits existiere, meinen die Forscher. Sie schätzen, dass zehn Prozent der Übergriffe auf Flüchtlinge auf diesen Effekt durch Facebook zurückzuführen sind. Die Studie sei von mehreren Experten überprüft worden, berichtete die „New York Times“. Diese hätten die Ergebnisse als glaubwürdig und beunruhigend eingestuft.

(mba)
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