Streit um deutsche Nationalhymne: Schwesterlich mit Herz und Hand

Streit um deutsche Nationalhymne: Schwesterlich mit Herz und Hand

Die Bundesbeauftragte für Gleichstellung will unsere Nationalhymne genderneutral umdichten. Dabei gibt es andere Bereiche, in denen man die Gleichstellung von Mann und Frau vorantreiben sollte. Hymnen sind kein Produkt des Zeitgeistes.

Deutschland wäre - was die Emanzipation angeht - das glücklichste Land, wenn die Nationalhymne der einzige Bereich wäre, in dem die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau noch Lücken aufwiese.

Man könnte Kristin Rose-Möhring, Bundesbeauftragte für Gleichstellung, zur Beinahe-Vollendung der Gleichberechtigung gratulieren. Leider ist dieser fortschrittliche Stand noch nicht erreicht: Frauen verdienen weniger, haben noch nicht den gleichen Zugang zu Führungsjobs und erledigen den größten Teil der Hausarbeit, ob sie wollen oder nicht. Deshalb könnte man schon fragen, ob der Gebrauch einer genderneutralen Sprache für die deutsche Nationalhymne Priorität hat.

Zugegeben: Es würde die Hymne nicht beschädigen, wenn statt "brüderlich mit Herz und Hand" nun "couragiert mit Herz und Hand" stehen würde oder das Vaterland in ein Heimatland umgewandelt würde.

Allerdings würde es die Emanzipation auch nicht entscheidend voran bringen. Und es wäre nicht einmal ausgeschlossen, ob die Herren der Schöpfung (und wahrscheinlich auch viele Frauen) weiter den alten Text singen, wenn sie ihn überhaupt auswendig können.

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Warum deshalb nicht einfach den alten Text lassen, der in einer bestimmten Phase der deutschen Geschichte entstanden ist, und — versehen mit einer schönen Melodie — zur Demokratie in unserem Land einen Beitrag geleistet hat? In der französischen Hymne ist von blutdurchtränkten Furchen die Rede, die durch die getöteten Feinde der Freiheit gefüllt werden.

Hymnen sind kein Produkt des Zeitgeistes

Die niederländische spricht von teutschem Blut, auch nicht gerade eine Lieblingsvorstellung unserer Nachbarn. Und die italienische Hymne — na, da erwartet man anscheinend auch nichts anderes — beginnt mit den Brüdern Italiens als Ausdruck republikanischer Solidarität. Eine Hymne, die eine Nation geformt hat, darf deshalb knorrig sein, ein Zeugnis der Geschichte, in etlichen Punkten überholt. Sie lebt durch die gemeinsame Erinnerung.

Hymnen sind deshalb kein Produkt des Zeitgeistes. Sie müssten sonst allzu oft geändert werden. Singen wir also voller Stolz die dritte Strophe "Einigkeit und Recht und Freiheit" nicht nur bei Spielen der Fußballnationalmannschaft, sondern auch an Festtagen der Demokratie. Und wer unbedingt möchte, der macht aus dem Vaterland ein Heimatland und verwandelt "brüderlich" in "schwesterlich". Warum auch nicht?

(kes)